Hintergrund

Die ganze Schweiz ein Briefkasten

Entgegen vielen Vorurteilen sind Briefkastenfirmen nicht eine typische Einrichtung von Zentralschweizer Steueroasen. In Genf und Zürich gibt es prozentual mehr solche virtuellen Firmen als in Schwyz und Obwalden.

Gilt als Hochburg der Briefkastenfirmen: die Stadt Basel.

Gilt als Hochburg der Briefkastenfirmen: die Stadt Basel. Bild: Keystone

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Nichts symbolisiert Steueroasen so sehr wie Briefkastenfirmen. Das wissen mittlerweile selbst Kinder: «Politiker, Prominente, Waffenhändler und Superreiche haben sogenannte Briefkastenfirmen gegründet, um ihr Geld zu verstecken oder zweifelhafte Geschäfte zu verschleiern», heisst es etwa auf der Kinder-Website «BR-Kinderinsel» des Bayerischen Rundfunks. Und: «Eine Briefkastenfirma hat an ihrem Firmensitz nur einen Briefkasten, während die Arbeit und die Geschäfte der Firma in einem anderen Land gemacht werden.»

Briefkastenfirmen können in Steueroasen auf der ganzen Welt gegründet werden – in Europa vornehmlich in Liechtenstein und in der Schweiz. Hierzulande sind sie grundsätzlich legal, aber der EU sind sie als angebliches Steuerhinterziehungsvehikel seit langem ein Dorn im Auge.

Genf ist Vorreiter

Gibt man bei Google die Begriffe «Briefkastenfirmen» und «gründen» ein, landet man unter anderem auf der Website der Obwaldner Wirtschaftsförderung. Seit der kleine Innerschweizer Kanton 2006 die tiefsten Unternehmensgewinnsteuern schweizweit einführte, erfreuen sich die Briefkastenfirmen grosser Popularität. 2012 folgte der Kanton Luzern mit den tiefsten Steuersätzen, auch hier gibt es heute Tausende Briefkastenfirmen. Das gilt ebenfalls für die übrigen längst etablierten Zentralschweizer Steueroasen Nidwalden, Schwyz und Zug. Kürzlich regte sich die Schwyzer CVP auf, dass es in ihrem Kanton «viel zu viele Briefkastenfirmen gibt, die kaum etwas bringen» (TA vom 27. 4).

Eine Auswertung sämtlicher kantonaler Handelsregister durch die Orell Füssli Wirtschaftsinformationen AG im Auftrag des TA ergab Erstaunliches: Im Kanton Zürich gibt es prozentual mehr Briefkastenfirmen als in Schwyz und Luzern. Gemessen an der Gesamtzahl aller in Zürich registrierten Gesellschaften, sind 11,6 Prozent Briefkastengesellschaften. Von den insgesamt 91'972 registrierten Gesellschaften in Zürich existieren 10'667 nur auf dem Papier. Zum Vergleich: In Schwyz und Luzern sind es 11,45 Prozent, in Obwalden 12,56 Prozent und in Nidwalden 13,81 Prozent. Noch höher sind die Anteile in Basel-Stadt und Genf mit 17,08 und 22,16 Prozent.

Steuerdumping schweizweit

Ausgerechnet die Zentrumskantone also, die regelmässig die ländlichen Tiefsteuerkantone als Trittbrettfahrer anprangern, arbeiten nicht minder fleissig mit Steuerprivilegien. Dazu passt die Werbung in der Imagebroschüre der Wirtschaftsförderung Basel-Stadt und Basel-Landschaft: «Besonders interessante Möglichkeiten bieten sich für Holding- und Domizilgesellschaften, welche mit tieferen Steuersätzen privilegiert besteuert werden.»

Für die Basler Behörden seien das bloss «Standardaussagen, wie sie in den Imagebroschüren der meisten Kantone zu finden sind», erklärt Samuel Hess, Mitglied der Geschäftsleitung im Amt für Wirtschaft und Arbeit der Stadt Basel. Tatsache ist, dass Hochsteuerkantone wie Basel, Zürich oder Genf mit ihren herkömmlichen Steuersätzen kaum mit den Tiefsteuerkantonen mithalten könnten. In den Genuss der privilegierten Besteuerung ausländischer Gewinne kommen Holdings, Domizil- und gemischte Gesellschaften (siehe Box). Diese Steuerkonstrukte werden seit Jahren von der EU kritisiert, weil sie die in- und ausländischen Erträge sehr ungleich behandeln. Bis Juni muss sich Bern mit der EU einigen – sonst will Brüssel die Schweiz auf die schwarze Liste setzen.

