Die andere Entwicklungshilfe der Schweiz

Migranten in der Schweiz schicken jedes Jahr mehrere Milliarden Franken in die Heimat. Die Motive sind dabei so vielfältig wie die Folgen – der Geldregen aus der Ferne ist jedoch nicht nur ein Segen.

Gewaltiger Geldstrom: Schild in einer Western-Union-Filile. (29. März 2009)

Gewaltiger Geldstrom: Schild in einer Western-Union-Filile. (29. März 2009) Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dieses Mal muss Marcello Santos (Name geändert) nicht lange warten. Die Schlange vor den Western-Union-Schaltern von SBB Change im Berner Bahnhof ist kurz. Der Brasilianer, der seit zwölf Jahren in der Schweiz lebt und arbeitet, schiebt ein paar Geldscheine über den Tresen, erledigt die Formalitäten. «Ich schicke regelmässig Geld nach Hause», sagt der 34-Jährige, «mal mehr, mal weniger» – wie viel genau, will er nicht verraten.

Rein statistisch sind es monatlich 278 Franken. So viel zahlt im Schnitt jeder in der Schweiz lebende Brasilianer an die Daheimgebliebenen, rechnet man die Zahlen der Weltbank zu den globalen Geldüberweisungen von Migranten entsprechend um. So oder so: Für Santos’ Eltern und die fünf Geschwister daheim in São Paulo ist jeder Zustupf aus der Schweiz wortwörtlich Gold wert – erst recht seit der Frankenstärke: Die Familie habe sonst nur das Einkommen des Vaters zum Leben, erklärt der Brasilianer: «Umgerechnet rund 70 Franken pro Monat.»

Gewaltiger Geldstrom

So wie Marcello Santos überweisen hierzulande Hunderttausende Migranten Monat für Monat einen Teil ihres Lohns in die Heimat – oder bringen ihn als Grenzgänger oder Kurzaufenthalter nach Hause. Das Resultat ist ein gewaltiger Geldstrom – im Fachjargon Remittances genannt: Rund 27 Milliarden Franken flossen so 2011 laut Zahlungsbilanz der Schweizerischen Nationalbank (SNB) in alle Ecken der Welt. Das ist ein neuer Rekord – und nahezu doppelt so viel wie noch 2006. Damit ist die Schweiz inzwischen hinter den USA und Saudiarabien weltweit zum drittwichtigsten Senderland aufgestiegen. Knapp zwei Drittel des Geldes machen dabei die Grenzgängerlöhne aus.

Über 6 Milliarden im 2011

Besonders markant ist aber die Zunahme der privaten Überweisungen von niedergelassenen Einwanderern. Denn diese Zahlungen wachsen mittlerweile mehr als doppelt so schnell wie die ausländische Wohnbevölkerung: Über 6,1 Milliarden Franken schickten die Migranten 2011 nach Hause – via Transferfirmen wie Western Union oder Moneygram, per Internet, Bank oder Post. Vom amerikanischen CEO mit Millioneneinkommen bis zur algerischen Hausfrau: Jeder einzelne der rund 1,8 Millionen hierzulande wohnenden Ausländer überweist demnach heute im Schnitt rund 3500 Franken pro Jahr in sein Herkunftsland – Tendenz steigend. Das ist unter den Topsenderländern der Spitzenwert. Dabei sind das nur die offiziell registrierten Gelder: «Die SNB erfasst nur die formellen Transfers innerhalb des Finanzsektors», betont Thomas Schlup, Leiter Zahlungsbilanz bei der SNB. Hinzu kommt etwa das Bargeld, das über Boten und andere informelle Wege in die Heimat zurückgelangt. Den Gesamtumfang genau zu beziffern, sagt das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), «ist nicht möglich».

Experten behelfen sich mit einer Faustregel: Mindestens die Hälfte der offiziellen Gelder müsse draufgeschlagen werden – im Falle der Schweiz also weitere 3 Milliarden Franken. Für Serbien hat das Seco in einer Studie sogar errechnet, dass 80 Prozent von jährlich etwa 60 Millionen Franken über solche informellen Kanäle zurückfliessen.

Eigennutz und sozialer Druck

Weder das Seco noch die SNB erheben aber regelmässig, in welches Land wie viel Geld abwandert – zumal die Schweiz keine generelle Deklarationspflicht kennt. Dafür schätzt die Weltbank diese Geldflüsse anhand von Ausländerbeständen und Lohnniveaus. Nach den aktuellsten Zahlen für das Jahr 2010 bleibt der Grossteil des Schweizer Fremdarbeiterbatzens in Europa: Insgesamt knapp 2 Milliarden Franken werden allein in die drei Nachbarländer Frankreich, Österreich und Deutschland transferiert.

