Diese Berufe lernen Jugendliche heute

Informatikerin statt Coiffeuse, Pfleger statt Maurer: So haben sich die Lehrstellen in den letzten zehn Jahren verändert.

Gefragte Ausbildung: Eine Pflegerin zeigt am Zukunftstag, was ihren Beruf ausmacht. <nobr>Foto: Laurent Gillieron, Keystone</nobr>

Gefragte Ausbildung: Eine Pflegerin zeigt am Zukunftstag, was ihren Beruf ausmacht. Foto: Laurent Gillieron, Keystone

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Auf dem Schweizer Lehrstellenmarkt ist es in den vergangenen Jahren zu eklatanten Verschiebungen gekommen. Das zeigen Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS), die das Tamedia-Datenteam ausgewertet hat. Die Bereiche Betreuung, Gesundheit und Informatik boomen. Begannen 2010 noch gut 2500 Jugendliche eine Lehre als Fachmann/Fachfrau Betreuung, waren es 2018 bereits über 3800. Sie arbeiten etwa in einer Kita, in einem Altersheim oder einer Institution mit beeinträchtigten Menschen.

Auch den Beruf Fachmann/Fachfrau Gesundheit wählen heute 50 Prozent mehr Jugendliche. Zudem wächst ein weiterer Lehrberuf, der die zwei Berufszweige vereint: die zweijährige Attestlehre Gesundheit und Soziales. 2011 erschaffen, begannen 2018 bereits über 1000 Personen diese Lehre.

Wenige neue Lehrberufe

Seit 2010 macht zudem fast ein Drittel mehr Schweizerinnen und Schweizer eine Informatik-Lehre. Ein Trend, der nicht stoppen wird, wie Zahlen zeigen, die das Meinungsforschungsinstitut GFS Bern exklusiv für diese Zeitung berechnet hat: Der Bereich «Industrie, Technik, Informatik» wächst stark. Gab es bei diesen Berufen im Sommer vor einem Jahr 9546 neue Lehrstellen, waren es diesen Sommer bereits 16’979. Darunter fallen neben der Informatik unter anderem auch Berufe im Metallbau und in der Elektrotechnik.

«Die IT-Betriebe brauchen Fachkräfte. Weil sie diese nicht auf dem Markt finden, schaffen sie Lehrstellen», sagt Serge Frech, Geschäftsführer des Verbands ICT-Berufsbildung Schweiz. Es gebe noch immer viele Autodidakten und Quereinsteiger in der Informatik, doch viele von diesen würden jetzt pensioniert.

Ausserdem wachse die Branche schneller, als die Fachkräfte zunehmen. Um die Lücken zu füllen, brauche es deshalb in Zukunft noch mehr Lehrstellen. Eine Prognose des Verbands ergab: Bis 2026 braucht es 44’000 zusätzliche Fachkräfte in der IT, für die momentan noch kein Ausbildungsplatz besteht.

Im Unterschied zu Ländern wie Deutschland oder Dänemark regulieren in der Schweiz die Arbeitgeber den Lehrstellenmarkt. Wollen sie eine neue Grundbildung schaffen, müssen sie auf den Staat zukommen – nicht umgekehrt. «Neue Berufe entstehen nur, wenn es einen Leidensdruck gibt», sagt Stefan Wolter, Professor für Bildungsökonomie an der Universität Bern.

Nur sehr selten kommen jedoch neue Grundbildungen zum bestehenden Kanon der rund 230 Lehrberufe hinzu. Zehn waren es laut dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) seit 2010, unter anderem die Medizinproduktetechnologin oder der Hörsystemakustiker.

«Die meisten Berufe entwickeln sich von selbst weiter», sagt Stefan Wolter. Bei manchen Lehrberufen habe es eine Revolution der Tätigkeit gegeben, obwohl sie immer noch gleich hiessen. Der Kaufmann sei heute mehr Informatiker als Sekretär, der Automechaniker werkle weniger am Motor und aktualisiere dafür die Software.

Grosse Bürokratie

Der Bund überprüft am Ende, ob es einen neuen Lehrberuf wirklich braucht. Der IT-Quereinsteiger Stefan Wössner kritisierte dies im «St.Galler Tagblatt». Er will den Lehrberuf «Frontend-Entwickler» neu erschaffen, weil es zu wenige Fachkräfte gebe, die Layouts von Websites entwickelten. «Die Bestrebungen drohen in den umständlichen Windungen von Bund und Verbänden im Sand zu verlaufen», sagt Wössner.

