«Die französische Sprache geht das Loch ab»

Jean Ziegler kam in Thun zu Welt. Er wurde in Paris zum Freund von Jean-Paul Sartre und in Genf zum Professor. Wer wäre berufener, die Frankofonie zu würdigen als er?

«Berndeutsch ist eine schöne Sprache, aber mit der Welt hat es nicht viel zu tun»: Jean Ziegler.

«Berndeutsch ist eine schöne Sprache, aber mit der Welt hat es nicht viel zu tun»: Jean Ziegler. Bild: Keystone

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Mit Jean Ziegler sprach Hannes Nussbaumer

Sie wuchsen als Hans Ziegler in Thun auf. Heute leben Sie als Jean Ziegler in Russin bei Genf ...
. . . ja, und neuerdings bin ich sogar im Larousse. Schauen Sie, hier, die Ausgabe 2011 der Larousse-Enzyklopädie. Wenn man da drin ist, ist man im frankofonen Raum heiliggesprochen. (Er blättert.) Hier, gleich nach Zidane kommt Ziegler. Und was mir besonders gefällt: Sie zählen meine radikalsten Bücher auf – «Das Imperium der Schande» und «Der Hass auf den Westen».

Wie kam es zur Verwandlung von Hans zu Jean?
Ende der Fünfzigerjahre ging ich zum Studieren nach Paris. Ich schloss mich der Kommunistischen Partei an und wurde in den Kreis um Jean-Paul Sartre aufgenommen – als kleines Deutschschweizer «Tschumpeli». Es war ein Wunder, dass ich mitmachen durfte. Wir unterstützten die algerischen Unabhängigkeitskämpfer. Als Schweizer konnte ich helfen, indem ich immer mal wieder meinen Pass als verloren meldete. Ich besorgte mir einen neuen, währenddem im alten das Foto ersetzt wurde. Danach benutzte ihn ein Algerier.

Zurück zur Verwandlung.
Ich komme gleich dazu. 1964 verliess ich Paris und ging in den Kongo. Nach der Ermordung des kongolesischen Ministerpräsidenten Patrice Lumumba zog hier die UNO ihre erste grosse Operation auf. Als Personal suchte sie französischsprachige Leute; es durften aber aus politischen Gründen keine Belgier oder Franzosen sein. Ich meldete mich und wurde zu einem kleinen UNO-Assistenten. Als ich wieder in Paris war und Sartre vom Kongo erzählte, fand er, ich müsse meine Erlebnisse niederschreiben. So entstand mein erster Text. Er erschien in der von Sartre und Simone de Beauvoir gegründeten Zeitung «Les Temps Modernes». Ich erinnere mich, als ob es gestern gewesen wäre: Ich sass mit Sartre und Simone de Beauvoir im ersten Stock des Café de Flore. Beauvoir korrigierte meinen Text. Ich hatte ihn mit «Hans Ziegler» unterschrieben. Als sie am Ende angekommen war, strich sie «Hans» durch und schrieb «Jean» hin.

Seither sind Sie der Jean?
Genau. Das war der Moment, in dem ich zu Jean wurde – und zum Autor: Aus dem Text wurde mein erstes Buch.

Sie wurden also nicht zum Romand, weil Sie wollten – sondern weil Sie Simone de Beauvoir dazu machte?
Beides. Ich wollte auch in diese Welt eintreten. Ich hätte nach dem Kongo-Einsatz nach New York zur UNO gehen können. Stattdessen ging ich nach Genf ans neu geschaffene Afrika-Institut. Ich hatte ja inzwischen in Soziologie doktoriert. Was haben Sie studiert?

Ich? Geschichte und Politologie.
Soziologie wäre gescheiter gewesen. Da hätten Sie mehr gelernt. Aber zurück zu Ihrer Frage: Ich finde die französische Sprache etwas Grossartiges. Eine Sprache ist ja nicht nur ein phonetisches System. Sie transportiert auch Werte. Und die Werte der Französischen Revolution, der Aufklärung und des Rationalismus sind für mich die ganz zentralen. Das Französische wurde zur Weltsprache, weil es diese Werte verkörpert.

