Die zweite Landessprache ist nicht verhandelbar

Im Fremdsprachenstreit steigt der Druck auf die Kantone. Verwaltung und Politiker skizzieren Ideen, um abweichende Kantone zu disziplinieren.

Abweichler am Werk: Ein überparteiliches Komitee reicht die Initiative «Eine Fremdsprache auf der Primarstufe» vor dem Kantons-Regierungsgebäude in Luzern ein. (17. September 2014) Foto: Sigi Tischler (Keystone)

Abweichler am Werk: Ein überparteiliches Komitee reicht die Initiative «Eine Fremdsprache auf der Primarstufe» vor dem Kantons-Regierungsgebäude in Luzern ein. (17. September 2014) Foto: Sigi Tischler (Keystone)

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Der Bund wird es nicht dulden, wenn einzelne Kantone in der Primarschule nur noch Englisch als Fremdsprache unterrichten. Diese Abweichler würden die Fremdsprachenstrategie der Kantone und damit die Harmonisierung des Bildungssystems infrage stellen. Zu diesem Schluss kommt das Bundesamt für Kultur (BAK) in einem gestern veröffentlichten Bericht. Es stützt damit Kulturminister Alain Berset, der dies schon mehrmals andeutete. Die Bundesverfassung verpflichte den Bund sogar dazu einzugreifen, schreibt das BAK. Es hatte den Bericht im Auftrag der Bildungskommission des Ständerats verfasst. Weil in verschiedenen Deutschschweizer Kantonen Bemühungen laufen, das Frühfranzösisch auf die Sekundarstufe zu verschieben, ist der Fremdsprachenunterricht auch im eidgenössischen Parlament ein Thema.

Für viele Politiker steht der nationale Zusammenhalt auf dem Spiel. Die Schweiz müsse ihren Sprachminderheiten Sorge tragen und dafür sorgen, dass sich die Bewohner der verschiedenen Landesteile verständigen könnten. Aus diesem Grund sei es wichtig, dass die Kinder bereits in der Primarschule mit einer zweiten Landessprache in Kontakt kämen. Die Bildungskommissionen brüten derzeit darüber, ob und wie sie die abweichenden Kantone in der Sprachenfrage disziplinieren könnten. Es kristallisiert sich immer mehr heraus: Am einfachsten wäre es, das Sprachengesetz abzuändern. Das BAK liefert dem Parlament nun einen Vorschlag. Demnach könnte das Gesetz mit einem einzigen Satz ergänzt werden: «In der zweiten Landessprache beginnt der Unterricht auf der Primarstufe.» Damit wäre es für die Kantone weiterhin möglich, die Reihenfolge der Fremdsprachen selber zu bestimmen. Sie wären aber dazu verpflichtet, ihren Primarschülern eine zweite Landessprache beizubringen.

SVP fordert Kantonsautonomie

Ob sich die Standesvertreter der kleinen Kammer schon in den nächsten Monaten auf eine solche Lösung einlassen werden, ist fraglich. «Wir sollten nicht ohne Not die Autonomie der Kantone untergraben», sagt etwa SVP-Ständerat Hannes Germann. Und SP-Ständerätin Anita Fetz ist auch aus taktischen Gründen für Zurückhaltung: «Greift der Bund ein, würde dies sämtliche Gegner des Frühfranzösischen in den Kantonen beflügeln», sagt sie mit Blick auf die anstehenden Volksabstimmungen am 8. März in Nidwalden oder später Luzern. Die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) des Ständerats werde sich voraussichtlich im April mit diesen Fragen beschäftigen, sagt Kommissionspräsidentin Géraldine Savary (SP). Dann will sie die parlamentarische Initiative der nationalrätlichen Schwesterkommission auf die Traktandenliste setzen. Die WBK des Nationalrats möchte den Kantonen vorschreiben, dass die zweite Landessprache spätestens zwei Jahre vor Ende der Primarschule unterrichtet werden muss.

Matthias Aebischer (SP), Präsident der nationalrätlichen WBK, ist zufrieden mit dem Vorschlag des BAK. «Wir wollen im Grundsatz das Gleiche», sagt er. Ähnlich äussert sich SP-Bildungsexperte Jean-François Steiert. Die Details, etwa wann genau der Fremdsprachenunterricht beginnen müsse, seien verhandelbar. Im Nationalrat dürften sich vor allem FDP- und SVP-Vertreter prinzipiell gegen ein Eingreifen des Bundes wehren. Er werde alle Vorschläge ablehnen, die sich in die Bildungshoheit der Kantone einmischten, sagt SVP-Nationalrat Peter Keller. Und zwar, obwohl er den Vorschlag des BAK gut finde: «Ich hätte mir diese Idee nicht vom Bund, sondern von den Erziehungsdirektoren gewünscht.»

Diese appellieren an die Geduld der Parlamentarier: «Ende Juni werden wir Bilanz ziehen, ob wir die Harmonisierungsziele erreichen», sagt Christoph Eymann, Präsident der kantonalen Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK). Er will die Fremdsprachenfrage nach wie vor innerhalb der EDK lösen. Bis Juni kann aber auch er nur abwarten. Denn ob die Kantone es schaffen, sich zusammenzuraufen, entscheiden andere. Dafür haben die Kritiker des heutigen Fremdsprachenunterrichts mit Volks­initiativen und Vorstössen in den Kantonsparlamenten gesorgt.

Erstellt: 20.02.2015, 23:42 Uhr

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