Die bessere Blocher

Als Unternehmerin hat Magdalena Martullo-Blocher ihren Vater bereits überflügelt. Nun steigt die älteste Tochter des SVP-Chefstrategen auch in die Politik ein.

Magdalena Martullo-Blocher gibt ihre Kandidatur bekannt. Video: TA

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Schön posieren kann sie. Mal mit einer Schutzbrille, mal mit einem Abbruchhammer, mal im bunten Blazer am Konferenztisch, so lässt sich Magdalena Martullo-Blocher für Interviews gern ablichten. Eitelkeit ist ihre Sache nicht – zumindest nicht die Art von Eitelkeit, die sich in der Präsentation einer wohlgefälligen Oberfläche erschöpft.

Auch an der gestrigen Pressekonferenz zu ihrer Nationalratskandidatur wirkte Christoph Blochers älteste Tochter ruhig und abgeklärt. Nur ihr unablässig wippender Fuss im praktischen Halbschuh verriet eine gewisse Anspannung.

Martullo Blocher nach der PK in Chur im Interview.

Noch im Februar hatte Martullo-Blocher verlauten lassen, für Bundesbern fehle ihr «schlicht die Zeit», doch dieses Problem scheint sich in der Zwischenzeit in Luft aufgelöst zu haben. Oder von Wichtigerem überlagert worden zu sein. Gestern schilderte Martullo ausführlich die politischen Missstände, die sie fast schon dazu zwingen, sich als Nationalrätin für die SVP Graubünden zur Wahl zu stellen. So sind die Blochers: Einem höheren Auftrag widersetzt man sich nicht.

Martullo-Blochers Kandidatur passt perfekt ins Schema ihrer psychologischen Disposition: So gross die Ähnlichkeit mit ihrem Vater sei, was ihre Physiognomie, ihre Körpersprache, ihr Denken betreffe, so stark sei ihr Bedürfnis, ihm ihre Unabhängigkeit zu beweisen, so heisst es aus ihr nahestehenden Kreisen. Dazu muss sie ihn auf dem eigenen Terrain schlagen, womit sie wiederum den innigsten Wunsch des Vaters erfüllen dürfte, der immer wieder betont, dass seine Tochter sogar noch besser sei als er. Eine klassische Zwickmühle.

Ruppiger Führungsstil

Einmal ist es ihr bereits gelungen. Als ihr Vater im Dezember 2003 in den Bundesrat gewählt wurde, rückte sie unerwartet an die Spitze der Ems-Chemie auf. Zu diesem Zeitpunkt hatte die damals 34-Jährige kaum Führungserfahrung, war schwanger mit ihrem dritten Kind und sollte plötzlich ein Unternehmen mit 2000 Angestellten übernehmen. Für Martullo-Blocher keine Frage. Sie übernahm den Job, denn das tut eine Blocher, wenn die Pflicht es gebietet. Und vor allem wenn sie beweisen will, dass sie die bessere Blocher ist.

Als frisch gekürte Ems-Chefin begnügte sich die HSG-Absolventin nicht damit, das Geschäft ihres Vaters einfach weiterzuführen. Sie machte es zu ihrem eigenen. Als Erstes änderte sie die strategische Ausrichtung, konzentrierte sich auf die vielversprechenden Geschäftsfelder und trennte sich von den anderen. Dies mit durchschlagendem Erfolg. Seit sie das Unternehmen führt, folgt ein Rekordgewinn nach dem anderen.

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Eine brillante Analytikerin sei Martullo-Blocher, sagt Publizist Karl Lüönd. Weniger Spielerin, dafür zielorientierter als der Vater, dazu schlagfertig und mit Humor gesegnet. Legendär ist ihr ruppiger Führungsstil, den sie in einem Beitrag des Schweizer Fernsehens im Jahr 2010 vorführte. In breitem Denglisch fordert sie dort ihr Management auf, ihr die wichtigsten Führungsprinzipien zu nennen, als wäre es eine Reihe von Schulbuben.

Das sei «stark verzerrt und manipuliert» dargestellt worden, versucht Verwaltungsratskollege Ulf Berg diesen Eindruck zu korrigieren. Sie sei damals, so Lüönd, unter grossem Druck gestanden, ob sie der Führungsaufgabe gewachsen sei, und deshalb manchmal übers Ziel hinausgeschossen. Doch aus ihrem Umfeld heisst es auch, dass Martullo-Blocher ihre Mitarbeiter zuweilen tatsächlich vor versammelter Mannschaft blossstelle, wenn sie um ihre Autorität fürchte.

Disziplin, Qualität, Verantwortung

Wie der Vater bemüht sie immer wieder die gleichen Schlüsselwörter: Disziplin, Qualität, Verantwortung. Auch ihre Feinde sind dieselben wie seine: Schönwetterpolitiker, Bürokraten, Träumer. Und natürlich die EU. Auch sie greift gern zu deutlichen Worten, wenn ihr etwas wichtig ist. Und wie ihr Vater betont sie gern den Kampf, den gegen alle Widrigkeiten auszufechten ihre Aufgabe sei.

Doch es gibt auch wesentliche Unterschiede. Seine Stärke ist seine joviale Zugänglichkeit – sie wirkt kühl und kopfgesteuert. Er sonnt sich gern im Scheinwerferlicht und lässt keine Bühne aus, ohne den «Schacher Seppeli» zum Besten zu geben. Sie wirkt bei Auftritten verkrampft. Für eine angehende Politikerin ist das ein Handicap – doch keines, das sich nicht mit dem richtigen Training lösen liesse.

Für Demokratie pflegt sie allerdings nur eine lauwarme Liebe. Ihr politisches Vorbild ist China, «das Land mit der kompetentesten Exekutive der Welt», wie sie gern schwärmt: unbürokratisch, rechtlich stabil, wirtschaftsorientiert. Dass die Volksrepublik China von Funktionären regiert wird und ein grosses Korruptionsproblem hat, verschweigt sie dabei gern. Europa findet dagegen weniger Gnade: «Was nützt Europa deren Demokratie: Da werden den Leuten Leistungen versprochen, die nicht bezahlbar sind», sagte sie im TA-Interview. «Der Chinese ist in wirtschaftlicher Hinsicht heute besser bedient, die Regierung orientiert sich nämlich an seinem langfristigen Wohlergehen.» Was sie mit Wohlergehen genau meint und wem es denn letztlich wohl ergehen soll, lässt sie wohlweislich offen.

Als Unternehmerin, die einen Grossteil der Familienarbeit an ihren Mann delegiert, entspricht Martullo-Blocher in keiner Weise dem von der SVP gern gepflegten Ideal der Vollzeitmutter. Für sie ist das kein Widerspruch. Sie denke nicht in Fehlern, sondern in Chancen, sagt sie, und genau das könnte ihre Kandidatur für die SVP bedeuten. Wie jüngste Politumfragen zeigen, kann die Partei vor allem noch bei den Frauen wachsen. Martullo-Blocher wäre dafür die perfekte Vorzeigefrau. Posieren kann sie jedenfalls schon ganz gut.

Was die Menschen in Chur zur Nationalratskandidatur von Martullo-Blocher sagen.

Erstellt: 20.04.2015, 23:30 Uhr

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