Hintergrund

Die letzten Schüsse aus der «Bestie»

Am Lukmanier- und am Gotthard-Pass werden in diesen Tagen noch einmal die gebunkerten und geheimen Bison-Geschütze abgefeuert. Das Ende einer Ära.

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Heute im Gotthard-Massiv, morgen am Lukmanier-Pass: Noch ein letztes Mal werden aus den Bison-Geschützen Schüsse abgefeuert. Bison, das ist ein modernes Festungsgeschütz mit einem Kaliber von 15,5 Zentimetern und einer Einsatzdistanz von über 30 Kilometern. Von den Soldaten wurde das Geschütz wegen seiner Stärke auch «Bestie» genannt. Nach den letzten Schüssen wird die Festungsartillerieabteilung 13 (Fest Art Abt 13) aufgelöst. Bis Freitag absolviert sie ihren letzten Wiederholungskurs. Derzeit absolvieren gut 500 Angehörige der Abteilung den letzten WK. Die noch Dienstpflichtigen unter ihnen werden danach umgeteilt.

Mit der Aufhebung der Fest Art Abt 13 und dem Rückbau der Geschütze und Bunker sei das Réduit im Sinn des Igels, der sich ins Gebirge zurückzieht und seine Stacheln ausfährt, Geschichte, sagte Armeesprecher Daniel Reist am Dienstag. Er bestätigte eine entsprechende Meldung von Schweizer Radio DRS.

Fahnenabgabe beim Telldenkmal

Die im Rahmen der Armeereform XXI gebildete Fest Art Abt 13 wird am Mittwoch beim Telldenkmal in Altdorf UR ihre Standarte endgültig abgeben. Die Armeezeitung armee.ch schreibt dazu: «Sie wird zum militärhistorischen Ereignis, so wie es 1972 mit der Abschaffung der Kavallerie und im Zuge der Armeereform XXI mit der Auflösung der Radfahrerregimenter war.

Bundesrat Ueli Maurer hatte die Stilllegung der Bison-Kanonen und Festungsminenwerfer Ende Mai angekündigt. Die Ausmusterung der Geschütze und Bunker kostet 53 Millionen Franken. Jährlich lassen sich mit dem Verzicht 30 Millionen Franken einsparen. Moderne permanente Anlagen bleiben bestehen. Die Kasernen werden umgenutzt.

Nicht mehr von Nutzen, keine Munition mehr

Betroffen sind die verbliebenen Batterien mit Bison-Kanonen an vier Standorten sowie Festungsminenwerfer. Die Waffen wären heute kaum mehr von Nutzen zur Abwehr eines militärischen Angriffs, schrieb das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) dazu. Der Armee fehle es zudem auch an Munition.

Die Minenwerfer wurden laut VBS-Angaben 1959 hergestellt und 1983 modernisiert. Die Bison-Kanonen wurden 1993 produziert und ab dem Jahr 2000 in die Festungen eingebaut. Die Stilllegung der nicht mehr benötigten Waffen geht auf den sicherheitspolitischen Bericht des Bundesrates 2010 zurück.

Verteidigungsstrategie im Zweiten Weltkrieg

Das Réduit war zentraler Teil der Schweizer Verteidigungsstrategie im Zweiten Weltkrieg und wurde zum Inbegriff des Widerstands der Schweiz gegen das Dritte Reich. Vor nunmehr 71 Jahren, im Frühsommer 1940, beschloss die Armeeführung unter General Henri Guisan den Rückzug der meisten Truppen in die Alpenfestung.

Die Alpenfestungen blieben auch nach 1945 erhalten. Erst nach Ende des Kalten Krieges wurde das Gros der Festungen aufgegeben und ihre Geheimhaltung aufgehoben. Bei der Aufarbeitung der Weltkriegsgeschichte in den 90er Jahren äusserten Historiker vermehrt Zweifel am Mythos Réduit. Zur Schweizer Strategie hätte neben dem Widerstandswillen auch die weitreichende wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland und Italien gehört. (cpm/sda)

Erstellt: 21.06.2011, 12:54 Uhr

Was der Militärhistoriker zum Bison-Ende sagt

Herr Jaun*, die Bison-Geschütze werden morgen zum letzten Mal abgefeuert, dann ist Schluss. Was ist die Bedeutung dieses Ereignisses?
Es ist das definitive Ende der Festungsartillerie, das heisst, es wird keine Kanonen- und Minenwerfersysteme mehr geben, welche unter Fels und Erde gelegt sind und auf den Gegner schiessen. Das hat aber mit Réduit nicht viel zu tun, wie jetzt gesagt wird.

Wie meinen Sie das?
Das Réduit verliess die Schweizer Armee 1944. Die eigentlichen Artilleriewerke gibt es seit den 90er Jahren nicht mehr. Seither wollte man den Entscheidungskampf im grenznahen Gebiet führen und nicht mehr als letztes ein Restterritorium in den Alpen verteidigen.

Wofür hatte man die Festungsminienwerfer und die Bison-Geschütze denn noch angeschafft?
Ursprünglich hatte die Schweizer Armee einen ganzen Kranz – schätzungsweise 100 – von Festungsminenwerfern die bis ins Grenzgebiet feuern konnten. In den 90er Jahren wurden die Bison-Geschütze installiert. Diese aber waren vor allem für den Schutz der Alpentransversalen gedacht.

Wie viele davon besitzt die Schweizer Armee?
Das ist natürlich geheim, wie die Standorte auch. Die Anzahl Bison-Geschütze lässt sich aber wohl an einer Hand abzählen.

So spät noch solche Geschütze zu kaufen, das war doch eine Fehlinvestition.
Im Nachhinein kann man das schon sagen. Aber solche Entscheide haben einen Planungshorizont von 20 bis 25 Jahren. Zudem spielten regionalpolitische Interessen bei der Beschaffung hinein. (cpm)

Rudolf Jaun ist Dozent für Militärgeschichte an der Militärakademie (Milak) der ETH Zürich und Titularprofessor für Geschichte der Neuzeit und Militärgeschichte am Historischen Seminar der Universität Zürich.

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