Imageschaden im Ausland

Da die Pharma- und Chemiekonzerne vom Holdingstatus profitieren, stammen im Basler Stadtkanton 53 Prozent aller Unternehmenssteuererträge aus privilegierten Gewinnen, wie die Denkfabrik Avenir Suisse im Februar errechnet hat. Das ist der höchste Wert aller Kantone. Auf Platz zwei folgt die Waadt mit 37,9 Prozent, dann Zug (37,5 Prozent) und Genf (24,4 Prozent) – Kantone also, die von den dort ansässigen Multis und Rohstoffhändlern profitieren. Viel tiefere Anteile weisen Zürich (5,4 Prozent) oder Bern (3,1 Prozent) auf.

Während bei den Holding- und gemischten Gesellschaften ins Feld geführt werden kann, dass damit viele Arbeitsplätze in der Schweiz verbunden sind, hat man bei den Domizilgesellschaften nur den Imageschaden im Ausland. Diese Steuerkonstrukte haben ihren Rechtssitz in der Schweiz, verfügen aber weder über einen Produktions- noch Handelsbetrieb mit Personal. Aus diesen Gründen zahlen sie praktisch keine Kantons- und Gemeindesteuern. Da sie keine eigenen Büroräumlichkeiten aufweisen, müssen sie sich mit einer Domiziladresse (c/o) im Handelsregister zu erkennen geben.

«Wir ziehen sie nicht gezielt an»

Theoretisch ist nicht jede Briefkastenfirma auch eine steuerprivilegierte Domizilgesellschaft. «Dass die Anzahl c/o-Gesellschaften einen zuverlässigen Rückschluss auf die Anzahl Gesellschaften mit besonderem Steuerstatus zulässt, muss stark infrage gestellt werden», sagt Walter Urwyler, Mitglied der Geschäftsleitung beim kantonalen Steueramt Zürich. Da der Steuerstatus dem Amtsgeheimnis unterliegt, lässt sich diese Aussage nicht überprüfen. Nach Ansicht eines ehemaligen Innerschweizer Chefsteuerbeamten ist aber die «Schnittmenge zwischen c/o-Gesellschaften und Domizilgesellschaften gross». Damit dienen Briefkastenfirmen vor allem der Anonymität und der Steueroptimierung.

In Basel-Stadt würden Domizilgesellschaften bloss 1,5 Prozent der steuerpflichtigen juristischen Personen ausmachen, betont das Amt für Wirtschaft und Arbeit. «Wir ziehen sie nicht gezielt an. Das ergibt sich, weil Basel ein Wirtschaftszentrum ist und die hier ansässigen Treuhänder bei der Gründung solcher Firmen helfen.»

Wie eine Stichprobe des TA zeigt, haben 27 Briefkastenfirmen ihr Domizil bei der Schweizerischen Treuhandgesellschaft an der Langen Gasse 15 in Basel. Bei 22 handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um steuerbefreite Domizilgesellschaften. Denn sie haben keine Mehrwertsteuernummer, damit sind sie in der Schweiz nicht geschäftlich aktiv. Das nach eigenen Angaben «älteste Treuhandunternehmen der Schweiz» reagierte auf Anfragen des TA nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.05.2013, 06:20 Uhr

Briefkastenfirmen in der Schweiz (Bild: TA-Grafik ib/Quelle: Orel Füssli Wirtschaftsinformationen AG)

Steuerprivilegien

Holding- und Domizilfirmen
In der Schweiz stehen alle Kantone miteinander in hartem Steuerwettbewerb. Die tiefsten Unternehmenssteuern zahlt man gegenwärtig in Luzern: Inklusive der Bundessteuern von 8,5 Prozent beträgt der Luzerner Steuersatz 12,2 Prozent. In den Zentrumskantonen Zürich, Bern, Basel-Stadt und Genf sind die Steuersätze fast doppelt so hoch. Für international tätige Firmen sind jedoch nicht die regulären Sätze entscheidend. Wenn der Anteil des ausländischen Umsatzes mindestens 80 Prozent beträgt, gibt es in allen Kantonen grosszügige Steuerrabatte. Dabei werden drei Steuerkonstrukte unterschieden: Holding- und Domizilgesellschaften sowie gemischte Gesellschaften.

Bei Holding- und Domizilgesellschaften muss der gesamte Umsatz im Ausland erzielt werden, bei gemischten Gesellschaften mindestens 80 Prozent. Wenn eine Firma weder über Personal noch über Büroräumlichkeiten verfügt, muss sie sich als Domizilgesellschaft mit dem Vermerk c/o im Handelsregister eintragen lassen. Im Volksmund heissen sie Briefkastenfirmen. (mso)

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