«Diese 20'000 Menschen sind ein starkes Zeichen an die Politik»

Die AKW-Region Beznau/Leibstadt lag am Sonntag in den Händen der AKW-Gegner. Und sie kamen in Scharen. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete live.

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Zusammenfassung
An der grössten Anti-AKW-Kundgebung seit 25 Jahren haben rund 20'000 Personen am Sonntag im Kanton Aargau gegen die Atomenergie demonstriert. Der von der Gruppe «Menschenstrom gegen Atom» organisierte Protestmarsch verlief friedlich. Die Organisatoren, ein Zusammenschluss von 150 linken und ökologischen Gruppierungen, und die Aargauer Kantonspolizei machten gleichlautende Angaben zur Zahl der Demonstrierenden. Unter den Teilnehmenden am Protestmarsch befanden sich viele junge Menschen und Familien, aber auch ältere AKW-Gegner. Sie waren am Morgen in Sonderzügen und -bussen aus der ganzen Schweiz und dem benachbarten Ausland zum AKW Beznau gereist. «Die Zukunft ist erneuerbar», «AKW, nein danke» oder «Thurgau, Aargau, Bezgau» – diese Slogans standen auf den zahlreich mitgeführten Transparenten. Politische Parteien wie SP und Grüne verteilten Fahnen und sammelten Unterschriften für eine Volksinitiative zum Atomausstieg. Die Demonstranten forderten in einem Brief an den Bundesrat den Ausstieg aus der Atomenergie. In der Schweiz dürften keine neuen AKW gebaut werden. Stattdessen sollten erneuerbare Energien gefördert werden. Die älteren AKW Mühleberg BE und Beznau AG müssten vom Netz genommen werden. (sda)

16:15 Uhr: Versammlung, Reden und Musik in Kleindöttingen Es herrscht Woodstock-Stimmung auf dem Demonstrationsgelände in Kleindöttingen. Die Leute liegen im Gras, bilden Grüppchen, aus allen Himmelsrichtungen erschallt Musik. Diese kommt zwar auch von der Bühne, doch die ist mit ihren Lautsprechern viel zu klein, als dass auch die Hintersten noch etwas davon mitbekommen. Aus Zürich hören wir von Hagel, hier drückt immer noch schwüle Hitze aufs Versammlungsfeld. Verschiedene Redner treten auf, darunter Nationalrat Gerri Müller, Nationalratskandidat Cédric Wermuth sowie der Kulturschaffende Franz Hohler. «Diese 20'000 Menschen sind ein starkes Zeichen an die Politik», sagt etwa Hohler. Zuvor hat der Liedermacher Aernschd Born die Demonstranten eingestimmt. Born sang bereits gegen das geplante AKW in Kaiseraugst an. Er gab unter anderem ein Lied zu Fukushima zum Besten. Dabei nahm er die Kommunikation der Atomindustrie aufs Korn: «Mir hän alles im Griff, uff em singgende Schiff; Mir hän alles im Griff, uff em giftige Riff. Mir hebe s'Rueder in dr Hand, mir fahre volli Kraft an d'Wand.»

Der Kommandant der Aargauer Kantonspolizei, Stephan Reinhardt, zieht eine erste positive Bilanz. Die Kundgebung sei absolut friedlich verlaufen. Reinhardt lobt die Organisatoren. Die Polizei steht mit einem Grossausgebot im Einsatz.

15:15 Uhr: Die grösste Anti-AKW-Demo seit 25 Jahren Die Aargauer Kantonspolizei geht nach ersten Schätzungen von bis zu 20'000 Demonstranten aus, die heute am Protestmarsch gegen Atomenergie teilgenommen haben. Auch Leo Scherer, Medienverbindungsmann der Organisatoren von Menschenstrom, spricht von 20'000 Menschen, die nach Kleindöttingen gekommen sind. «Das ist wirklich mehr als wir erwartet haben.» Die 20'000 Personen seien jedoch «nur die Spitze des Eisberges». Sie zeigten, dass ein breiter Teil der Bevölkerung keine AKW mehr wolle, so Scherer. Als die Zahl durch die Lautsprecheranlage bekannt gegeben wird, erschallt grosser Jubel auf dem Gelände.

