«Die ‹stille Epidemie› wurde in der Schweiz verschlafen»

Gegen Hepatitis C gibt es hochwirksame Medikamente, die aber sehr teuer und darum rationiert sind. Das wollen Fachleute und Patienten ändern.

Rund 80'000 Menschen in der Schweiz tragen das Hepatitis-C-Virus in sich: Das Medikament Sovaldi.

Rund 80'000 Menschen in der Schweiz tragen das Hepatitis-C-Virus in sich: Das Medikament Sovaldi. Bild: Keystone

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Die Lage ist verzwickt: Im Kampf gegen Hepatitis C gibt es zwar neue, hochwirksame Medikamente, dennoch können die meisten Patientinnen und Patienten nicht von den bestmöglichen Behandlungen profitieren. Denn die neusten Medikamente gegen chronische Leberentzündungen – wie etwa Sovaldi – sind sehr teuer und faktisch rationiert. Die sogenannte Limitatio hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) erlassen, um Kostensteigerungen in Milliardenhöhe zu vermeiden. Die Krankenkassen müssen also in der Grundversicherung die hohen Behandlungskosten nur dann übernehmen, wenn Patienten bereits sehr schwer erkrankt sind, zum Beispiel an schwerer Fibrose oder Zirrhose leiden.

Eine Zugangsbeschränkung droht nun auch im Fall von weiteren neuen Hepatitis-C-Medikamenten. Harvoni zum Beispiel oder auch Viekirax und Exviera bringen offenbar eine nochmalige Verbesserung der Hepatitis-C-Therapie. Sie dürften aber eben auch teurer sein als Sovaldi. Über die Medikamentenpreise verhandelt derzeit das BAG mit den Herstellern, den US-Pharmakonzernen Gilead und Abbvie.

Je früher eine Therapie beginnt, desto besser

Zahlbare Medikamentenpreise und einen Verzicht auf Zugangsbeschränkungen für neue Hepatitis-C-Therapien fordert nun der Positivrat Schweiz in einem kürzlich veröffentlichten Manifest. Als Fachgremium vertritt der Positivrat die Interessen von Menschen mit HIV und Co-Infektionen wie Hepatitis C. «Viele Patienten wurden während Jahren vertröstet und warten auf die neuen Medikamente», sagt Bettina Maeschli, Vorsitzende des Positivrats. «Es ist nun schlicht zynisch, die Behandlung weiter aufzuschieben und den Patienten zu sagen, sie seien noch zu wenig krank.» Eine frühe Behandlung ist laut Maeschli sinnvoll, denn je fortgeschrittener die Infektion ist, desto schwieriger lässt sie sich therapieren. Ausserdem könne eine fortgeschrittene Leberentzündung zu Zirrhose und Krebs führen, sogar im Falle einer Heilung von Hepatitis C. Schliesslich sei auch zu beachten, dass Hepatitis C nicht nur die Leber schädige, sondern den ganzen Körper angreife.

«Die Limitatio, so wie jetzt bei Sovaldi, ist ein unhaltbarer Zustand», sagt Maeschli. Bei den weiteren neuen Therapien dürfe das BAG auf keinen Fall Zugangsbeschränkungen wie bisher beschliessen. «Wir hoffen, dass die Limitatio zumindest gelockert wird, so dass Patienten, die in früheren Stadien der Erkrankung sind und noch keine irreversiblen Leberschäden aufweisen, behandelt werden können.»

Neue Therapien dauern kürzer und heilen fast immer

Forschungsergebnisse zeigen, dass die Produkte der neuesten Medikamentenklasse die Behandlung von Hepatitis C wesentlich vereinfachen und verkürzen. Die bisherigen Therapien mit Interferon dauern bis zu eineinhalb Jahre und führen oft zu Nebenwirkungen wie Blutarmut, Kopfschmerzen, Müdigkeit und Depressionen, inklusive wochenlangen Absenzen der Patienten am Arbeitsplatz. Zudem sind die Heilungschancen geringer. Dagegen kann mit den neuesten Medikamenten eine Heilungsrate von über 90 Prozent erzielt werden. Weitere Pluspunkte sind die erhebliche Verkürzung der Therapiedauer auf drei bis sechs Monate sowie der Umstand, dass praktisch keine belastenden Nebenwirkungen auftreten. Allerdings kostet beispielsweise eine Behandlung mit Sovaldi rund 65'000 Franken und ist damit deutlich teurer als herkömmliche Therapien mit Kosten von etwa 23'000 Franken.

