«Diese Entwicklung sollte uns Sorgen machen»

Laut Seco-Bericht wandern immer mehr Minderqualifizierte ein. SGB-Chefökonom Daniel Lampart betont, dass dadurch auch die Löhne sinken.

«Es gibt eindeutig einen Druck auf die Löhne – und nun auch in der Industrie», sagt Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes.

«Es gibt eindeutig einen Druck auf die Löhne – und nun auch in der Industrie», sagt Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Bild: Peter Schneider/Keystone

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Trotz Frankenstärke und einer deutlichen Wachstumsverlangsamung nahm die Nettozuwanderung mit 71'000 gegenüber 73'000 im Jahr 2014 kaum ab. Ist das die übliche Verzögerung auf dem Arbeitsmarkt?
Ja, die letztjährige Entwicklung ist insofern nicht überraschend. Aber bereits im ersten Quartal 2016 nahm die Einwanderung aus dem EU/Efta-Raum um fast ein Fünftel ab.

Bemerkenswert ist die Zusammensetzung der Zuwanderung: Es kommen weniger deutsche Banker, dafür mehr portugiesische Erdbeerpflücker. Wie erklären Sie sich dies?
In Branchen wie dem Finanzwesen, wo es mehr Deutsche gibt, ist die Beschäftigung zurückgegangen. Die gewachsene Baubranche holt hingegen Einwanderer aus Spanien, Italien und Portugal. Die Rede von einer drohenden Einwanderung aus den südlichen Krisenländern ist irreführend.

Der Bericht des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) spricht in diesem Zusammenhang von einer «weniger günstigeren Humankapitalausstattung der jüngsten Zuwandererkohorte» – das klingt nicht gut.
Es spiegelt einfach die Situation in der Schweiz wider. Im Unterschied zu den hoch produktiven Industrieunternehmen, die unter dem starken Franken leiden, stellen momentan vor allem binnenorientierte, weniger wertschöpfungsstarke Branchen Leute ein. Diese Entwicklung sollte uns Sorgen machen.

Warum?
Wir können die Schweizer Löhne und Arbeitsplätze nur halten, wenn die Exportwirtschaft läuft.

Ist die Zuwanderung von Minderqualifizierten nicht eine soziale Zeitbombe angesichts der düsteren wirtschaftlichen Aussichten – Stichwort Arbeitslosigkeit?
Berufe im Bau- oder Gastgewerbe sind mit einem höheren Arbeitslosigkeitsrisiko verbunden. Sollte sich die Baukonjunktur abkühlen, wird die Arbeitslosigkeit zunehmen. Das Problem sind Schweizer Firmen, die Menschen im Ausland zu tiefen Löhnen rekrutieren, statt Einheimische zu fairen Bedingungen anzustellen. Damit wird die Personenfreizügigkeit missbraucht. Wer in die Schweiz arbeiten kommt, muss einen Schweizer Lohn bekommen.

Können Sie Beispiele nennen?
Wir haben bei Neueinstellungen von Jahresaufenthaltern die Löhne ausgewertet. Zwischen 2012 und 2014 nahmen die Einstiegslöhne in der Industrie um 8 Prozent ab. In der Bankenbranche war es ein Rückgang um 3 Prozent, in der öffentlichen Verwaltung –5 Prozent oder im Gesundheits- und Sozialwesen –2 Prozent.

Geraten damit nicht auch die Befürworter der Personenfreizügigkeit unter Druck, wenn wieder zunehmend Schlechtqualifizierte einwandern?
Das frühere Kontingentssystem war am schlimmsten. Die Tieflohnbranchen haben ihr Personal erhalten, während die Löhne und die Arbeitsbedingungen kaum vor Ort kontrolliert wurden. Dorthin dürfen wir auf keinen Fall zurück.

Der Arbeitgeberverband betonte: «Die immer wieder geäusserte Befürchtung, dass durch die Zuwanderung inländische Arbeitskräfte aus dem Arbeitsmarkt gedrängt würden, hat sich also nicht bewahrheitet.» Sind Sie damit einverstanden?
Nein, es gibt eindeutig einen Druck auf die Löhne – und nun auch in der Industrie. In der Informatik holt man Leute aus dem Ausland, obwohl es immer mehr ältere arbeitslose Informatiker gibt. Im Gesundheitswesen ist es ein Problem bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Gut ausgebildete einheimische Frauen steigen frühzeitig aus ihrem Beruf aus. Spitäler und Heime holen dann Arbeitskräfte ohne Kinder im Ausland. Das ist eine klare Benachteiligung der in der Schweiz wohnenden Arbeitnehmenden.

Erstellt: 05.07.2016, 18:02 Uhr

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