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Die sechste Ferienwoche hätte den Angestellten nichts gebracht

Im Abstimmungskampf wurden Fantasiezahlen herumgereicht, und die Angstmacherei wegen Job-Verlust war übertrieben. Trotzdem ist es gut, dass die Ferien-Initiative abgelehnt wurde.

Mehr Ferien - Nein, danke: Die Sorge um den Arbeitsplatz beeinflusst das Stimmverhalten der Schweizer. Plakat am Hauptbahnhof Zürich.

Mehr Ferien - Nein, danke: Die Sorge um den Arbeitsplatz beeinflusst das Stimmverhalten der Schweizer. Plakat am Hauptbahnhof Zürich. Bild: Keystone

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«Wer sollte bei der Ferien-Initiative Nein stimmen? Gibt es Leute, die freiwillig auf mehr Ferien verzichten?» So lautete die bestechend einfache Logik einer Kollegin. Sie blendet allerdings einen wichtigen Aspekt der Meinungsbildung beim Schweizer Stimmvolk aus: die Sorge um den Wirtschaftsstandort. Wegen dieser Sorge scheitern zahlreiche Volksbegehren – etwa zur Senkung der Arbeitszeit oder des Rentenalters – seit Jahrzehnten in regelmässigen Abständen und mit an Sicherheit grenzender Vorhersehbarkeit.

Folgerichtig ist auch die Initiative «6 Wochen Ferien für alle» mit 67 zu 33 Prozent Stimmen verworfen worden. Die Initiativgegner hatten ein leichtes Spiel. «Mehr Ferien – weniger Jobs» – Päng. Der Slogan sass. Angst vor Jobverlust zu schüren, ist einfach. Die Angst mit Gegenargumenten zu zerstreuen, ist schwieriger. Die Initiative hätte wahrscheinlich unmittelbar keine Arbeitsplätze gekostet, zumal sie behutsam über einen Zeitraum von fünf Jahren umgesetzt worden wäre.

Im Abstimmungskampf wurde auch mit Zahlen argumentiert, die bei näherer Betrachtung nicht viel mehr als Fantasiezahlen sind. So rechneten die Initianten vor, die stressbedingten Gesundheitskosten betrügen pro Jahr zehn Milliarden Franken. Doch niemand kann mit Bestimmtheit sagen, ob die Ursache für ein gesundheitliches Problem bei der Arbeitsbelastung liegt. Nutzlos ist auch die Angabe der Economiesuisse, die Umsetzung der Ferien-Initiative würde sechs Milliarden Franken kosten. Die Rechnung ist zwar plausibel: Schweizer Jahres-Durschnittslohn mal zwei Prozent (zwei Prozent entsprechen einer Woche, fünf Wochen Ferien haben die Angestellten im Schnitt heute schon). Doch gleichzeitig befürchteten die Initiativgegner, die Arbeitnehmenden müssten dieselbe Arbeit in weniger Zeit erledigen und hätten dadurch noch mehr Stress. Wäre dies so, würde die Anhebung des Ferienanspruchs die Unternehmen gar nichts kosten.

Vielleicht hätten die Stimmberechtigten Ja gesagt zu fünf Wochen Ferien für alle. Weil fünf Wochen Ferien schon dem heutigen Durschnitt entsprechen, wären sie für die Wirtschaft insgesamt keine Mehrbelastung gewesen, dafür eine ausgleichende Gerechtigkeit für jene – oft körperlich hart arbeitende – Minderheit, die nur vier Wochen Ferien hat.

«Wir wollen eine Verbesserung für alle Arbeitnehmenden», entgegnete darauf Martin Flügel, Präsident von Travailsuisse, im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Man sei sich bewusst, dass der Stress damit nicht reduziert werde. Da ist der Haken: Ein Ja zur Ferien-Initiative hätte die Wechselwirkung zwischen arbeitsrechtlichem Fortschritt und steigendem Produktivitätsdruck nur verstärkt, ohne dass sie den Arbeitnehmenden unter dem Strich etwas gebracht hätte. Gegen die hohe Arbeitsbelastung anzukommen, hält Flügel für «schwierig oder sogar unmöglich». Economiesuisse-Präsident Gerold Bührer hat hingegen eine Idee: «Man muss den Leuten den Umgang mit modernen Kommunikationsmitteln am besten schon in der Schule beibringen. Viele lassen sich durch E-Mails und Handy übermässig tyrannisieren», sagte er jüngst im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Das ist immerhin ein Ansatz.

Es ist gut, dass die Ferien-Initiative abgelehnt wurde – vor allem für die kleinen und mittleren Unternehmen, die fast 100 Prozent der Schweizer Arbeitsstätten ausmachen und zwei Drittel der Arbeitsplätze stellen. Über 85 Prozent der Firmen in der Schweiz sind überdies Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitenden. Ihre Inhaber beziehen selber wenig Ferien und bezahlen sich keine überrissenen Löhne. Sie kämpfen aber permanent mit einer grossen Dichte an administrativen Hürden und gesetzlichen Vorgaben, deren Bewältigung sie wegen ihrer Kleinheit viel kostet.

Erstellt: 11.03.2012, 16:40 Uhr

Claudia Blumer, Reporterin bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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