Bildungsforscher Stefan Wolter verteidigt das Schweizer System. Der Bund sichere die Qualität der Lehrberufe. Wolter erinnert an die Aerobic-Welle in den 90er-Jahren. «Damals forderten die Studios eine Aerobic-Trainer-Lehre», sagt er. Das SBFI habe diese zum Glück nicht genehmigt, denn sonst würden heute viele Aerobic-Fachleute auf der Strasse stehen.

Dass Lehrberufe aussterben, kommt selten vor. 13 waren es seit 2010. Zu ihnen gehören der Etuimacher und die Fotolaborantin. «Es sind Berufe, für die es keine Nachfrage mehr gibt», sagt Irene Kriesi vom Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung. Entweder, weil sie durch den technologischen Wandel überflüssig werden oder weil die Produktion ins Ausland verlagert wurde.

Auf ein Bedürfnis reagiert

Viel weniger Lernende gibt es laut den Zahlen des BFS bei den Coiffeuren und den Kosmetikerinnen. 2018 starteten unter 1000 Coiffeusen die Lehre. Acht Jahre zuvor waren es noch knapp 1400. Damien Ojetti, Zentralpräsident von CoiffureSuisse, sagt: «Der Verband überprüft dieses Jahr die Grundbildung und den verhältnismässig tiefen Lohn.»

Auch in der Nahrungsmittelbranche und im Gastgewerbe machen immer weniger Menschen eine Lehre. Köche, Fleischfachfrauen und Restaurationsfachmänner – überall sinkt die Zahl der Lehrstellen. Diese Entwicklung hält an, wie die Auswertungen des GFS Bern verdeutlichen. Im Sommer 2018 gab es noch 7571 neue Lehrstellen im Bereich «Nahrung, Gastgewerbe, Hauswirtschaft». Diesen Sommer waren es nur noch 5416.

«Die Gastronomie ist im Wandel», sagt Daniel C. Jung, stellvertretender Direktor von GastroSuisse. Im vergangenen Sommer startete die reformierte Grundbildung für Restaurantfachfrauen. Neu können die Lernenden Module wie «Jung-Barista» oder «Jung-Sommelier» auswählen. «Damit wird auf die neuen Marktbedürfnisse reagiert, unter anderem von casual geprägten Gastrobetrieben», sagt Jung.

«Eine Lehre dafür wird es nie geben»

Relativ konstant hält sich das KV. Rund 14’000 Lernende starten pro Jahr, wie der Verband mitteilt. Das KV ist denn auch die beliebteste Lehre der Jugendlichen, sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Ansonsten unterscheiden sich die Top 5 der Männer und der Frauen in diesem Jahr laut GFS aber. Noch immer favorisieren Männer eher technische Berufe, bei Frauen sind Lehren in der Betreuung und in der Krankenpflege beliebt.

Die Auswertung der Zahlen zeigt aber, dass sich diese Stereotypen aufweichen, besonders in den wachsenden Branchen. 2018 begannen mehr als doppelt so viele Fachmänner Betreuung und Gesundheit ihre Lehre als noch 2010. Und auch 40 Prozent mehr Informatikerinnen.


Lesen Sie hier, wie viel Firmen an Lernenden verdienen. Lernende bringen Firmen bis zu 40'000 Franken Gewinn – oder 20'000 Franken Verlust.


Bildungsforscherin Irene Kriesi sagt: «Der Dienstleistungssektor und insbesondere die Medizinbranche und der soziale Bereich werden vermutlich weiter wachsen.» Und alles, was mit Technologie zu tun habe. Als Zukunftsberuf nennt sie den Schwerpunkt «Onlinehandel», den Detailhandelsfachmänner ab 2022 wählen können. Ein weiterer Beruf, der gerade entwickelt wird, ist der «Gebäudeinformatiker».

«Die Traumjobs stimmen nicht immer mit den nachgefragten Arbeitskräften überein», sagt Stefan Wolter. Viele Jugendliche hätten bei einer Befragung gesagt, sie wollten Influencer werden. «Eine Lehre dafür wird es nie geben», sagt er. Dieser Markt sei zu schnell gesättigt.

Erstellt: 27.11.2019, 10:57 Uhr

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