Dann war die Metamorphose von Hans zu Jean auch ein politisches Bekenntnis?
Natürlich! Ich habe mich bewusst und willentlich mit diesem Universum identifiziert. Ich wollte zum frankofonen Raum gehören. Berndeutsch ist eine wunderschöne Sprache, aber mit der Welt hat sie nicht viel zu tun. Wenn man als Intellektueller Einfluss haben will, dann geht das nicht auf Berndeutsch.

Sie leben nun seit Jahrzehnten im frankofonen Raum, doch Ihr Französisch hat einen starken Berner Akzent. Können oder wollen Sie den nicht wegbringen?
Ich hätte diesen Akzent noch so gerne weg, aber ich schaff es nicht. Ich nahm in Genf Unterricht; ich versuchte alles Mögliche. Erfolglos. In Paris spielt der Akzent keine Rolle. Erstens haben dort viele einen. Zweitens ist in Paris entscheidend, ob man etwas zu sagen hat. In Genf ist das anders. Hier spottet und flucht man über «les Totos», die Deutschschweizer. Eigentlich wird man in Genf mit einem solchen Akzent nicht in den Nationalrat gewählt. Ich schaffte es nur, weil ich in Paris publiziere und im französischen Fernsehen auftrete.

Verstehen Sie sich heute als kompletter Romand? Denken, träumen, fühlen Sie auf Französisch?
Nein, ich bin ein Mischling, ein Mulatte. Das Berner Oberland hat mich geformt, Afrika, Frankreich und Genf haben mich geformt. Die französische Sprache ist für mich vor allem eine Waffe. Sie ist sehr präzis und eignet sich gut für die politische Debatte. Dazu ist Paris nach wie vor die intellektuelle Hauptstadt der Welt. Dort sind die kreativsten und analytischsten Leute. Da kann Frank A. Meyer noch lange behaupten, Berlin sei das neue Zentrum. So ein Unsinn!

Aber ...
Ja, ich komme gleich zum Aber – nämlich zum grossen Drama: Die französische Sprache geht «das Loch ab».

Wo liegt das Problem?
In Frankreich herrscht ein unglaublicher Ethnozentrismus. Darum haben sie in Paris nicht gemerkt, dass man etwas tun muss, wenn man sich behaupten will. Mit der Folge, dass heute die englische Sprache die Welt beherrscht – nicht die grossartige Sprache Shakespeares, sondern ein jämmerliches, primitives Yankee-Amerikanisch.

Paris ist also selber schuld?
Absolut, ja. Es gibt die OIF, die Organisation international de la Francophonie, die jetzt den Gipfel in Montreux veranstaltet. Die Organisation wäre stark genug, um die Werte der französischen Kultur in die Welt hinauszutragen. Doch stattdessen ist die OIF zur Befehlsempfängerin der französischen Aussenpolitik geworden. Das ist kein Wunder: Die meisten OIF-Mitglieder kommen aus Afrika und sind wirtschaftlich abhängig von Paris. Da wehrt sich keiner gegen die Vereinnahmung der OIF. Und von den Nichtafrikanern tut es auch niemand: Die Belgier sind mit sich selbst beschäftigt, im kanadischen Québec fehlt die Kraft, und Haiti hat andere Sorgen. Bleibt die Schweiz. Doch auch sie hat nichts getan.

Warum nicht?
Das hat mit dem Jurakonflikt zu tun, der die Schweiz Jahrzehnte lang im Griff hatte. Roland Béguelin, der brillante Hauptvertreter der Separatisten, mobilisierte im Kampf für die Kantonsgründung die Frankofonie. Das Vokabular der Jura-libre-Bewegung war dasjenige der Frankofonie. Da ging es um die Einheit der Frankofonen und um die Verteidigung der französischen Werte gegen das bürokratische, autoritäre Monster in Bern. Damit wurde über Generationen jede Initiative des Bundesstaats in Richtung Frankofonie verunmöglicht. Das hätte ja geheissen: Man macht gemeinsame Sache mit Béguelin. Und das kam überhaupt nicht infrage.

