Die deutsche Insel in der Schweiz

Es war ein kleines Stück Deutschland im Kanton Schaffhausen: Vor genau 50 Jahren kam die Enklave Verenahof zur Schweiz – nach zähen Verhandlungen und einem Volksaufstand.

Seit genau 50 Jahren gehört der Verenahof zur Gemeinde Büttenhardt im Kanton Schaffhausen. Foto: Urs Jaudas

Seit genau 50 Jahren gehört der Verenahof zur Gemeinde Büttenhardt im Kanton Schaffhausen. Foto: Urs Jaudas

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«Sie waren Auslandschweizer in der eigenen Gemeinde.» Das sagt Silvia Sigg, Gemeindepräsidentin von Büttenhardt SH, über die früheren Bewohner des Dorfteils Verenahof. Steuern zahlten die rund zwanzig «Verenahöfler» bis ins Jahr 1967 im nahen deutschen Wiechs am Randen. Auch die Schule sollten die Kinder jenseits der Landesgrenze besuchen; doch gegen ein Entgelt durften sie dies in Büttenhardt. Strom und Wasser bezogen sie ebenfalls von dort – gegen Bezahlung. «Sie hatten Pflichten auf alle Seiten, aber kaum Rechte, abstimmen und wählen durften sie nicht», sagt Sigg.

Grund für die eigenartigen Verhältnisse: Der Verenahof, ein 43 Hektaren oder 60 Fussballplätze grosses Gebiet, lag zwar in Büttenhardt, gehörte aber jahrhundertelang zu Wiechs am Randen, von dem er durch einen 300 Meter breiten Landstreifen getrennt war. Das kleine Stück Deutschland im Kanton Schaffhausen war neben Büsingen und Campione eine dritte Enklave in der Schweiz. Bis zum 4. Oktober 1967. An diesem Tag wurde der Verenahof im Rahmen einer umfassenderen Grenz­bereinigung im Abschnitt Neuhausen-Konstanz der Schweiz angegliedert.

Fluchtort für SS-Offiziere

Die Enklave bildete ein Überbleibsel der komplexen mittelalterlichen Rechts- und Hoheitsverhältnisse. Lange war die Siedlung im Besitz der Grafschaft Tengen, 1811 ging sie an das Grossherzogtum Baden. Die Höfe wurden von alters her von Schweizern bewohnt, denen sie privatrechtlich auch gehörten, das Gebiet blieb aber der deutschen Staatshoheit unterstellt.

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Der Verenahof sorgte immer wieder für Diskussionen – wegen zolltechnischer Probleme, Streit um Zufahrtswege oder der genauen Grenzziehung. Im 2. Weltkrieg geriet der Büttenhardter Jugendliche Hans Muhl, später Gemeindepräsident, auf dem Schulweg nach Merishausen mehrmals deutschen Soldaten in die Hände, wie seine Tochter den «Schaffhauser Nachrichten» erzählte. «Sie liessen ihn aber immer wieder laufen.» Womöglich seien es diese bangen Momente gewesen, die Muhl später bewogen, sich vehement für eine Grenzbereinigung einzusetzen.

Am Ende des Kriegs sollen SS-Offiziere auf das Gebiet des Verenahofes geflohen sein, um einer Gefangennahme zu entgehen. Sie konnten schliesslich von Schweizer Unterhändlern zur Aufgabe bewegt werden.

Schon im 19. Jahrhundert gab es Versuche der Schweiz, den Verenahof zu übernehmen, doch sie scheiterten stets. Nach dem 2. Weltkrieg unternahm der Bund einen neuen Anlauf. Es folgten zähe Verhandlungen mit Deutschland – Grenzveränderungen mussten nach dem Prinzip des flächenmässig gleichen Gebietsaustausches erfolgen.

1000 Personen an Protestdemo

Die Schweiz bot immer wieder neue Gebiete zum Tausch an. Doch die betroffenen Nachbargemeinden Altdorf und Opfertshofen wehrten sich – weil sie selber keinen Vorteil aus den Grenzkorrekturen gezogen hätten, als Ersatz für die Enklave Verenahof jedoch Kulturland an Deutschland hätten abtreten sollen. Die Landbesitzer befürchteten Grundsteuerpflichten und Zollschikanen. «Die vorgeschlagenen Tauschgebiete lösten einen Sturm der Entrüstung aus», sagt Silvia Sigg. Es kam zu Protesten und Vorstössen im Grossen Rat. Zu einer Protestkundgebung im Oktober 1957 in Opfertshofen kamen nicht weniger als 1000 Personen.

Der Widerstand zeigte Wirkung, der Bund lenkte ein. Aus eigener Initiative arbeiteten darauf die Gemeindepräsidenten von Büttenhardt und Merishausen zusammen mit dem Bürgermeister von Wiechs neue Tauschvorschläge aus. Diese stiessen auf breite Akzeptanz und bildeten die Grundlage für eine Einigung.

Der Verenahof sollte dabei im Rahmen eines umfassenderen Gebietsaustauschs an die Eidgenossenschaft gehen. «Die Lösung konnte schliesslich dadurch gefunden werden, dass der Kanton Schaffhausen das nötige Tauschareal käuflich erwarb und dieses nicht nur hoheitsrechtlich, sondern auch privatrechtlich an die Nachbargemeinde Wiechs überging», heisst es im Artikel «Schaffhauser Staatsgebiet und Hoheitszeichen» von 2001. Den Löwenanteil zum Tauschgeschäft steuerten Merishausen (30 Hektaren) und Opfertshofen (9 Hektaren) bei, Büttenhardt selber konnte nur 4 Hektaren einwerfen, erhielt aber 43. Mit einem internen Dreieckstausch glichen die Gemeinden die Grenzen wieder aus. Am 23.November 1964 wurde der Vertrag über die Bereinigung der Landesgrenze feierlich unterzeichnet. Es folgten die Beratungen in den Parlamenten beider Länder, und am 4.Oktober 1967 trat der neue Grenzvertrag in Kraft.

Endlich «vollwertige Schweizer»

Bei der Feier am gleichen Tag in Büttenhardt deckte ein plötzlich aufkommender Herbststurm die halbe Festhütte ab, wie die NZZ berichtete. Doch das vermochte die Stimmung bei dem Anlass, zu dem sich die Bevölkerung «in hellen Scharen eingefunden hatte», nicht zu trüben. Gemeindepräsident Hans Muhl begrüsste die «Verenahöfler» als «vollwertige Schweizer», vom Bürgermeister von Wiechs wurden sie offiziell «aus der deutschen Hoheit entlassen mit dem Zeugnis, sie hätten sich loyal verhalten».

Heute erinnern im 360-Einwohner-Dorf Büttenhardt noch einige alte Grenzsteine ans frühere «Kleindeutschland». Ansonsten sei die einstige Enklave kaum mehr ein Thema im Dorf, so Silvia Sigg. «Ausser dass sich manche wundern, wie so etwas überhaupt möglich war, und dies vor noch gar nicht so langer Zeit.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2017, 20:28 Uhr

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