Der heutige Protestmarsch ist damit die grösste Kundgebung gegen die Atomenergie seit 25 Jahren. Im Nachgang zur Katastrophe in Tschernobyl hatten 1986 in der Schweiz rund 30'000 Menschen an einer Kundgebung teilgenommen.

14:10 Uhr: Eintreffen auf dem Festgelände Gemäss den Organisatoren haben sich bis jetzt 14'000 Personen für die Anti-AKW-Demonstration eingefunden. Nach Protestmärschen auf zwei Routen sind sie nun auf dem Kundgebungsplatz in Kleindöttingen AG eingetroffen. Die Kundgebung verlief bisher friedlich. Die Stimmung erinnert an das legendäre Woodstock. Ältere AKW-Gegner mögen sich wohl auch an die Proteste nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl 1986 zurückversetzt fühlen. Selbst die Hitze vermag die Stimmung nicht zu trüben. Die Demonstranten suchen nach Wasser und Glacen, auf dem Feld ist Rockmusik zu hören, es riecht nach Whiskey.

Nach Grussbotschaften aus dem Fukushima, Bern, Deutschland und Österreich trat der Liedermacher Aernschd Born auf die Bühne. Born hatte sich bereits bei den Protesten gegen das AKW Kaiseraugst in den 1970er-Jahren gegen die Atomkraft stark gemacht. Auch Kabarettist Franz Hohler befindet sich unter den Demonstranten. Er zeigte sich «berührt» wegen des grossen Aufmarsches, wie er der Nachrichtenagentur SDA sagte: «Ich hoffe, dass es nicht zu rasch wieder verfliegt.»

13:10 Uhr: Marsch durch die Hitze Die Demonstration verlangt den AKW-Gegnern einiges ab: Beim Marsch auf Beznau kommen sie ordentlich ins Schwitzen – und viele haben ihr Protest-T-Shirt, das sie zu Beginn der Aktion erstanden haben, bereits wieder ausgezogen. Die Menschenmenge zieht in der Gluthitze weiter, und wer die Sonnencreme vergessen hat, dürfte dies wohl bis zum Abend zu spüren bekommen.

Die Demonstranten fordern an der bunten Kundgebung den Ausstieg aus der Atomenergie. In der Schweiz dürften keine neuen AKW gebaut werden. Stattdessen sollten erneuerbare Energien gefördert werden. Die älteren AKW Mühleberg BE und Beznau AG müssten vom Netz genommen werden.

Unter den Teilnehmenden am Protestmarsch befinden sich viele junge Menschen und Familien, aber auch ältere AKW-Gegner. «Die Zukunft ist erneuerbar», «AKW, Nein Danke» oder «AKW Stopp» - diese Slogans stehen auf den zahlreich mitgeführten Transparenten. Politische Parteien wie SP und Grüne verteilen Fahnen und sammeln Unterschriften für eine Volksinitiative zum Atomausstieg.

12:25 Uhr: Busse, Züge, Velos Der Marsch der AKW-Gegner entpuppt sich als logistische Herausforderung: In zahlreichen Extrazügen und Bussen sind neben älteren Atomgegnern auch viele junge Menschen und Familien angereist. Es herrscht viel Verkehr. Parteien wie die SP und Grüne verteilen Fahnen und sammeln vor Ort Unterschriften für eine Volksinitiative zum Atomausstieg.

11:35 Uhr: Kein Zutritt aufs AKW-Gelände Beim AKW Beznau bekommen wir keinen Einlass. Hoch oben, auf der anderen Seite der Aare, zieht der Marsch vorbei. Mit einem Sicherheitsabstand, oder wie es AKW-Kritiker Leo Scherer sagte: «Mit einem Wassergraben dazwischen». Auf dem Weg werden wir von einem Anwohner beschimpft. Wir sollen nicht negativ über die Atomkraft berichten.