Trotz der unbestrittenen medizinischen Vorteile der neuen Medikamente müssten laut Maeschli die Pharmafirmen ihre Verantwortung wahrnehmen: «Wir fordern die Firmen auf, die Medikamentenpreise zu senken, sodass die Kosten für die Behandlung der Patienten für das Gesundheitswesen tragbar sind.»

Nach Ansicht des Positivrats müssen in der Diskussion um die teureren Medikamente auch die langfristigen Kosten bei einem Behandlungsverzicht berücksichtigt werden. «Ein Patient mit chronischer Hepatitis C, der nicht behandelt wird, kostet auch», betont Maeschli. «Es entstehen Kosten für Monitoring, regelmässige Arztbesuche und Untersuchungen des Leberzustandes.» Daneben fielen auch volkswirtschaftliche Kosten an, wenn Personen arbeitsunfähig oder weniger leistungsfähig seien. Ohne Behandlung könne sich zudem Leberkrebs entwickeln oder eine Lebertransplantation nötig werden – mit Kosten von 110'000 bis zu 180'000 Franken (ohne Medikamente, Nachuntersuchungen, Rehabilitation). «Die mit Hepatitis verbundenen Kosten steigen an, je weiter fortgeschritten eine Infektion ist», sagt Maeschli. Dies zeige eine noch nicht veröffentlichte Studie, die die Daten am Universitätsspital Zürich ausgewertet hat.

Mehr Menschen sterben an Hepatitis C als an HIV

In der Schweiz sind schätzungsweise 80'000 Personen mit dem potenziell lebensbedrohlichen Virus Hepatitis C infiziert. Aber nur etwa die Hälfte weiss von der Diagnose, da die Infektion zu Beginn über lange Jahre meist symptomlos verläuft, aber auch weil das Wissen und die Sensibilisierung bei den medizinischen Grundversorgern und in der Bevölkerung ungenügend ist. Maeschli gibt zu bedenken, dass schon heute mehr Menschen an Hepatitis C sterben als an HIV. Das im internationalen Vergleich sonst so vorbildliche Schweizer Gesundheitswesen hinke bezüglich Diagnose, Betreuung, Prävention, Kontrolle und Therapie von Hepatitis C hinterher. «Die ‹stille Epidemie›, wie die WHO Hepatitis C nennt, wurde von den Schweizer Behörden regelrecht verschlafen», sagt Maeschli. Laut Studien würden nur etwas über ein Prozent der Patienten behandelt.

Auf zivilgesellschaftlicher Ebene hat nun ein breit abgestütztes Netzwerk von Experten aus Medizin und Wirtschaft sowie Patientenvertretern und Versicherern die Sache in die Hand genommen und arbeitet an einer umfassenden Hepatitis-C-Strategie. «Diese ist dringend nötig, um die Zunahme von schweren Lebererkrankungen, ebenso wie von Lebertransplantationen und der Sterberate zu verhindern», sagt Maeschli. «Wäre diese Initiative früher gestartet worden, wäre die Schweiz für die aktuellen Preisverhandlungen der neuen Hepatitis-C-Medikamente wohl besser gerüstet gewesen. Und die drastischen Einschränkungen für die Betroffenen hätten möglicherweise verhindert werden können.» (vin)

Erstellt: 16.01.2015, 17:18 Uhr

«Es ist schlicht zynisch, die Hepatitis-Behandlung weiter aufzuschieben und den Patienten zu sagen, sie seien noch zu wenig krank»: Bettina Maeschli, Vorsitzende des Positivrats.

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