Franz Weber

Die nützliche Nervensäge

Zwölf Volksinitiativen hat Franz Weber bisher eingereicht, keine war erfolgreich. Nun feiert er mit seinem Kampf gegen Zweitwohnungen seinen ersten nationalen Sieg – als 84-Jähriger.

«Das grüne Gewissen des Landes»: Der umtriebige Franz Weber.

«Das grüne Gewissen des Landes»: Der umtriebige Franz Weber.

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Milde angesichts des Sieges, gelöste Zufriedenheit in der Stunde des Erfolgs? Weit gefehlt. Franz Weber wäre nicht Franz Weber, würde er sich so verhalten, wie es Abstimmungssieger in der Regel tun. «Wir haben gesiegt trotz der Lügenpropaganda der Gegner. Wir werden für die Umsetzung der Initiative kämpfen, und wir werden neue Initiativen lancieren», sprudelt es aus dem Mann mit der schlohweissen Mähne. Niemand bezweifelt seine Worte. Denn der Initiant der Zweitwohnungs-Initiative ist ein Getriebener, ein rastloser Streiter im Dienst des Umwelt- und Heimatschutzes. Seit nunmehr 50 Jahren.

Der gebürtige Basler hat in Togo ein Elefantenreservat gegründet, das Jugendstilhotel Giessbach am Brienzersee ebenso gerettet wie das antike Delphi in Griechenland. Ohne ihn führte heute eine Autobahn durch das Weinbaugebiet Lavaux, das inzwischen zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Weber kann mehrere solcher Einzelerfolge vorweisen, und noch viel mehr Niederlagen. Noch nie ist es ihm jedoch gelungen, ein Anliegen in der Bundesverfassung zu verankern und damit landesweite Wirkung zu entfalten. Mit dem gestrigen Tag hat sich Weber, den viele schon abgeschrieben hatten, eindrücklich als das grüne Gewissen des Landes in Erinnerung gerufen.

«Ein Erfolg des Schweizervolks»

«Das ist einer der wichtigsten Tage in meiner Karriere», sagt Weber. Er erlebte mit Gleichgesinnten in Bern, wie Kanton um Kanton der Initiative zustimmte. Eigentlich wollte sich Weber zugunsten seiner Tochter Vera zurücknehmen. Im Abstimmungskampf ist ihm das weitgehend gelungen.

Nun aber, nach geschlagener Schlacht, interessieren die Gefühlslage und die Pläne des «Emmerdeur utile», der «nützlichen Nervensäge», wie ihn welsche Zeitungen einst betitelt haben. «Ich verspüre eine grosse Befriedigung. Aber das ist ein Erfolg des Schweizervolks. Ich war nur das Werkzeug», sagt Weber. Bereits droht er mit einer neuen Zweitwohnungs-Initiative, sollte das Begehren nicht im Sinn der Initianten umgesetzt werden.

Webers Misstrauen gründet auf den Erfahrungen unzähliger politischer Auseinandersetzungen. Er hat 15 kantonale und 12 eidgenössische Initiativen eingereicht – so viele wie niemand sonst. Von den nationalen Begehren kamen nur vier zur Abstimmung. Die übrigen zog Weber zurück, weil ihm Bundesrat und Parlament entgegengekommen sind. Kam eines seiner Begehren jedoch an die Urne, scheiterte es bisher jeweils klar.

Ohne Chance blieben die Initiativen für mehr Demokratie im Nationalstrassenbau (1978), die Abschaffung der Vivisektion (1985) und gegen Kampfjetlärm (2008). Die Vehemenz, mit der Weber bei der Kampfjet-Initiative auftrat, hat der Sache laut Beobachtern geschadet. Tatsächlich gingen mit Weber bisweilen die Gäule durch: Er warf der Luftwaffe Lärmkrieg gegen die eigene Bevölkerung vor, deckte die Armeespitze, Gemeindevertreter und gleichgültige Stimmbürger mit Schimpftiraden ein und behauptete in einer Nationalratskommission, Berner Alpkäse stinke nach Kerosin. Weber drohte zur Karikatur seiner selbst zu werden.

«Mord an der Landschaft»

Bei der Zweitwohnungs-Initiative rief Weber zwar auch dazu auf, den «Mord an der Landschaft stoppen». Verglichen mit der Kampagne vor vier Jahren agierte er jedoch zurückhaltend. «Ich wusste, dass wir sehr gute Chancen haben», sagt der Umweltaktivist. Offensichtlich erkannte er, dass es in diesem Fall nicht der übermässigen Provokation bedarf: «Bei früheren Fällen wollten wir aufrütteln. Hier wollten wir gewinnen.»

Politisiert wurde Weber durch ein Überbauungsprojekt im Oberengadin. 1965 plante ein Konsortium von Bauunternehmern, das Dorf Surlej in eine Kleinstadt mit 20 000 Einwohnern zu verwandeln. Der als Journalist tätige Weber war alarmiert. Er gründete den Verein Pro Surlej und lancierte eine öffentlichkeitswirksame Kampagne gegen den «Naturfrevel».

Die Grenzen zur Hochstapelei konnten dabei fliessend sein. 1971 organisierte Weber im Zürcher Hotel Dolder eine Wohltätigkeitsgala für Surlej. Er verkündete, Alfred Hitchcock, Orson Welles und Herbert von Karajan seien eingeladen. Die Zürcher High Society, ein Bundesrat und der Bündner Regierungspräsident strömten herbei. Von den Stargästen tauchte keiner auf. Doch Weber hatte am Ende 450'000 Franken zur Rettung von Surlej beisammen. Seit 1972 steht das Gebiet unter Schutz, während die übrigen Oberengadiner Feriendörfer ungebremst weiterwuchsen. Seit gestern soll auch dies nicht mehr möglich sein. Mit einer seiner wohl letzten Kampagnen ist Franz Weber zum Ursprung seines Engagements zurückgekehrt. Mit durchschlagendem Erfolg. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.03.2012, 21:04 Uhr

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