11:20 Uhr: Ein Zeichen setzen Erste Zahlen sind bekannt. Allein der erste Teil des Marsches von Siggenthal-Würenlingen nach Kleindöttingen wird auf 4000 Menschen geschätzt. Im zweiten Teil sollen es nochmals über 1000 sein. Über dem Marsch kreist ein Helikopter. Die Aargauer Kantonspolizei äussert sich nicht zum heutigen Einsatz. Aus Sicherheitsgründen. Nur soviel: «Ja, wir haben einen Helikopter im Einsatz.» Auch aus Döttingen selber marschieren sie an den Versammlungsplatz in Kleindöttingen.

Ein Zeichen setzen: Die Marsch-Teilnehmer am Bahnhof Siggenthal Würenlingen.

10:45 Uhr: Abmarsch in Siggenthal Würenlingen «Tausende sind es bereits jetzt», freut sich Leo Scherer von der Organisation Menschenstrom. Er steht am Bahnhof Siggenthal-Würenlingen und freut sich über den Grossaufmarsch. Genaue Zahlen will er noch keine bekannt geben, das geschieht zusammen mit der Kantonspolizei am Nachmittag.

In Siggenthal-Würenlingen hört man nebst allen vertrauten Schweizerdialekten Französisch, Hochdeutsch und Italienisch. Ältere Menschen marschieren genauso mit nach Kleindöttingen, wie Kinder. «Ich war schon dabei, als wir Kaiseraugst bekämpften», erklärt ein älterer Herr, der aus Uetikon am Zürichsee angereist ist. Jüngere erinnern sich noch an Tschernobyl: Jetzt reiche es – es brauche nicht noch einen weiteren AKW-Unfall, um zu merken, dass diese Technologie keine Zukunft habe, sagen sie.

Vorschau: In der Region des AKW Beznau im Kanton Aargau werden am Sonntagmittag mehrere tausend Demonstranten zu einem Protestmarsch gegen Atomenergie erwartet. Zur Kundgebung aufgerufen haben über 140 Organisationen unter dem Netzwerk «Menschenstrom gegen Atom». Auf zwei Routen wollen die AKW-Gegner zum Kundgebungsplatz in Kleindöttingen marschieren. Die längere Route führt unter anderem bei den beiden Atomreaktoren Beznau und am Zentralen Zwischenlager für Radioaktive Abfälle (Zwilag) in Würenlingen vorbei. Die Organisatoren, ein Netzwerk von über 140 linken und ökologischen Gruppierungen, erwarten einen «farbenfrohen und friedlichen Marsch». Sie riefen ausdrücklich zu einer gewaltlosen Demonstration auf. Die Organisatoren setzen 60 sogenannte Peacekeeper ein. Die Aargauer Behörden erteilten alle notwendigen Bewilligungen. Der Protestmarsch wird von der Kantonspolizei begleitet und auch aus einem zivilen Helikopter mitverfolgt.

Zum Abschluss der Kundgebung werden unter anderen die Nationalräte Geri Müller (Grüne/AG), Beat Jans (SP/BS) und Fabio Pedrina (SP/TI) reden und Kabarettist Franz Hohler auftreten. Die Kundgebung wird mit einem «Sicherheitsorchester» und weiteren musikalischen Darbietungen beendet. Auch Liedermacher Aernschd Born, der bereits gegen das AKW Kaiseraugst protestiert hatte, wird auftreten. Zum Protestmarsch fahren zahlreiche Extrazüge. So unter anderem aus Genf und Lausanne sowie aus dem Tessin. Weiter sind Gruppen aus dem benachbarten Ausland wie Lörrach (D), Waldshut (D), Freiburg im Breisgau (D) und Bregenz (A) angemeldet, wie der Internetseite der Organisatoren zu entnehmen ist.

Der Protestmarsch ist die zweite nationale Kundgebung des Netzwerkes «Menschenstrom gegen Atom». Im Mai 2010 hatte die Demonstration im solothurnischen Niederamt beim AKW Gösgen stattgefunden. Rund 4500 Personen marschierten mit.

Erstellt: 22.05.2011, 10:50 Uhr

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