Interview

«Die grösste Angst ist, aus dem Mittelstand rauszufallen»

Der Politikexperte Michael Hermann äussert sich zum Zustand des Mittelstands, über den morgen eine Studie von Avenir Suisse erscheint. Und er sagt, wie eine wirksame Mittelstandspolitik aussehen müsste.

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Dem Mittelstand drohe der Abstieg, heisst es immer wieder. Stehts wirklich so schlimm um den Mittelstand? Oder ist das nur Gejammer auf hohem Niveau?
Tatsächlich haben Mittelstandsangehörige trotz guter Löhne häufiger weniger Geld zur freien Verfügung, weil es von steigenden Mieten und Krankenkassenprämien weggefressen wird. Das spüren vor allem die Familienhaushalte. Es muss allerdings betont werden, dass die Ansprüche des Mittelstands stark gestiegen sind. Der Mittelstand hat deutlich mehr Wohnraum und einen höheren Wohnkomfort, er kann sich Konsumgüter und eine elektronische Ausrüstung leisten, von der selbst James Bond vor ein paar Jahren nur träumen konnte. Auch die Krankenkassenprämien verschwinden nicht einfach in einem Loch, sondern kommen in Form stetig besserer medizinischer Leistungen zurück. Die subjektive Wahrnehmung von Knappheit und Verzicht ist nicht zuletzt eine Folge der häufig später stattfindenden Familiengründung. Doppelverdienerpaare, die sich alles leisten konnten, müssen mit Kindern plötzlich Verzicht üben.

Alle Parteien geben sich mittelstandsfreundlich, obwohl es den Mittelstand im politischen Sinne gar nicht gibt, weil er aus Gruppen mit unterschiedlichen politischen Interessen besteht. Ist eine Mittelstandspolitik also gar nicht möglich?
Mittelstandspolitik ist nur zielführend, wenn es gelingt, die verschiedenen Anschauungen des fragmentierten Mittelstands zu bündeln und in eine gemeinsame Stossrichtung zu bringen. Das scheitert jedoch notgedrungen, wenn die politische Diskussion ideologisch aufgeladen ist. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die CVP-Initiative, die die sogenannte Heiratsstrafe abschaffen will. Das ist ein sinnvolles Anliegen, in der Debatte wird nun aber über Modelle von Familien und Lebensgemeinschaften gestritten. Solange einzelne Mittelstandsgruppen gegen andere ausgespielt werden, scheitert der Versuch, Familien finanziell zu entlasten. Bei einer echten Mittelstandspolitik würde die Sach- über der Parteipolitik stehen. Das müsste die Bevölkerung den Parteien und Politikern wieder einmal deutlich klarmachen.

Sehen Sie gar keine Hoffnung für eine Mittelstandspolitik?
Doch. In Teilen der Schweiz gehen viele Wohnbaugenossenschaften mit gutem Beispiel voran. So kann bezahlbarer Wohnraum für Mittelstandsfamilien gefördert werden. Die genossenschaftliche Idee von der Hilfe zur Selbsthilfe ist nichts anderes als Mittelstandspolitik. Der Ansatz kann möglicherweise auch auf andere Bereiche ausgeweitet werden, etwa auf die familienexterne Kinderbetreuung, die ein wichtiger Kostenfaktor für Mittelstandsfamilien ist. Genossenschaften haben hierzulande eine grosse Tradition, so sind etwa die beiden Grossverteiler Coop und Migros genossenschaftlich organisiert. Gerade weil staatlich-zentralistische Umverteilungsmassnahmen zugunsten des Mittelstands wie etwa einkommensabhängige Krankenkassenprämien in der Schweiz wenig Chancen haben, kommt der in der Schweizer Mittelstandsgesellschaft verankerten Genossenschaftsidee eine zentrale Rolle zu.

Wie beurteilen Sie die Chancen von steuerpolitischen Vorstössen, etwa der Volksinitiative zur Einführung einer nationalen Erbschaftssteuer? Diese soll dem Staat Mehreinnahmen bringen, die eine steuerliche Entlastung des Mittelstands ermöglichen.
Ich bin skeptisch, was die Erfolgschancen dieser Initiative betreffen. Die Erbfrage ist gerade im Mittelstand emotional sehr aufgeladen. Die Vorstellung, dass das Familienvermögen der Familie und nicht dem Staat gehört, ist tief verwurzelt. Auch wenn die allermeisten Mittelstandsfamilien netto von der vorgeschlagenen Erbschaftssteuer profitieren würden, heisst das noch lange nicht, dass sie auch so stimmen werden.

