Die letzten Dinosaurier im Bundeshaus

Sie sind Originale, die zu verschwinden drohen: Die längst fällige Würdigung einer Politikergeneration.

Graue Eminenzen unter sich: Filippo Lombardi diskutiert mit den Ratskollegen Hans Altherr, Peter Föhn, Fabio Abate und Martin Schmid, von links nach rechts.

Graue Eminenzen unter sich: Filippo Lombardi diskutiert mit den Ratskollegen Hans Altherr, Peter Föhn, Fabio Abate und Martin Schmid, von links nach rechts. Bild: Keystone

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Gabi Huber, Nationalrätin (FDP, UR)
Die knarrendste aller Stimmen

Wenn Gabi Huber redet, bekommen die Zuhörer im Nationalrat Hühnerhaut. Die Chefin der Freisinnig-Liberalen Fraktion im Bundeshaus spricht, als ob sie ihre Worte über eine Raffel ziehen würde. Rhetorische Eleganz, furioses Plädoyer? Nicht ihr Ding. Es sind Sätze, die knarren wie das Holz einer Tanne, die es gewohnt ist, dem Föhnsturm in den Urner Alpen zu trotzen.

Man kann sich nicht vorstellen, dass es die 59-jährige Volksvertreterin aus Altdorf jemals wagen würde, Statements zu formulieren, die auch nur den dünnsten Firnis des Emotionalen tragen. War Gabi Huber in den vergangenen zwölf Jahren als Bundespolitikerin je begeistert, befremdet, betrübt? Gut möglich, doch hat sie es verstanden, ihre Gemütsregungen perfekt zu verstecken. In Gabi-Huber-Sätzen scheinen die Gene der alten Eidgenossen zu stecken, die im Zweifel gar nichts oder nur das Nötigste sagten. «Konkordanz ist die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner», lautet einer dieser Huber-Sätze, «wir Freisinnigen wollen Probleme nicht bewirtschaften, sondern lösen» oder «man muss immer auf dem Teppich bleiben».

Im Herbst tritt die Anwältin und Notarin zurück. Sie kam so wunderbar schnörkellos und unprätentiös, so nüchtern und trocken daher wie die Chronik ihrer Heimatgemeinde, die festhält: 1826: Einzug der Moderne, 1924: letzte Hinrichtung, 1978: Hallenbad eröffnet. Mag sein, dass Gabi Huber Charme hat. Sie hat ihn gut getarnt.

Martin Furrer


Toni Bortoluzzi, Nationalrat (SVP, ZH)
Der Koloss als Hypothek

An ihm liesse sich die Theorie von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen illustrieren: Toni Bortoluzzi, 68, Schreinermeister und SVP-Politiker. Im Sommer letzten Jahres, da sagte er, Schwule hätten «einen Hirnlappen, der verkehrt herum läuft.» Dass in den sozialen Netzwerken daraufhin ein Shitstorm über ihm niederging, dürfte er allenfalls aus zweiter Hand erfahren haben. «Ich (…) war nie in der Arbeitsgruppe ‹Schön reden›», sagte er damals dem «Blick».

Seither ist der Koloss aus Affoltern am Albis seinen Parteikollegen peinlich. «Solche Leute brauchen wir nicht», hiess es aus der SVP. Einer Partei, die laufend weiblicher, urbaner und akademischer wird, passt Bortoluzzi nicht. Er bleibt eine Hypothek auf dem Weg in die Moderne. 24 Jahre ist es im Herbst her, dass er zum ersten Mal in den Nationalrat gewählt wurde. Ob es mehr werden, ist äusserst ungewiss.

Sein Abgang wäre bedauerlich, ist Bortoluzzi doch ein Politiker, der Verantwortungsethik über Gesinnungsethik stellt: In der Ausländerpolitik politisiert er hart, doch tun Lehrlingsausbildner wie er wohl mehr für die Integration als viele Sozialarbeiter. Mit Homosexuellen scheint er persönlich auch nie gröbere Probleme gehabt zu haben. Was wohl sein schwuler Stammtischkollege, der verstorbene Sport­reporter Hans Jucker, zu ihm gesagt hätte, fragte ihn diese Zeitung im Sommer. Bortoluzzi: «Bisch en dumme Siech. Und die gemütliche Runde wäre fort­gesetzt worden.»

Hansjörg Müller


Filippo Lombardi, Ständerat (CVP, TI)
Der Tessiner an sich

Einmal habe ich Filippo Lombardi getroffen, im Sommer 2011, kurz vor den letzten Eidgenössischen Wahlen. Am vereinbarten Treffpunkt, dem Schiffsanleger von Locarno, erschien er eine gute Stunde zu spät. Bevor er mich begrüsste, herzte er erst einmal sämtliche verfügbaren Serviertöchter und verlangte nach einem Campari Soda. Böse sein konnte ich ihm nicht, denn schliesslich ist er Filippo Lombardi.

