Analyse

Die wahren Gründe für die deutsche Welle

Der deutsche Auswanderungsboom setzte um 2000 ein, mit der Schweiz als beliebtestem Zielland. Eine vertiefte Analyse zeigt: Nicht die Personenfreizügigkeit löste ihn aus.

Es war vor allem die Konjunktur, die viele Deutsche in die Schweiz brachte: Oktoberfest in Zürich.

Es war vor allem die Konjunktur, die viele Deutsche in die Schweiz brachte: Oktoberfest in Zürich. Bild: TA / Sophie Stieger

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Die Personenfreizügigkeit ist ein wichtiger Treiber der Einwanderung – davon gehen nicht nur ihre Gegner, sondern auch die meisten ihrer Befürworter aus. Schliesslich schnellten die Zahlen der Zuwanderer aus dem EU/Efta-Raum unübersehbar in die Höhe, als Mitte 2007 die volle Personenfreizügigkeit startete.

Es waren vor allem Deutsche, die in grosser Zahl ins Land kamen – im Rekordjahr 2008 waren es über 30'000. «Wie viele Deutsche verträgt die Schweiz?», fragte der «Blick», und mit ihm das halbe Land. Wenn zuerst die Einwanderungshürden fallen und dann Einwanderer in grosser Zahl kommen, ist es naheliegend, darin Ursache und Wirkung zu sehen. Aber zeitliches Nacheinander bedeutet nicht zwangsläufig Kausalität, danach ist noch lange nicht deswegen.

Schon seit den 90er-Jahren

Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden erfasst die Wanderung deutscher Staatsbürger in alle Länder der Welt. Die exklusiv für den «Tages-Anzeiger» ausgewerteten Statistiken zeigen, wie bedeutend die Schweiz als deutsches Auswanderungsland ist. Netto, das heisst unter Abzug der Rückwanderung, ist die Auswanderung in die Schweiz gleich gross wie ins gesamte übrige Nordeuropa.

Entgegen der verbreiteten Wahrnehmung bestand dieses ungleiche Gleichgewicht jedoch schon vor der Einführung der Personenfreizügigkeit. Es war in den späten 90er-Jahren, als auswanderungswillige Deutsche das Alpenland für sich entdeckten. Eben noch unter «ferner liefen», stand die Schweiz im Jahr 2000 erstmals an der Spitze aller Zielländer und zog in der Wanderungsbilanz mit dem restlichen Nordeuropa gleich (siehe Grafik). Doch damit nicht genug: Der Einwanderungsstrom nahm immer mehr zu. Von 2000 bis ins Rekordjahr 2008 verfünffachte sich die Nettoeinwanderung aus Deutschland.

Trendwende im Jahr 2008

Diese starke Zunahme war nun allerdings nicht mehr auf die Schweiz beschränkt. Ganz Nordeuropa bewegte sich im selben Takt, und selbst in den Überseestaaten Australien, Neuseeland und Kanada erhöhte sich die Zahl der deutschen Einwanderer um den Faktor fünf. Dann kam es in allen diesen Regionen zur zeitgleichen Trendwende. Seit 2008 geht der Zuwanderungsstrom aus Deutschland im selben Tempo zurück, wie er angeschwollen war.

Ganz offensichtlich war es nicht die ab 2002 schrittweise eingeführte Personenfreizügigkeit mit der Schweiz, die die deutsche Wanderungswelle der Nullerjahre verursachte. Die gleiche Dynamik wie hier gab es in Nordeuropa, wo die Hürden bereits viel früher gefallen waren, und in Ländern wie Australien, in denen solche Hürden bis heute bestehen. Als im Juni 2007 die Kontingente und der Inländervorrang in der Schweiz wegfielen, war der Boom schon fast vorüber, und nur wenig später setzte ein kräftiger Gegentrend ein.

Stagnierendes Deutschland, boomendes Europa

Wie aber lässt sich der einzigartige Anstieg der deutschen Auswanderung zwischen 2000 und 2008 erklären? Migrationsströme sind ein Produkt von Stoss- und Zugkräften, von Push- und Pull-Faktoren. Die Auswanderungsdynamik war Folge einer aussergewöhnlichen Konstellation: Während Europas stärkste Wirtschaftsmacht an einer anhaltenden Strukturkrise litt (push), boomte es rundherum (pull). Ab 2000 verharrte die deutsche Arbeitslosigkeit neun Jahre lang über dem Niveau der alten EU-Länder. Erst die Finanzkrise 2008 stellte die übliche Rangordnung wieder her.

