Die gefährlichste Stadt der Schweiz

Mit 218 Straftaten pro 1000 Einwohner führt Lausanne die Kriminalstatistik an. Jetzt reicht es den politischen Verantwortlichen.

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Lausannes Drogendealer müssen sich auf harte Zeiten gefasst machen: In Zusammenarbeit mit den Justizbehörden startet die Waadtländer Polizei eine gross angelegte Operation, die mindestens zwei Jahre dauern soll. Die sogenannte Operation Strada lässt sich der Waadtländer Staatsrat rund zwei Millionen Franken kosten. Ähnliche Massnahmen waren bereits vor rund 10 Jahren ergriffen worden, die Sicherheitslage in Lausanne hat sich seither aber nur weiter verschlechtert.

«Wir werden den Druck erhöhen»

«Wir haben dem Drogenhandel den Krieg erklärt. Meine sehr geehrten Herren Dealer, die Jagd wird bald eröffnet», verkündete FDP-Staatsrätin Jacqueline de Quattro anlässlich der traditionellen Pressekonferenz zur Sicherheitsbilanz, an der erstmals auch die Waadtländer Kantonspolizei und die Lausanner Stadtpolizei teilnahmen. Sie sollen ab Juli in Lausanne und weiteren Städten des Kantons Waadt Drogendealer verfolgen und festnehmen. «Wir werden den Druck erhöhen. Bern und Zürich ist es auch gelungen, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Es gibt keinen Grund, weshalb wir es nicht auch schaffen sollten», erklärte de Quattro. Neben den Drogendealern sollen auch Verbraucher vermehrt kontrolliert werden.

Jean-Christophe de Mestral, Mitglied der Waadtländer Sicherheitsbehörde, versuchte indessen, die Waadtländer Gemeinden zu beruhigen: «Es werden keine zusätzlichen Kosten auf die Gemeinden zukommen. Die Operation ist Teil einer Grundleistung der Kantonspolizei.» Trotzdem warnte er davor, dass sich ein Teil des Drogenhandels von der Stadt in die nahe gelegenen Gemeinden verlagern könne.

Bundesrecht erschwert Polizeieinsätze

Lausannes Sicherheitslage soll auch durch zusätzliches Personal verbessert werden, wie die Staatsrätin und Vorsteherin des Waadtländer Departements des Inneren, Béatrice Métraux, ankündigte: «Im Rahmen der Operation Strada sollen zwei Staatsanwaltsstellen geschaffen werden, die durch drei zusätzliche Verwaltungsangestellte unterstützt werden sollen. Im Juli werden in der Verwahrungsanstalt von La Croisée zudem achtzig neue Zellen verfügbar sein, nächstes Jahr sollen auch im Gefängnis von Orbe noch einmal so viel dazukommen.»

Die an der Operation Strada beteiligten Behörden mögen Dealern das Leben schwer machen wollen – die Gesetzgebung des Bundes steht ihnen dabei nicht vollumfänglich zur Seite: Um einen Straftäter länger als 48 Stunden in Gewahrsam zu behalten, müsse erst bewiesen werden, dass es sich um einen Wiederholungstäter handle, oder er müsse in Besitz von mindestens 80 Kokainkugeln sein, erklärte Staatsrätin de Quattro anlässlich der Pressekonferenz. Um dies zu ändern, sei in Bern ein entsprechender Antrag eingereicht worden. Dabei sei es schwierig, erhört zu werden, da ein Teil der Parlamentarier «in einer anderen Welt» lebe und «die Entkriminalisierung der Drogen» stets befürworte, meinte de Quattro weiter.

Lausanne an der Spitze der Schweizer Kriminalstatistik

Seit 2012 gilt Lausanne als kriminellste Stadt der Schweiz: Mit 28'168 Straftaten ergibt sich eine Rate von 217,7 pro 1000 Einwohner. 37'323-mal musste die Lausanner Polizei 2012 notfallmässig ausrücken. Mit diesen traurigen Rekorden überholte die Waadtländer Kantonshauptstadt sogar Genf. Vor allem im ersten Halbjahr sei die Kriminalität in Lausanne explodiert, erklärte der Lausanner Sicherheitsdirektor Grégoire Junod: «Die Sicherheitslage hat sich verschlechtert. Im Bereich der Verstösse gegen das Betäubungsmittelgesetz ist Lausanne die einzige Stadt der Schweiz, die steigende Zahlen aufweist.»

Mit einem Anstieg der Straftaten von rund 18 Prozent liegt der Kanton Waadt über dem Schweizer Durchschnitt, alle 42 Minuten kommt es im Waadtland zu einem Einbruch. «Wir sind ein wenig neidisch auf Genf, wo ein Polizist selbst zu Entfernungsmassnahmen greifen kann, während dies hier über einen Friedensrichter läuft. Dies führt dazu, dass sich viele Kriminelle lieber im Kanton Waadt aufhalten als in Genf», erklärte der Lausanner Polizeichef Jacques Antenen.

Die Schweiz als «Supermarkt für Straftäter»

Weiter bedauerte Antenen, dass die Schweiz «eine Art Schlaraffenland und Supermarkt für Straftäter» bleibe: «Sie können sich hier leicht bedienen und wissen zugleich, dass sie nicht viel riskieren, wenn sie erwischt werden.» Während sich die Zahl der bewaffneten Einbrüche im Kanton Waadt stabilisierte, ist die Zahl der Handtaschendiebstähle hingegen explosionsartig angestiegen.

In der Sendung «Mise au Point» des Westschweizer Fernsehens hatte der jurassische Polizeichef Olivier Guéniat kürzlich verkündet, dass die aktuelle Kriminalitätsrate der Schweiz ungefähr «den Zahlen von vor 20 bis 30 Jahren» entspräche «oder sogar darunter liegt». Äusserungen, die man im Kanton Waadt nur schwer nachvollziehen kann: «Aufgrund meiner Erfahrungen als ehemaliger Richter und Polizeikommandant kann ich sicher sagen, dass sich das Gefühl der Unsicherheit in eine ungünstige Richtung entwickelt hat», meint Jacques Antenen. Auch Staatsrätin Jacqueline de Quattro kann bei solchen Äusserungen nur den Kopf schütteln: «Olivier Guéniat gehört bestimmt zu den letzten Schweizer Polizeichefs, die sich zu solch naiven Äusserungen hinreissen lassen.»

(Übersetzung und Bearbeitung: cor)

Erstellt: 26.03.2013, 11:37 Uhr

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