Vielleicht liegen ja darin Gunst und Ungunst des Tessinerseins: Man kann sich immer ein bisschen mehr erlauben als anderswo, freilich um den Preis, oft nicht ganz für voll genommen zu werden. Wenn der Tessiner der Italiener der Schweiz ist, dann ist der 58-jährige CVP-Ständerat eine Art «piccolo Berlusconi». Einer, der auch mal alkoholisiert einen Autounfall verursachen kann, ohne dass seine politische Karriere einen Kratzer abbekommt.

Vor Jahren, da organisierte sein Tessiner Landsmann, der damalige Nationalrat und SP-Linksaussen Franco Cavalli, eine Parlamentarierreise nach Kuba. Der einzige Bürgerliche, der das sozialistische Paradies in der Karibik besuchen mochte, war Lombardi. Ein Mitreisender, der nicht genannt werden will, behauptete hinterher, der Tessiner habe sich zwei Wochen lang vorwiegend mit Rum und Mulattinnen beschäftigt. Der Mann liebt das süsse Leben. Vielleicht hat ja auch seine jüngst entdeckte Vorliebe für Wladimir Putins Russland damit zu tun. In Bern würden wir Lombardi gewiss vermissen. Also: per molti anni!

Hansjörg Müller


Peter Föhn, Ständerat (SVP, SZ)
Rechts von ihm ist die Wand

Vor vier Jahren wollte Peter Föhn (62) als Nationalrat zurücktreten: Nach drei Legislaturen sei es Zeit, Jungen Platz zu machen, erklärte der Muotataler Bauernsohn. Schliesslich kandidierte er für den Ständerat und sorgte in Schwyz für die einmalige Konstellation zweier SVP-Ständerate im selben Kanton. Die Arbeitsteilung zwischen ihm und Kollege Alex Kuprecht ist wie folgt: Kuprecht sagt nie etwas und Föhn sagt Dinge, die niemand mehr sagt. Etwa dass Abtreibung moralisch verwerflich sei, dass die Armee 40 000 Mann zu wenig habe und dass Alkohol und Autofahren nicht nicht zusammenpassen: «Ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren.» Verbieten lassen will er sich nichts: «Der Föhn will frei herumlaufen.» («NZZ»)

Kurzum: Er ist ein Mann auf verlorenem Posten. Rechts von der SVP ist nur noch Peter Föhn – bekannt als «Mister 10,0», weil er im Links-­rechts-Rating immer gleich abschneidet; weil er den roten «Nein»-Knopf im Parlament unerbittlich glühen lässt. Manche Ratskollegen indes behaupten, Föhn sei gar nicht ein so freier Mensch, er rede anderen vielmehr nach dem Mund, um zu gefallen, und sei allzu pathetisch. 2001 wechselte der einstige Primarlehrer überraschend in den Stand der Unternehmer. Seither produziert seine Muotathaler Schreinerei «Möbel zum Sein», nach strengen Feng-Shui-Prinzipien. Zusammen mit Schweiger Kuprecht tritt er wieder an. Wie sagte die Schwyzer SVP schon 2011? «Mit em Kuprecht und em Föhn isch äs herrgotsschön.»

Benedict Neff


Andreas Gross, Nationalrat (SP, ZH)
Der letzte Utopist

Politiker, heisst es heute, müssen nahe bei den Wählern sein – Andreas Gross hat sich mit den Jahren sukzessive von ihnen entfernt. Es ging nicht anders.

Gross, 62, ist Nationalrat des Kantons Zürich, wohnt aber inzwischen vor allem in St-Ursanne, Kanton Jura, weil er sich in Zürich keinen Hausteil leisten kann, in dem all seine Bücher Platz haben. Er kämpft nicht für Freiräume in der Stadt Zürich, sondern für die Sache der direkten Demokratie an Podien in Schwerin, Mecklenburg­Vorpommern. Andreas Gross hat seine Wähler hinter sich gelassen, so muss man das wahrscheinlich sehen.

Als ich Andreas Gross im vergangenen Jahr traf, hielt er die weite Welt in den Händen. Er las den Auslandsteil der «NZZ» und sagte Sätze wie: «Ich bin überzeugter Europäer, ich will eine starke EU, aber deswegen eine ganz andere, eine föderalistisch verfasste.» Oder: «Wenn Sie nur sich selber kennen, kennen Sie auch sich selber nicht.» Gross ist der letzte Utopist im Schweizer Parlament, der letzte Philosoph auch. Er macht sich Gedanken zur Demokratietheorie – und man kann von diesen Ideen halten, was man will, aber er macht sie sich immerhin.

Vor den letzten Wahlen drohte Andreas Gross der SP-Altersguillotine zum Opfer zu fallen. An einer Partei­versammlung forderten die Juso seinen Rücktritt – und irgendeine Studentin fragte: «Wieso musst unbedingt du weitermachen? Jemand Jüngeres könnte dein Gedankengut ja auch vertreten.» Sie hatte nichts begriffen.

Samuel Tanner

Erstellt: 17.03.2015, 16:27 Uhr

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