Verstärkt wurde die Sogwirkung durch eine stark wachsende Nachfrage nach hoch qualifizierten Arbeitskräften. Während früher vor allem einfache Arbeiter migrierten, wanderten seit der Jahrhundertwende erstmals Spezialisten und Akademiker in grosser Zahl aus. Lebensqualität und Sprache wurden so zu zentralen Pull-Faktoren. Die deutsche Auswanderungswelle der Nullerjahre rollte fast ausschliesslich in den germanisch-angelsächsischen Sprachraum, während sie am lateinischen Teil Europas vorbeizog. Auch in der Romandie spielte die deutsche Zuwanderung keine bedeutende Rolle.

Die These von der «Schweizer Krankheit»

Als ab 2008 halb Europa von einem heftigen Abwärtssog erfasst wurde, erlebte Deutschland sein zweites kleines Wirtschaftswunder. Der markante Zacken im Wanderungsdiagramm zeugt davon. Die sinkenden Auswanderungszahlen wurden begleitet von einem anschwellenden Strom von Rückwanderern – auch aus der Schweiz.

Schon bald machte hierzulande die These von der «Schweizer Krankheit» die Runde: Es sei das Heimweh, das die einsamen und isolierten Deutschen vertreibe. Der Quervergleich zeigt allerdings, dass der Anteil der Rückwanderer an den deutschen Einwanderern nirgendwo kleiner ist als hier. Auch wenn Heimweh im Einzelfall durchaus eine Rolle spielt, scheint es den Deutschen in der Schweiz insgesamt sehr gut zu behagen. Während im übrigen Nordeuropa auf vier eingewanderte Deutsche drei zurückwandern, sind es in der Schweiz nur zwei. Am nächsten an die Schweizer Quoten kommen Schweden, Norwegen und bemerkenswerterweise die Türkei heran, die sich in den letzten Jahren zur einer der beliebtesten Auswanderungsdestinationen Deutschlands entwickelt hat.

Unbeeindruckt von politischen Rahmenbedingungen

Die Geschichte der neuen deutschen Migration zeigt, wie unbeeindruckt von politischen Rahmenbedingungen sich Menschen zwischen Industrienationen bewegen. Und sie zeigt, wie augenblicklich Wanderungsströme auf eine veränderte Wirtschaftslage reagieren. Diese Erkenntnis wird in der Schweiz mehr und mehr angezweifelt. Schliesslich verharrt die Gesamtzuwanderung seit Jahren auf hohem Niveau – trotz anderslautenden Beteuerungen.

Es gehört zum politischen Schicksal des Freizügigkeitsabkommens, dass seit dem deutlichen Ja der Stimmbevölkerung im Jahr 2000 ein Ausnahmezustand dem nächsten folgt. Erst sah sich die Schweiz mit einer einzigartigen Wanderungswelle aus Deutschland konfrontiert, dann folgte eine gewaltige Währungs- und Wirtschaftskrise in Südeuropa. Neue Push-Faktoren veranlassten andere Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen. Europa gönnte der Schweiz keine Pause. Erst wenn sich die Wirtschaft in Europas Süden einigermassen erholt, werden wir sehen, auf welchem Niveau sich die Zuwanderung unter normalen Bedingungen einpendelt.

Nur wenige Griechen kommen

Krisen gibt es viele, und Krisen wird es wieder geben. Dennoch sind die Ereignisse seit 2000 alles andere als Courant normal. Betroffen waren und sind mit Deutschland, Portugal, Italien und Spanien Länder, die schon vor Krisenausbruch zu den wichtigsten Herkunftsländern gehörten. Längst nicht jede Krise lässt grosse Wanderungswellen bei uns anbranden. So hat der Zustrom aus dem arg gebeutelten Griechenland seit Beginn der Eurokrise prozentual stark zugenommen, zahlenmässig fällt er mit netto 1200 Einwanderern im letzten Jahr dennoch kaum ins Gewicht. Zwischen Griechenland und der Schweiz gibt es keine starke Migrationstradition.

Als die deutsche Zuwanderung von Höchststand zu Höchststand kletterte, ging kaum jemand von einer schnellen Wende aus. Das Reservoir an potenziellen Einwanderern aus dem 80-Millionen-Land schien nahezu unerschöpflich, das wirtschaftliche Gefälle allzu gross. Doch die Wende kam. Und sie kam, nur ein Jahr nachdem Inländervorrang und Kontingente weggefallen waren. Hat womöglich gar die Personenfreizügigkeit der deutschen Zuwanderungswelle ein Ende gesetzt? Wohl kaum, denn wir wissen ja: Zeitliches Nacheinander ist nicht Kausalität, danach heisst nicht deswegen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.12.2013, 09:32 Uhr

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