Die grosse Überraschung nach dem Urnengang

Die Resultate von Umfragen und Abstimmungen unterscheiden sich teilweise erheblich.

Die Umfrage des Forschungsinstituts GFS Bern hat für die Ecopop-Initiative einen Ja-Stimmen-Anteil e von 39 Prozent ergeben. An der Urne erhielt sie aber nur 25,9 Prozent Ja-Stimmen.

Die Umfrage des Forschungsinstituts GFS Bern hat für die Ecopop-Initiative einen Ja-Stimmen-Anteil e von 39 Prozent ergeben. An der Urne erhielt sie aber nur 25,9 Prozent Ja-Stimmen. Bild: Alessandro della Valle/Keystone

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«Ich will nicht die Umfragen gewinnen, sondern die Wahlen», pflegte Kanzlerkandidat Gerhard Schröder jeweils zu sagen. Das Misstrauen gegenüber Umfragen ist berechtigt, wie sich am Abstimmungssonntag einmal mehr gezeigt hat. Alle drei Volksinitiativen haben an der Urne viel schlechter abgeschnitten als zuvor in den Umfragen.

So hat die Umfrage des Forschungsinstituts GFS Bern im Oktober einen Ja-Stimmen-Anteil für die Ecopop-Initiative von 35 Prozent ergeben. In der zweiten Umfrage vom November betrug dieser 39 Prozent. «20 Minuten», das wie der TA zu Tamedia gehört, wies im Oktober in der ersten von drei Umfragewellen gar eine Zustimmung von 53 Prozent zur Ini­tiative aus. An der Urne erhielt sie aber lediglich 25,9 Prozent Ja-Stimmen.

Es gebe in erster Linie zwei Probleme bei den Umfragen, sagt Marc Bühlmann, Politologe an der Universität Bern. Das erste Problem sei die schwindende Erreichbarkeit der Umfrageteilnehmer. Die Zahl der Haushalte mit Festnetzanschlüssen nimmt seit Jahren ab, und viele stehen trotz Anschluss nicht im Telefonbuch. Das erschwere den Meinungsforschern die Arbeit erheblich, sagt Bühlmann, und es handle sich dabei um ein Problem, das sich in den vergangenen Jahren akzentuiert habe. Einige versuchten es mit Onlineumfragen zu umgehen, was neue Probleme mit sich bringe: «Diese sprechen meistens nur eine sehr spezifische Klientel an.» Werden soziologische und demografische Unausgewogenheiten durch Gewichtung ausgeglichen, verzerre das die Realität aber unter Umständen stark.

Das zweite Problem ist laut Bühlmann die systemimmanente Fehlerquote. Diese beträgt bei 1500 befragten Personen rund 3 Prozent. Wenn sich also die Zustimmung zu einer Vorlage von der ersten zur zweiten Umfrage von 35 auf 38 Prozent steigert, ist daraus wissenschaftlich betrachtet keine Tendenz herauszulesen, da die Veränderung innerhalb der Fehlerquote liegt. Bühlmann hält es generell für falsch, Umfragewerte mit Prozentzahlen zu beziffern. «Besser wäre: In der Tendenz Ja oder in der Tendenz Nein.» Mit Rücksicht auf die 3-Prozent-Fehlerquote hiesse das bei 47 oder 53 Prozent: Es kann keine Prognose gemacht werden.

Die beste Methode ist zu teuer

Würden die Umfrageresultate vorsichtiger vermittelt, auch von den Medien, gäbe es weniger Überraschungen, sagt Bühlmann. «Sie liessen sich dann aber schlechter verkaufen.» Für das technische Problem der fehlenden Telefonanschlüsse hingegen habe die Branche schlicht noch keine Lösung. Die zuverlässigste Methode wäre, die Umfrageteilnehmer anzuschreiben und mit ihnen Interviewtermine zu vereinbaren. Doch das ist umständlich und teuer.

Andreas Diekmann, Soziologe an der ETH Zürich, schlägt vor: «Warum legen nicht alle Player im Umfragemarkt ihre Budgets zusammen? So liessen sich qualitativ hochwertige Umfragen erstellen.» Solange jeder sein Süppchen koche, hafte den Umfragen eben der Eindruck von Zufallstreffern an, auch wenn die Kritik manchmal nicht ganz fair sei. So ist Diekmann überzeugt, dass die massive Gegenkampagne zur Ecopop-Initiative den Nein-Anteil nach der letzten Umfrage noch erhöht hat. Ähnlich erklärt Lukas Golder, Geschäftsleitungsmitglied bei GFS Bern, die Diskrepanz zwischen Umfrage und Abstimmungsresultat: «Ein Grund ist bestimmt, dass es eine klare Gegenreaktion in den Medien gegen dieses ‹Zeichensetzen› der Stimmbürger gab.» Doch er räumt ein: «Dass der Ja-Anteil derart einbricht, haben wir in dieser Ausprägung noch nicht erlebt.» Das werde man nun genau anschauen.

Eine verbreitete Sorge ist, dass Umfragen die Stimmung womöglich nicht nur abzubilden versuchen, sondern auch beeinflussen. SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli hat deshalb 2009 ein Verbot für die Publikation von Umfragen gefordert, nachdem die Minarettinitiative entgegen der Umfragen deutlich angenommen worden war. Diese Angst sei unbegründet, sagt Bühlmann. Untersuchungen zeigten, dass Umfragen die Stimmung kaum beeinflussten.

Sicher spielen Umfragen aber eine Rolle im Abstimmungskampf. So habe Gerhard Schröder selbstverständlich auch die Umfragen gewinnen wollen, sagt Diekmann, «so wie alle anderen Bundeskanzler und auch Angela Merkel». Mit seiner Aussage habe Schröder aber vor allem diese Botschaft vermitteln wollen: «Erstens bin ich total entspannt, und zweitens politisiere ich unabhängig von Popularitätswerten», was ihm wohl zusätzliche Sympathiepunkte eingebracht habe. «Und sicher hatte er in der Schublade eigene, privat finanzierte Umfragen, die wohl um einiges teurer und zuverlässiger waren als jene, die die Öffentlichkeit zu Gesicht bekam.»

Erstellt: 02.12.2014, 12:17 Uhr

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