Parlaments-Statistik

Diese Parlamentarier fehlten besonders oft

Eine neue Liste zeigt, wie häufig die Parlamentarier durch Abwesenheit glänzen. Wie sich die Politiker mit den meisten Absenzen verteidigen und was Politologe Michael Hermann zum «Anprangern der Schwänzer» sagt.

Name Absenzen (unentschuldigt) Prozent (gerundet) Partei

Die zehn Parlamentarier mit den meisten unentschuldigten Absenzen. (Quelle: Politnetz.ch)


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634 unentschuldigte Absenzen in 1448 Abstimmungen: Das ist die unrühmliche Bilanz von Peter Spuhler. Das SVP-Mitglied führt damit die Abwesenheitsliste der Schweizer Parlamentsmitglieder an, die mit Abschluss der Legislatur erstellt wurde und Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegt.

Die Zahlen lieferte das Unternehmen Politnetz.ch. Es zog für seine Berechnungen alle Abstimmungen von der Wintersession im letzten Jahr bis zum Ende der Legislaturperiode in diesem Jahr heran. Die Rangliste widerspiegle die Tendenz, wonach generell Nationalräte aus bürgerlichen Kreisen am meisten fehlten, sagte Thomas Bigliel, Geschäftsführer von Politnetz, der Nachrichtenagentur SDA. «Dies gilt besonders für Firmeninhaber, Wirtschaftsführer und Politiker mit Doppelmandat.»

Auffallendes, aber nicht sonderlich überraschendes Merkmal ist das häufige Fehlen von Parlamentariern, die sich nebst dem Politbetrieb auch beruflich stark engagieren: so etwa der besagte SVP-Parlamentarier Peter Spuhler, der sich jedoch mit seinem angekündigten Rücktritt im Oktober faktisch gleich ganz von der Liste strich. Hinter Spuhler und dem zweitplatzierten Leutenegger folgen in den weiteren Rängen die ebenfalls sehr umtriebigen Christoph Blocher und Hans Grunder. Letzterer widmet sich nach seinem Rücktritt als BDP-Präsident wieder vermehrt der familieneigenen Pferdezucht und ist Inhaber eines international tätigen Ingenieurbüros.

Das politische Gewicht «gezielt» einsetzen

Ruedi Noser liegt mit 367 unentschuldigten Absenzen auf Rang 8 der Liste. Für ihn sagt diese Liste aber nichts darüber aus, «wie einflussreich die Arbeit eines Parlamentariers ist», wie der FDP-Nationalrat gegenüber DRS 1 sagt. Alexander Tschäppät ist der gleichen Meinung und differenziert. «Wichtig ist, dass man sein politisches Gewicht gezielt einbringen kann und nicht vor allem durch Fleiss auffällt», sagt der Berner Stadtpräsident. Für Filippo Leutenegger, der 556 Entscheide unentschuldigt versäumte und damit auf Platz zwei landete, ist das Ranking ein nichtssagendes «Medienfüllprogramm», wie er gegenüber der «SonntagsZeitung» sagte.

Doch wie jede Liste kann auch diese von zwei Seiten her betrachtet werden. Von hinten gelesen wird klar, dass es auch Parlamentarier gibt, die durch Präsenz glänzen. So zum Beispiel die beiden SVP-Vertreter Yvan Perrin und Yvette Estermann, die von 1448 Abstimmungen nur je einmal passen mussten.

Deutlich weniger Absenzen seit 1995

Der Politologe Michael Hermann beurteilt «das Anprangern von Schwänzern», das sich in letzter Zeit «zu einem beliebten Volkssport entwickelt» habe, kritisch. In Wahrheit habe sich die Situation in den letzten Jahren klar verbessert. So legt Hermann auf der Website der Forschungsstelle Sotomo eine Grafik vor, die besagt, dass sich die Abwesenheitsquote im Vergleich zum Jahr 1995 fast halbiert hat.

Für Thomas Bigliel ist gerade die Publikation der Liste mit ein Grund für diese positive Entwicklung: Die Entschuldigungen der Parlamentarier sind seit der Wintersession 2011 regelrecht explodiert, sagt der Geschäftsführer von Politnetz.ch gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Das Politnetz veröffentlicht seit einem Jahr diejenigen Räte, die in den Gesamtabstimmungen unentschuldigt abwesend waren. «Unsere Arbeit hat das Absenzenwesen also bereits positiv beeinflusst», sagt Bigliel.

Grosse Schwankungen

Zudem würden ein paar wenige Beispiele die insgesamt gute Bilanz der grossen Kammer in dieser Legislaturperiode trüben. «Die Abwesenheitsliste wird durch ein paar Ausreisser stark beeinflusst», sagt Bigliel. Die Schwankungen seien beträchtlich. Durchschnittlich bleiben 10 Prozent der Nationalräte Abstimmungen fern. Die Bandbreite reicht aber von 0 bis 44 Prozent. (mrs)

Erstellt: 15.12.2012, 22:07 Uhr

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