Die fünf Bedingungen der Lehrer im Sprachenstreit

Um das Frühfranzösisch zu retten, sind gemäss Lehrerverbandspräsident Beat Zemp fünf Anpassungen nötig. Die Vorschläge würden den Fremdsprachenunterricht grundlegend verändern.

Gemäss den Lehrern würde das Frühfranzösisch mit ihren Vorschlägen gerettet: Übersetzungen auf der Wandtafel in einem Schulzimmer.

Gemäss den Lehrern würde das Frühfranzösisch mit ihren Vorschlägen gerettet: Übersetzungen auf der Wandtafel in einem Schulzimmer. Bild: Keystone

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Hinter den Kulissen laufen die Bemühungen, im Fremdsprachenstreit einen Kompromiss zu erringen, auf Hochtouren. Wie Tagesanzeiger.ch/Newsnet heute berichtete, versuchen Bildungspolitiker der SVP und der SP auf nationaler Ebene, zwischen ihren Parteien einen Minimalkonsens zu erzielen: Jene Kantone, die in der Primarschule nur noch eine Fremdsprache wollen, sollen die Möglichkeit dazu haben – sofern es eine Landessprache ist. Gleichzeitig soll es den Kantonen freistehen, weiterhin zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe anzubieten. Damit bliebe der Primarschule das Frühfranzösisch erhalten.

Wie Stellungnahmen und Entscheide der letzten Wochen nahelegen, dürfte dieser Kompromissvorschlag bei den Lehrern auf Anklang stossen: Die Präsidentenkonferenz der Deutsch- und Westschweizer Lehrerdachverbände (LCH und SER) beschloss kürzlich in einer Konsultativabstimmung fast einstimmig, dass die erste Fremdsprache an allen Primarschulen eine Landessprache sein soll. Und die Nidwaldner Lehrer – dort soll das Französisch auf die Oberstufe verschoben werden – sprachen sich vorgestern mit grosser Mehrheit gegen die Abschaffung des Frühfranzösisch aus. Diese Bekenntnisse zum bisherigen Modell der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK), bei dem je eine Fremdsprache in der dritten und in der fünften Klasse eingeführt wird, erfolgen jedoch nicht ohne Vorbehalte. Wie LCH-Präsident Beat Zemp gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt, sehen die Lehrer einen Weg, das EDK-Modell trotz der Widerstände in den Kantonen zu retten – aber nur, wenn es angepasst wird. Zemp nennt fünf konkrete Änderungsvorschläge:

Alle Kantone sollen spätestens ab der dritten Primarschulklasse eine Landessprache als erste Fremdsprache einführen. «Englisch lernen die Schüler bereits in jungem Alter beiläufig; die Sprache erreicht sie über Musik, Filme, Computer oder Handys», begründet Zemp. Werde dagegen das Französisch zugunsten des Englisch aus der Primarschule verbannt, wie es die Kantone Nidwalden und Thurgau vorsehen, erschwere dies den Lernerfolg: «Die Oberstufenlehrer warnen vor diesem Schritt. Es ist eine Illusion, ohne emotionalen Bezug zur Sprache mitten in der Pubertät mit dem Französisch beginnen zu können.» Zudem seien damit wegen des zusätzlichen Bedarfs an – besser bezahlten – Oberstufen-Französischlehrern vergleichsweise hohe Kosten verbunden.

Alle Kantone sollen spätestens ab der fünften Klasse Englisch als Wahlfach anbieten. «Damit könnten die sprachstarken Schüler bereits auf der Primarstufe zwei Fremdsprachen lernen. Die sprachschwachen hätten während dieser Lektionen nicht frei, sondern je nach Bedarf einen Förderkurs in Deutsch oder Französisch», so Zemp. Ob die Schüler mit dem Erlernen einer zweiten Fremdsprache nicht überfordert wären, würde demnach mittels einheitlicher Verfahrensregeln geprüft. Massgebend wäre dabei die Beurteilung der Lehrperson.

Ab der siebten Klasse und bis zum Ende der Sekundarstufe sind sowohl Englisch als auch Französisch obligatorisch. Französisch abzuwählen, wäre damit nicht mehr möglich. Heute nutzt gemäss Zemp immerhin bis zu einem Drittel der Schüler diese Möglichkeit. Dadurch würde das Französisch letztlich gestärkt, sagt der LCH-Präsident.

Die Leistungsevaluation von Französisch und Englisch auf der Primarstufe soll verbessert werden. Die Benotung soll gemäss den LCH-Vorschlägen nicht mehr promotionswirksam sein und sich nicht länger auf Grammatik, Orthografie und Wortschatzkenntnisse stützen. Stattdessen sollen die Lernfortschritte im Sprechen und im Hörverständnis mithilfe eines Portfolios dokumentiert und überprüft werden. «Im Fremdsprachenunterricht muss die Didaktik angepasst werden: Studien legen nahe, dass der Fokus beim Sprachlernen in der Primarschule auf dem Sprechen und Hören liegen sollte», so Zemp. In fortgeschrittenem Alter erfolge der Lernprozess schliesslich systematischer, sodass die schriftlichen Kompetenzen hinzugezogen werden könnten.

Die Lehrmittel und Stundendotationen sollen diesem didaktischen Konzept angepasst werden. Drei Wochenlektionen erachten die Lehrer als Minimum, um im Spracherwerb einen Effekt zu erzielen. Sie wollen vermehrt auf Halbklassenunterricht und digitale Lernprogramme setzen, um Hör- und Sprechübungen zu intensivieren. «Mit einer didaktischen Neuorientierung würden wir die Befürchtungen und Vorbehalte der Lehrer ernst nehmen. Sie beklagen sich darüber, dass viele Schüler mit zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe überfordert seien», so Zemp. Denn selbst in ihrer Muttersprache würden Schüler dieses Alters die Grammatik noch nicht ausreichend beherrschen. Diese Massnahmen wären gemäss Zemp kostenneutral umzusetzen.

Grundlegende Veränderungen

Damit ist die Stossrichtung der Lehrer klar: Das Frühfranzösisch soll nicht abgeschafft, aber didaktisch optimiert werden. Die Umsetzung der Vorschläge würde den Französischunterricht grundlegend verändern. Trotz der einschneidenden Veränderungen hält Zemp das Vorhaben für mehrheitsfähig – «bei Politikern, Lehrern, Eltern und in der Romandie. Gleichzeitig liesse sich auf diese Weise die kantonale Diskoordination in der Reihenfolge der Fremdsprachen lösen.» Halte die EDK dagegen an ihrem unveränderten Fremdsprachenmodell fest, sei dieses zum Scheitern verurteilt.

Erstellt: 19.09.2014, 17:49 Uhr

Das Frühfranzösisch soll nicht abgeschafft, aber didaktisch optimiert werden: Lehrerverbandspräsident Beat W. Zemp. (Bild: Keystone )

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