«Diese Menschen sind anfällig für Populisten»

Mark Eisenegger, Leiter der Studie «Jahrbuch Qualität der Medien», über die gefährlichste Gruppe der Mediennutzer: Jene, die sich nicht mehr für die Welt interessieren.

Mark Eisenegger ist Präsident des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft und Mitherausgeber des «Jahrbuchs Qualität der Medien».

Mark Eisenegger ist Präsident des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft und Mitherausgeber des «Jahrbuchs Qualität der Medien». Bild: Lukas Lehmann/Keystone

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Herr Eisenegger, die «News-Deprivierten», jene 31 Prozent der Schweizer Mediennutzer, die sich kaum über das Weltgeschehen informieren, sind in Ihrer Studie die grösste und am schnellsten wachsende Gruppe. Da ist schon das Wort deprimierend.
Der Begriff kommt aus der Sozialpsychologie und trifft den Sachverhalt ziemlich genau. Deprivation bezeichnet den Zustand einer Unterversorgung, eines Mangels. Und dieser Gruppe mangelt es tatsächlich.

An was?
An vielem! Die «News-Deprivierten» sind über alle Medientypen hinweg unterversorgt. Quantitativ und auch qualitativ – wenn die Menschen in dieser Gruppe News konsumieren, dann sind es meistens solche von minderer Qualität.

Und wie sehen diese Menschen die Welt?
Sehr einseitig. Medien färben uns die Welt auf eine bestimmte Art ein; was wir von der Welt wissen, wissen wir aus den Medien. «News-Deprivierte» haben ein sehr punktuelles Bild unserer Gesellschaft. Sie informieren sich über Katastrophen, Krisen, und Skandale. Oft sind diese Ereignisse dann nicht eingeordnet, werden emotionalisiert dargestellt, wirken bedrohlich.

Woher nehmen die Deprivierten denn ihre Informationen?
Meist ausschliesslich aus Gratismedien on- und offline, überdurchschnittlich oft nutzen sie fast nur soziale Medien, wo ihnen ein sehr unzusammenhängendes Bild der Welt vermittelt wird.

Der prototypische Mediennutzer des postfaktischen Zeitalters – wo Gefühle mehr zählen als Fakten.
Ja, diese These ist ziemlich plausibel. Diese Leute werden wohl von Bildern und Argumenten bewegt, die sich in ihren sozialen Echokammern hochschaukeln. Sie haben oft ein eher bedrohliches Weltbild und sind darum – auch das ist noch eine These – eher empfänglich für politisch einfache Rezepte, für Populisten. Dass Donald Trump in den USA zum Präsidenten gewählt wurde, hat möglicherweise mit News-Deprivation zu tun. Aber das müsste man empirisch noch genauer überprüfen.

Wie haben die klassischen Medien diese Gruppe verloren?
Bei den Jungen hatten es die Medien schon immer schwerer. Was mir Sorgen bereitet, ist das signifikante Wachstum dieser Gruppe. Wir beobachten auf der ganzen Welt eine Polarisierung zwischen jenen, die den Nachrichten den Rücken kehren, und jenen, die sich überdurchschnittlich dafür interessieren. Diese Informationselite wird es immer geben, aber gleichzeitig immer kleiner werden.

Warum wenden sich die Menschen denn von den Nachrichten ab?
Zum einen ist da die schlichte Überforderung, die angesichts der immer grösseren Ausdifferenzierung von Medienangeboten entstanden ist. Auf diese Überflutung reagieren viele mit einem Rückzug. Das Zweite ist die offensichtliche Desinformation in den sozialen Medien, wo man überproportional mit falschen Meldungen konfrontiert wird. Der Ton ist laut in den sozialen Medien, sehr laut. Statt Argumente auszutauschen, wird sehr schnell auf den Mann oder die gegnerischen Lager geschossen. Das färbt auf das allgemeine Medienbild ab und befördert einen Rückzug von den klassischen Nachrichten. Wir sehen, dass jene Leute, die am stärksten in den sozialen Medien unterwegs sind, am wenigsten Medienvertrauen ausbilden.

Also gilt die Losung aus den Nullerjahren nicht mehr? Wir fixen die Jungen mit Gratisangeboten an und irgendwann wechseln sie dann zu den bezahlten Qualitätsmedien?
Studien zeigen, dass nur die allerwenigsten «News-Deprivierten» in ihrem späteren Leben ihre Gruppe wechseln. Wenn die Sozialisierung einmal abgeschlossen ist, dann bleibt sie meist fix.

Gibt es denn irgendeinen Weg, diese Gruppe zurückzuholen?
Sie stellen die 1-Million-Dollar-Frage. Ich habe zwei Antworten darauf, die beide nicht wahnsinnig originell sind. Erstens: Wir müssen in den Schulen ansetzen. Wir sind mit einem Bildungssystem konfrontiert, in dem unsere Kinder in der zweiten Klasse Frühfranzösisch und Frühenglisch lernen. Aber reden wir mit den Kindern darüber, was in unserer Gesellschaft passiert? Gibt es etwas Spannenderes, als mit Kindern zu diskutieren, wie welche Ereignisse und Gruppen in verschiedenen Medien dargestellt werden? Da könnten wir extrem viel bewegen. Leider wurde dieses Thema in den vergangenen Jahren in unserem Bildungssystem sträflich vernachlässigt. Der zweite Ansatz: Wenn die jungen Menschen vor allem in den sozialen Medien unterwegs sind, dann müssen es auch die Medien mit Qualitätsanspruch. Nicht mit einem Push-Ansatz, wo einfach die eigenen Texte verbreitet werden. Stattdessen sollten diese Medien in einen Dialog mit diesen Menschen treten. Nur so kann man wieder Vertrauen aufbauen.

Das machen wir doch schon!
Aber viel zu wenig. Diskurs ist heute die zentrale Aufgabe eines Informationsjournalismus mit Qualitätsanspruch. Filterblasen in den sozialen Medien haben einen fatalen Einfluss auf unsere Demokratie: Früher galt, das beste Argument gewinnt. Heute geht es oft nur darum, wer den anderen am lautesten niederschreien kann. Daran müssen wir arbeiten, die sanfte Gewalt des besseren Arguments muss wieder siegen können.

Ist es dafür nicht zu spät?
Nein. Was mich verhalten optimistisch stimmt, ist der grosse Konsens unter allen Befragten, dass es keine bessere Gesellschaftsform als die Demokratie gibt. Darauf kann man aufbauen. Optimistisch stimmt mich ebenfalls, dass selbst Leute, die überwiegend Trash konsumieren, die Qualität von verschiedenen Medien präzis einschätzen können. Sie wissen, dass die NZZ oder der «Tages-Anzeiger» bessere Qualität liefern. Und das ist zumindest etwas. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.11.2016, 13:17 Uhr

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