Hintergrund

Die erste Jahresspende geht an die Sammlerfirma

Wer sich auf der Strasse zu einer Spende für eine Hilfsorganisation entscheidet, der bezahlt damit vor allem die Spendeneintreiber. Und zwar nicht schlecht, wie der Fall der Marktführerin Corris zeigt.

Sein Einsatz kostet 850 Franken pro Tag: Ein Corris-Mitarbeiter sammelt für Swissaid. (Archivbild)

Sein Einsatz kostet 850 Franken pro Tag: Ein Corris-Mitarbeiter sammelt für Swissaid. (Archivbild) Bild: Sophie Stieger

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Sie warten schweizweit an zentralen Plätzen, in belebten Ladenstrassen oder an Bahnhöfen. In freundschaftlich-bestimmtem Ton sprechen sie die vorbeieilenden Passanten an und heften sich hartnäckig an deren Fersen: «Häsch en Momänt?» Wer kennt sie nicht, die gewieften Sammler für Amnesty International, Vier Pfoten, Pro Infirmis oder Helvetas? Doch entgegen der weit verbreiteten Meinung, die Sammler arbeiteten für diese Non-Profit-Organisationen (NPO), sind sie in den meisten Fällen temporär bei der Corris AG angestellt. Die Firma ist Marktführerin im Fundraising-Business – einem florierenden Geschäft, wie die «Weltwoche» in ihrer aktuellen Ausgabe aufzeigt.

Ein Journalist der Zeitschrift hat sich bei der Firma als Mitarbeiter eingeschlichen, um mehr über das Sammelunternehmen mit 60 Festangestellten und 1000 Temporärmitarbeitern zu erfahren: So bezahlen etwa die Auftraggeber pro Sammler und Tag bis zu 850 Franken. Gerhard Friesacher von Corris bestätigt diese Zahl gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Für eine koordinierte Spenderanwerbung müssen die Non-Profit-Organisationen tief in die Tasche greifen: Eine Sprecherin von Amnesty International sagt gegenüber der «Weltwoche», dass man im Rahmen der aktuellen Kampagne 1000 «Mannstage» bei Corris bestellt habe. Das entspricht einer Summe von 850'000 Franken.

Spenderanbindung durch Lastschriftverfahren

Wer also glaubt, mit seiner Spende direkt eine Hilfsorganisation zu unterstützen, der irrt: Die Firma Corris selbst erläutert auf ihrer Website, dass sich der Einsatz von professionellen Spendensammlern für Non-Profit-Organsiationen erst nach über eineinhalb Jahren lohnt. Konkret: Die gesamten Spendeneinnahmen der ersten 1,66 Jahre gehen an Corris. Erst danach fliesst das Geld der auf der Strasse akquirierten Spender seinem eigentlichen Zweck zu. Dass die Rechnung der Hilfswerke dennoch aufgeht, verdanken sie dem von Corris vorangetriebenen Lastschriftverfahren. Es erhöht die Chancen, dass ein Spender der Organisation länger als ein Jahr zugetan bleibt.

Dass sich eine solche Standaktion für eine Hilfsorganisation erst nach 20 Monaten lohnt, erachtet Friesacher von Corris nicht als problematisch: «Fundraising ist immer eine Investition in die Zukunft. Auch Spendenmailing oder Telefonmarketing benötigen eine gewisse Zeit, bis sie rentabel sind.» Standaktionen seien für viele Hilfswerke ein effizienter Weg, neue langjährige Spender zu finden. Eine profitorientierte Unternehmensführung beisse sich nicht mit den Zielen der Corris-Kunden – schliesslich hätten es Hilfswerke bei ihrer Arbeit mit verschiedensten profitorientierten Dienstleistern wie Mailingagenturen, der Post oder Immobilienbesitzer für die Vermietung von Büroräumlichkeiten zu tun.

Hilfswerke investieren 80 Prozent in Projekte

Die schweizerische Zertifizierungsstelle für gemeinnützige, Spenden sammelnde Organisationen (Zewo) analysiert unter anderem die Kostenstruktur von Hilfswerken. 850'000 Franken für eine Standaktion findet Geschäftsleiterin Martina Ziegerer zwar einen hohen Betrag. Sie hält jedoch gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet auch fest, dass Strassenaktionen und die Neuspendergewinnung schwierig und aufwändig seien. Die Zewo prüfe bei den einzelnen Hilfsorganisationen, wie viel in Projekte, in die Administration und ins Fundraising investiert werde.

Interessierten Spendern rät Ziegerer, einen Blick in die Jahresrechnung der beteffenden Organisation zu werfen. Dort werde ausgewiesen, wie sich die Kosten zusammensetzen. «Durchschnittlich investieren die Zewo-zertifizierten Hilfswerke 80 Prozent der Spendengelder in Projekte, acht Prozent in die Spendensammlung und den Rest in die Administration», erläutert sie.

Ziegerer betont, dass sich Spender auf der Strasse nicht unter Druck setzen lassen sollten: «Man darf sich für einen solchen Entscheid Zeit lassen und bei Bedarf auch weiterführende Unterlagen verlangen. Wer sich bedrängt fühlt, kann sich bei uns melden. Wir klären solche Vorfälle mit den betroffenen Hilfswerken ab.»

Provisionssystem und Treuebonus

Auch über die oft kritisierten Arbeitsbedingungen der Corris-Fundraiser gibt die «Weltwoche»-Recherche Aufschluss: Ein Sammler verdient demnach 150 Franken pro Tag – etwas mehr als 16 Franken pro Stunde bei einem Achtstundentag. Entsprechend wichtig ist die Provision, die beim erfolgreichen Spenderaquirieren winkt. Ein Bonussystem setzt den Anreiz, möglichst viel Geld einzutreiben. Und nach 20 Arbeitstagen erhält ein Corris-Mitarbeiter zudem einen Treuebonus von 850 Franken. Die Lohnobergrenze liegt bei 7'250 Franken.

«Dieser Lohn wäre zwar theoretisch möglich, wird aber in der Praxis nicht erreicht. Durchschnittlich verdienen unsere Mitarbeiter auf der Strasse 4'200 Franken im Monat», relativiert Friesacher. Der Fixlohn liege bei 3'800 Franken, der leistungsabhängige Anteil somit bei 400 Franken. Friesacher räumt jedoch ein, dass beim Lohn Handlungsbedarf bestehe. Daher habe Corris im März beschlossen, den Fixlohn zu erhöhen. Damit falle auch der Treuebonus von 850 Franken weg.

Das werde jedoch nichts an der hohen Fluktuation ändern – schliesslich sei es keine Lebensaufgabe, auf der Strasse Spenden zu sammeln. «Die meisten unserer Mitarbeiter suchen nur eine temporäre Beschäftigung, sei es als Ferienjob oder als Überbrückungslösung. Deshalb arbeiten sie meist nur einen Monat bei uns.»

In einer früheren Version dieses Artikels war Greenpeace im ersten Abschnitt als eines der Beispiele von Hilfsorganisationen erwähnt, die auf der Strasse Spenden sammeln lassen. Greenpeace legt Wert auf die Feststellung, dass die Organisation seit längerer Zeit Strassenaktionen weltweit nur mit eigenem Personal durchführt. Mit der Firma Corris arbeite Greenpeace nur bei Telefonaktionen zusammen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.04.2013, 21:26 Uhr

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