«Die meisten gewaltbedingten Verletzungen geschehen im Ausgang»

Der Nationalrat will den Alkoholverkauf kaum einschränken. Suva-Statistiker Bruno Lanfranconi erklärt, weshalb die Zahl der Verletzungen durch Gewalt zugenommen hat.

Verletzungen durch Gewalt haben zugenommen: Partygänger im auf dem Toni-Areal im Kreis 5 in Zürich.

Verletzungen durch Gewalt haben zugenommen: Partygänger im auf dem Toni-Areal im Kreis 5 in Zürich. Bild: Martin Rütschi/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bei der Totalrevision der Alkoholgesetzgebung erwägt das Parlament Mindestpreise und ein Nachtverkaufsverbot. Gäbe es damit weniger Gewalt?
Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass Alkohol und andere Drogen keine Gewalt produzieren. Sie enthemmen nur, was in den Köpfen schon vorhanden ist.

Trotzdem gibt es einen Zusammenhang, oder?
Ja. Die meisten Fälle gewaltbedingter Verletzungen geschehen im Ausgang am Wochenende nach Mitternacht. Die Spitze ist nachts um 2 Uhr. Und die Fälle haben seit den Neunzigerjahren stark zugenommen. 1995 gab es pro 1000 Männer zwischen 15 und 24 Jahren etwa 2 bis 3 Fälle pro Jahr. 2008 waren es gut 12 Fälle. Seither sind die Zahlen rückläufig, aber das Niveau ist noch immer viermal höher als in den Neunzigerjahren.

Ist der Alkohol die Ursache dafür?
Die Zunahme der Gewaltdelikte im öffentlichen Raum seit Mitte der Neunzigerjahre ist parallel zu massiven Veränderungen im Freizeitverhalten verlaufen. Freizeitangebote bestehen rund um die Uhr, und in den Agglomerationen gibt es an den Wochenenden seit einigen Jahren ein durchgehendes Angebot beim öffentlichen Verkehr. Gleichzeitig hat der exzessive Konsum von Alkohol und Drogen stark zugenommen. Das zeigt sich zum Beispiel an der Hospitalisierungsrate von Männern wegen Alkoholvergiftung: Seit 2003 sind die Fälle bei den 15- bis 19-Jährigen von 0,8 auf 1,4 pro 1000 Personen gestiegen. Bei den 20- bis 24-Jährigen ist die Rate von 1,1 auf 1,6 gestiegen.

Gewalt und exzessiver Alkoholkonsum wurden also staatlich gefördert?
Das Ausgehverhalten insgesamt hat sich verändert. Die Leute gehen heute später aus, oft erst gegen Mitternacht. Und sie strömen in die Städte, wo sie anonym sind und im Konsum und Verhalten enthemmter. Luzern ist am Wochenende beispielsweise Anziehungspunkt für junge Leute aus den angrenzenden Kantonen Uri, Ob- und Nidwalden. Dann hat sich auch das Konsumgut verändert. In den Achtzigerjahren war Heroin das grosse Problem. Wer Heroin konsumiert, ist mit sich selber beschäftigt. Heute sind Kokain und Designerdrogen in Mode, die aufputschen und enthemmen. Zugenommen haben bei den gewaltbedingten Verletzungen übrigens die schweren Kopfverletzungen. Kenner der Szene haben beobachtet, dass junge Leute vermehrt Sprungschläge anwenden, wie man sie in Kampfsportarten lernt. Damit wird gezielt jemand k.o. geschlagen.

Der Bereichsleiter Statistik bei der Suva hat die Entwicklung von Gewalt im öffentlichen Raum in mehreren Studien untersucht.

Erstellt: 20.09.2013, 07:06 Uhr

Artikel zum Thema

«Ausgangspolizei» gegen Gewalt

Die Gewaltbereitschaft junger Männer im Ausgang hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Mehr...

Gewalt: Worauf Jugendliche im Ausgang achten sollten

Junge Männer werden immer öfter durch Gewalttaten verletzt – am häufigsten im Ausgang am Wochenende. Präventionstipps der Zürcher Stadtpolizei. Mehr...

Linksextreme überfallen Gothic-Party

Rund 30 Linksextreme setzten in einer Bar in Freiburg Tränengas ein, zertrümmerten mit Baseballschlägern Scheiben und demolierten das Mobiliar. Danach griffen sie die Polizei an. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Logenplätze: Die Bewohner der nepalesischen Ortschaft Bode verfolgen den Nil-Barahi-Maskentanz von ihren Fenstern aus. Während des jährlichen Fests verkleiden sich Tänzer als Gottheiten und ziehen durch die Strassen. (20. August 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...