Immerhin findet nun der Gipfelin der Schweiz statt.
Ja, das ist das Verdienst von Micheline Calmy-Rey. Sie ist aufgestanden und hat gesagt: Wir brauchen die Frankofonie im Kampf gegen den amerikanischen Imperialismus. Natürlich hat es Calmy-Rey nicht so gesagt. Aber sie hat gehandelt. Sie hat mitgeholfen, dass TV 5, der Fernsehsender der OIF, unabhängig blieb. Heute ist sogar ein Schweizer Informationschef von TV 5: André Crettenand. Dazu hat Calmy-Rey den Kongress in die Schweiz geholt. Das ist grossartig. Ursprünglich hätte er in Madagaskar stattfinden sollen, doch dort wäre die Veranstaltung bis zum letzten Polizisten von Paris aus kontrolliert worden.

Zurück zum Hauptproblem: Alle reden englisch ...
... nicht englisch, sondern primitiv-amerikanisch!

... sogar innerhalb der Schweiz. Wenn ein Genfer einen St. Galler trifft, reden sie oft englisch.
Das ist so, ja. Es ist ein Mythos, dass in der Schweiz verschiedene Kulturen miteinander leben. Sie leben nebeneinander. Das habe ich im Nationalrat gemerkt und auch bei meinen Studenten in Genf. Die kennen den Theaterplan von Paris auswendig; Lyon ist ihnen so vertraut wie der eigene Hosensack. Hingegen habe ich während der ganzen Zeit als Professor vielleicht einen oder zwei Genfer Studenten angetroffen, die schon mal in Appenzell waren.

Auch in die umgekehrte Richtung ist das Interesse beschränkt. Die Leidenschaft der Deutschschweizer für die Frankofonie ist limitiert.
Das hat historische Gründe. Der französische Einmarsch in die Schweiz war für manche, etwa für das Waadtland, eine Befreiung. Andernorts, etwa in der Zentralschweiz, gelten die Franzosen dagegen als marodierende Kolonisatoren. Dass die Franzosen ihre Werte Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts mit Waffengewalt in der Schweiz durchsetzten, haben manche bis heute nicht verdaut. Doch Tatsache ist: Ohne französisches Diktat, Helvetische Republik und Mediationsverfassung wäre 1848 kein Bundesstaat entstanden und gäbe es keine moderne Schweiz.

Was erhoffen Sie sich vom Gipfel in Montreux?
Hier wird sich zeigen, ob es möglich ist, die Negativentwicklung umzukehren.

Und wenn es nicht gelingt? Wenn die Frankofonie weiter erodiert?
Dann gewinnt der globalisierte Raubtierkapitalismus. Dieser konnte auch deshalb stark und mächtig werden, weil sich die Yankee-Primitivsprache durchgesetzt hat. Der Triumph dieser Sprache über die französische bedeutete, dass viel kritisches Bewusstsein und viele Widerstandswerte verloren gingen.

Die französische Sprache als Bollwerk gegen die Auswüchse des Kapitalismus? Sie übertreiben.
Das ist keine Übertreibung. Noch ein Beispiel, das die Bedeutung der Frankofonie zeigt: Wenn früher der französische Botschafter seine Kollegen aus dem frankofonen Afrika zusammenrief, um eine UNO-Abstimmung zu koordinieren, waren sofort alle zur Stelle. Heute kommt kein einziger mehr. Hingegen stehen alle parat, wenn der Generalsekretär der Konferenz der islamischen Staaten anruft. Es hat nichts mit Islamfeindlichkeit zu tun, wenn man diese Entwicklung hinterfragt. UNO-Entscheide sollen nicht aufgrund religiöser Kriterien, sondern auf Basis republikanischer Werte gefällt werden. Darum ist Montreux so wichtig: Hier entscheidet sich, ob es gelingt, die Werte der Aufklärung zu stärken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.10.2010, 14:03 Uhr

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