Hier geht das Geld freilich nicht an Verwandte, die am Hungertuch nagen. Gemäss diversen Untersuchungen steht bei diesen zumeist höher qualifizierten Absendern primär der Eigennutz im Vordergrund: die Vermögensanlage oder die Vorsorge für die Heimkehr im Alter. Doch auch wer aus ärmeren Ländern in die Schweiz kommt, verschenkt sein hart erarbeitetes Geld nicht allein aus purer Nächstenliebe: «Meine Familie erwartet das von mir», schildert etwa Marcello Santos den sozialen Druck als gewichtigen Grund.

Häufig schicken Familien oder Dorfverbände junge Männer denn auch eigens dazu los – mitunter auch mehrere in verschiedene Länder, um das Risiko zu verteilen. Ein typisches Muster für die Motive der Zahler hat indes auch Manuel Orozco nicht gefunden, der seit Jahren dazu forscht. Sicher sei aber zweierlei, so der Politologe am Institut Inter-American Dialogue in einer Studie: Erstens hängt die Höhe der geschickten Beträge weniger vom Einkommen im Gastland ab. Entscheidender sind in der Regel vielmehr die Lebenshaltungskosten zu Hause. Zweitens nimmt die Zahlungsbereitschaft markant zu, wenn in der Heimat eine gravierende Krise herrscht.

Anschaulich beobachten lässt sich dies gegenwärtig etwa bei den EU-Krisenländern. Beispiel Portugal: Von 2010 auf 2011 kamen 5 Prozent mehr Portugiesen in die Schweiz. Die Überweisungen der inzwischen zweitgrössten Ausländergruppe hierzulande wuchsen im gleichen Zeitraum aber nach Angaben der portugiesischen Nationalbank um satte 17 Prozent: 854 Millionen Franken schickte die Diaspora in der Schweiz letztes Jahr in die krisengeschüttelte Heimat – das ist mehr als ein Viertel des gesamten Geldes, das portugiesische Emigranten aus der ganzen Welt nach Hause überwiesen.

Bessere Entwicklungshilfe?

Auch in Entwicklungs- und Schwellenländern lindert das Einkommen aus der Ferne die akute Not: «Migranten leisten so einen sehr wesentlichen Beitrag zur direkten Armutsbekämpfung», betont das Seco. Das Potenzial ist riesig: Die öffentliche Entwicklungshilfe der Schweiz betrug 2010 knapp 2,4 Milliarden Franken – die offiziell registrierten Überweisungen der Migranten allein dagegen 5,7 Milliarden.

Für so manchen Entwicklungshelfer und -politiker sind diese lange unterschätzten Zahlungen auch die bessere Entwicklungshilfe. Denn das Geld kommt regelmässig und zuverlässig und geht direkt von Haushalt zu Haushalt. Weder staatliche Stellen noch Experten oder Projekte sind zwischengeschaltet, wo das Geld versickern könnte.

Gefährliche Folgen

Doch nicht alle stimmen in diesen Jubelchor ein. Denn der Milliardenregen aus der Fremde kann auch rasch zum Fluch werden. So etwa in Staatsruinen wie Tadschikistan, wo die Remittances mehr als ein Drittel des Bruttoinlandprodukts ausmachen.

Ein anders Hauptproblem: Die Verwendung des Geldes ist nicht steuerbar – und die Forschung zeigt: Das meiste geht in den Heimatländern der Migranten für den schnellen Konsum drauf oder für den Hausbau. Nachhaltig investiert wird es laut Seco genauso selten, wie es etwa für produktive Unternehmensgründungen verwendet wird. «Schlimmstenfalls kann dies den Preisdruck erhöhen und die Armut sogar verschärfen», warnt ein Ökonom der Weltbank.

Findige Internetunternehmer haben die Probleme bereits erkannt und zum Geschäft gemacht: Ware statt Geld lautet deren Konzept, das vor allem in Afrika boomt. Per Mausklick können die Auswanderer direkt für die Familie daheim Schulgelder und Rechnungen bezahlen oder gar einkaufen.

> (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.11.2012, 11:54 Uhr

Artikel zum Thema

Erfolgreiche Entwicklungshilfe führt oft zu mehr Zuwanderung

Steigt in ärmeren Staaten der Wohlstand, nimmt auch die Migration zu, sagt eine neue Studie. Mehr...

«Entwicklungshilfe kann Migration nicht steuern»

Nach dem Erscheinen einer kritischen Foraus-Studie stellt das Aussendepartement klar: Entwicklungshilfe und Migration haben nichts miteinander zu tun – fast nichts. Mehr...

Parlamentarier zweifeln an Entwicklungshilfe-Studie

Entwicklungshilfe fördert die Auswanderung, wurde laut einer Studie gestern bekannt. Jetzt wehren sich Parlamentarier in Bern. Mehr...

Blogs

Sweet Home Der Charme der Bescheidenheit

Tingler Alles auf Zeit

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Wiederspiegelt die Gesellschaft: Ein Fahrradfahrer fährt im Lodhi Art District von Neu Dehli an einem Wandbild vorbei. (24. März 2019)
(Bild: Sajjad HUSSAIN) Mehr...