Der Mittelstand klagt zwar, dass er die Unterschicht mitfinanzieren muss, während die Oberschicht von Steuersenkungen profitiert. Trotzdem verhalf er an der Urne der Unternehmenssteuerreform II zum Erfolg, die ein Loch in die Staatskasse reisst, das dann vom Mittelstand über Steuern und Abgaben gestopft werden muss. Woher kommt dieses widersprüchliche Verhalten?
Es gibt breite Bevölkerungskreise, die das Wohlergehen des Mittelstands an das Wohlergehen der Oberschicht gekoppelt sehen. Das ist nicht zuletzt auf die mittelständische Tradition im schweizerischen Wirtschaftssystem zurückzuführen. Die Identifikation zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber ist in der Schweiz sehr ausgeprägt, entsprechend gross ist die politische Nähe. Die Abstimmungen fallen in der Regel im Sinne von Unternehmen und Gewerbe aus, so zum Beispiel bei der im letzten März abgelehnten Ferien-Initiative der Gewerkschaften. Das ist nicht per se widersprüchlich, denn diese politische Mentalität hat mitgeholfen, die Arbeitslosenrate in der Schweiz tief zu halten. Der Verlust von Arbeitsplätzen ist zu Recht die grösste Sorge. Zähe Arbeitslosigkeit birgt die grösste Gefahr, aus dem Mittelstand zu fallen.

Inwiefern bedrohen die Globalisierung und die Zuwanderung von hochqualifizierten Ausländern aus der EU das Erfolgsmodell der schweizerischen Mittelstandsgesellschaft?
Unternehmertum und Oberschicht haben sich teilweise vom mittelständischen Gemeinsinn entfernt. Das Lohngefüge, das im Vergleich zum Ausland ausgeglichen ist, steht unter Druck. Ein Ausdruck dieser Entwicklung ist zum Beispiel die Abzocker-Debatte. Es stellen sich mehrere Fragen: Wie lange machen die Schweizer diese Entwicklung mit? Wie lange bleibt die Schweiz eine Mittelstandsgesellschaft? Tatsache ist, dass die neue Zuwanderung der Schweizer Wirtschaft zwar viel bringt, aber gleichzeitig das duale Bildungssystem zurückdrängt. Dabei ist gerade die Berufslehre so etwas wie das Eintrittsticket in den Mittelstand. Die Anforderungen in der Berufswelt sind höher geworden, was auch Unbehagen verursacht. Wer stehen bleibt, fällt zurück. Berufsleute müssen sich ständig weiterbilden, um am Ball zu bleiben. Das ist der Unterschied zu den goldenen 50er- und 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Darum braucht es in der Schweiz eine Mittelstandspolitik, die diesen Namen auch verdient.

Erstellt: 15.11.2012, 11:58 Uhr

«Die genossenschaftliche Idee von der Hilfe zur Selbsthilfe ist nichts anderes als Mittelstandspolitik: Michael Hermann, Politgeograf und Leiter der Forschungsstelle Sotomo in Zürich. (Bild: Landote/ Peter Würmli)

Der Mittelstand

Zum Mittelstand gehören alle Haushalte, die ihren Unterhalt selbstständig bestreiten können, aber nicht vermögend sind. Ein Alleinstehender mit einem Monatseinkommen von 7000 Franken darf sich zum Mittelstand zählen. Eine Familie mit zwei Kindern mit demselben Einkommen gehört aber zur Unterschicht. In der Schweiz gehören rund 60 Prozent der Bevölkerung dem Mittelstand an. Mehrere Studien zeigen, dass die Löhne des Mittelstands in den letzten zwei Jahrzehnten weniger stark gestiegen sind als die Löhne der Ober- und der Unterschicht. Dazu kommt, dass die Mieten und Krankenkassenprämien derart gestiegen sind, dass diese die Lohnerhöhungen des Mittelstands übersteigen: Am Ende steht dem Mittelstand weniger Geld zur Verfügung.

Nur das Einkommen als Massstab für die Zugehörigkeit zum Mittelstand zu nehmen, greift aber zu kurz, wie der Politgeograf Michael Hermann sagt. Wichtig sei auch die «innere Haltung» – also ein bestimmtes Set von Werten, geistig-moralischen Haltungen, Habitus oder auch Lebensstil. Und diese widerspiegeln sich in der politischen und wirtschaftlichen Ordnung eines Landes. Zu den Wurzeln der Schweizer Mittelstandsgesellschaft gehören der ausgeprägte Föderalismus, die dörfliche und kleinstädtische Siedlungsstruktur, die direkte Demokratie und das Milizsystem sowie die gewerblich geprägte Wirtschaft und genossenschaftliche Organisationsformen. Der Mittelstand setzt sich aus unterschiedlichen sozialen Milieus zusammen, er umfasst verschiedenste Berufsgruppen. Entsprechend fragmentiert ist die politische Landschaft des Mittelstands. Dennoch sehen sich alle Parteien als Vertreter des Mittelstands. (vin)

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Neue Studie von Avenir Suisse

Fast überall in der Welt finden Mittelstandsdebatten statt. Besonders heftig geschieht dies in den USA und in den krisengebeutelten Ländern Europas. Aber auch in der Schweiz ist die Sorge um eine Erosion des Mittelstands fester Bestandteil der öffentlichen Debatte. Die gängigen Statistiken zu Löhnen und Einkommen können das Unbehagen nicht erklären: Dem Schweizer Mittelstand geht es materiell sehr gut. Dennoch haben die Klagen aus der Mitte einen realen Hintergrund, denn der Mittelstand ist in den letzten 20 Jahren relativ zu den Rändern der Gesellschaft zurückgefallen.

Über den Zustand und die Perspektiven des Mittelstands hat der Schweizer Thinktank Avenir Suisse eine Studie gemacht, die morgen Freitag an einer Medienkonferenz in Zürich präsentiert wird. (vin)

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