«Die hässliche Fratze des Antisemitismus»

In Europa nimmt der Antisemitismus neue Dimensionen an. Auch Schweizer Juden erhalten deutlich mehr Hassbriefe und werden auf sozialen Medien offen angefeindet.

In Frankreich eskalierten Proteste gegen die israelische Gaza-Offensive.

In Frankreich eskalierten Proteste gegen die israelische Gaza-Offensive. Bild: Keystone

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Französische Juden wandern zu Tausenden nach Israel aus, viele, weil sie die offenen Anfeindungen nicht mehr ertragen. Im letzten Mai sind mit Jobbik (Ungarn) und Goldene Morgenröte (Griechenland) zwei Parteien ins Europaparlament eingezogen, die sich nicht darum bemühen, ihren Judenhass zu kaschieren.

Auch in der Schweiz wird offen gegen Juden gehetzt. Die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) führt seit 22 Jahren eine Chronologie über rassistische und antisemitische Vorfälle, 44 Ereignisse dokumentierte sie seit Jahresbeginn. 9 Anzeigen reichte die GRA in den letzten Monaten ein, unter anderem wegen antisemitischer Äusserungen auf Facebook im Vorfeld einer Kundgebung für Palästina in Zürich.

Der jüngste Eintrag in der GRA-Chronologie datiert auf den 11. August. In Davos wurde ein orthodoxer Jude von einem älteren Mann angegriffen und verletzt. Ob es sich tatsächlich um einen Angriff mit antisemitischem Hintergrund handelt, ist allerdings nicht abschliessend geklärt.

«Zunahme bedenklicher Vorfälle registriert»

Zwar liegt die Zahl der registrierten Vorfälle bei der GRA nicht über denjenigen der Vorjahre. Trotzdem habe auch hierzulande der unverhohlene Hass gegen Juden eine neue Dimension angenommen, sagt Leila Feit, Geschäftsführerin der GRA. «Seit dem Ausbruch des Nahostkonflikts haben wir eine bedenkliche Zunahme antisemitischer Vorfälle registriert. Dieses auslösende Ereignis konnten wir schon in der Vergangenheit feststellen. Dieses Mal zeigte sich die hässliche Fratze des Antisemitismus aber in einer noch nicht gesehenen Form.»

Patrick Studer vom Schweizerisch Israelitischen Gemeindebund (SIG) sagt, in der Schweiz stelle man keine verstärkte Auswanderungsbewegung von Juden nach Israel fest. Die Situation in Frankreich sei viel gravierender als in der Schweiz und lasse sich nicht vergleichen. Doch Studer beobachtet eine andere, besorgniserregende Tendenz. Der SIG betreibt eine Meldestelle für antisemitische Vorfälle. In den letzten Jahren wurden pro Jahr jeweils rund 25 Vorfälle registriert, seit Juli bereits über 60. Nicht gezählt werden Äusserungen in den sozialen Medien.

Briefschreibende verstecken sich hinter der Anonymität

Laut Studer, Beauftragter Prävention und Information des SIG, lasse sich daraus nicht unbedingt eine generelle Zunahme antisemitischer Einstellungen ablesen. Allerdings hätten sich diese in «diesen Tagen besonders deutlich gezeigt». Verändert habe sich insbesondere die Aggressivität der Äusserungen. Während man früher eher pauschale Urteile über alle Juden gelesen habe, so heisse es in den letzten Wochen: «Juden muss man vergasen.»

Auf die Frage nach einem konkreten Beispiel zückt Studer einen Brief, den der SIG kürzlich erhalten hat. Darin ist etwa zu lesen: «Die Juden waren und sind Zerstörer, Betrüger, Mörder. Seid gewarnt, ihr Judenbengel, eines Tages verkriecht ihr euch in Höhlen.» Der Absender: anonym.

Uralte Vorurteile kommen ans Licht

Besorgt sind Feit und Studer auch über die Entwicklung in den sozialen Medien. Laut Studer ging es auf Facebook «am heftigsten zu und her». Und Feit sagt: «Ein krass antisemitischer Aufruf hat unzählige Likes erhalten. Aufrufe zu Gewalt an Juden wurden durch weitere Posts verstärkt. Ich frage mich, was in diesen Leuten vorgeht.»

Unterscheidet sich der Hass gegen Juden vom Hass gegen Muslime, Christen, Roma, Fahrende, Deutsche, Europäer und Amerikaner? Bei der GRA stellt man eine generelle Verschärfung im Ton gegen Minderheiten fest und eine Abnahme der Toleranz. «Über Fahrende werden Pauschalurteile gefällt und Muslime in Zürich für Taten von Islamisten im Ausland verantwortlich gemacht», sagt Feit. Antisemitismus unterscheide sich allerdings dadurch, dass uralte Vorurteile ans Licht kämen, die mit politischer Kritik überhaupt nichts mehr zu tun hätten. «Und plötzlich werden Juden wieder im gleichen Atemzug als Kindermörder und geldgierige Beeinflusser der Medien und der Weltpolitik bezeichnet», sagt Feit.

Feit ruft die Politik dazu auf, sich klar von Antisemitismus abzugrenzen und für den Erhalt der Antirassismusstrafnorm einzusetzen. Diese liefere eine wichtige Grundlage für ein friedliches Zusammenleben. «Wir brauchen den Artikel 261bis. Er zeigt, welche rote Linie niemand überschreiten darf.»

Erstellt: 14.08.2014, 16:45 Uhr

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