Hintergrund

«Diese Prognose wird mit Sicherheit nicht eintreffen»

Eine von Economiesuisse in Auftrag gegebene ETH-Studie warnt vor gravierenden Folgen durch die Energiestrategie des Bundesrats. Der Vizepräsident der Grünen und ETH-Forscher Bastien Girod kontert vehement.

«Wind und Sonne sind bereits in verschiedenen Regionen kompetitiv»: Bastien Girod.

«Wind und Sonne sind bereits in verschiedenen Regionen kompetitiv»: Bastien Girod. Bild: Keystone

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Herr Girod, die Konjunkturforschungsstelle der ETH hat eine Studie vorgelegt. Diese rechnet vor, dass die Energiestrategie des Bundesrates bis zum Jahre 2050 zu einem Rückgang des Buttoinlandproduktes von bis 25 Prozent führen könnte...
...diese Prognose wird mit Sicherheit nicht eintreffen.

Wieso?
Eine Prognose ist so realistisch wie deren Annahmen. Die Studie nimmt an, dass sich die Technologie von erneuerbaren Energien seit 2000 nicht weiterentwickelt. Bereits von 2000 bis heute haben sich die Kosten von Wind und vor allem Solar um mehr als den Faktor zwei reduziert, und es ist sicher, dass sich die Kosten weiter reduzieren. Weiter wird angenommen, dass die CO2-Steuer auf über 1000 Franken pro Tonne steigen wird und trotzdem Gaskraftwerke gebaut werden, was sicher nicht eintreffen wird.

Energieministerin Leuthard schliesst den Bau von Gaskraftwerken nicht aus.
Schon bei einer CO2-Steuer von 200 Franken pro Tonne CO2 wird Strom aus erneuerbaren Energien insbesondere Wind günstiger als Gas. Deshalb passt die Annahme der Economiesuisse-Studie zu Gaskraftwerken und 1000 Franken pro Tonne CO2 nicht zusammen.

Economiesuisse, welche die Studie in Auftrag gab, sagt, man könne nicht so naiv und blind sein, dass der technologische Fortschritt die ökonomischen Mehrkosten wettmachen könne. Was sagen Sie dazu?
Die Technologien haben ja bereits seit dem Jahr 2000 – entgegen den Annahmen in der Studie – massive Fortschritte erzielt und werden weitere machen. Wind und Sonne sind bereits in verschiedenen Regionen kompetitiv. Die zusätzliche installierte Kapazität führt über Skaleneffekt und Innovationen zu weiteren Verbesserungen. Das ist wissenschaftlich breit akzeptiert und auch die IEA (Internationale Energie-Agentur), welche sehr konservativ rechnet, geht von solchen Lerneffekten aus.

Was macht Sie so sicher, dass die Energieperspektiven 2050 des Bundesrates die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft nicht beeinträchtigen?
Der grösste Teil der Energiestrategie des Bundesrates sind Effizienzverbesserungen. Die wurden übrigens in der Economiesuisse-Studie nicht betrachtet und führen unter dem Strich zu Kosteneinsparungen. Bei der Förderung der erneuerbaren Stromproduktion ist die Schweiz in einer komfortablen Lage, da wir dank der Wasserkraft nur 40 Prozent neue erneuerbare Energieträger brauchen – ein Ziel, welches Deutschland wohl um 2020 erreichen wird – und dann hätten wir die Energiewende beim Strom geschafft. Und dank der Wasserkraft ist auch der Ausgleich der Erneuerbaren in der Schweiz sehr günstig.

Haben die Befürworter des Atomausstiegs nicht auch die Tendenz, die wirtschaftlichen Folgen herunterzuspielen?
Nein, es ist sogar so, dass auch der Bundesrat zum Teil unrealistische Annahmen gemacht hat. So hat er die Kosten von Solarstrom massiv überschätzt und deshalb für 2020 einen Zubau anvisiert, den wir bereits um 2015 erreichen werden. Der Bundesrat wird die Kosten seiner Energiewende nach unten korrigieren müssen. Auch sind die Vorteile wie beispielsweise die Chancen für den Export von Cleantech-Produkten nicht berücksichtigt.

Hat der Bundesrat bei der Erarbeitung der Energiestrategie 2050 störende Faktoren einfach beiseite gelassen, wie dies die Economiesuisse behauptet?
Ich wüsste nicht, welche Faktoren. Natürlich kann es sein, dass auch der Bundesrat falsche Annahmen gemacht hat. Das kann bei solchen Studien passieren, da die ganze Geschichte eine gewisse Komplexität hat. Aber bist jetzt habe ich vor allem Überschätzungen der Kosten und Unterschätzungen der Nutzen und Chancen festgestellt.

Wie realistisch ist die Energiestrategie des Bundesrates?
Die Energiestrategie des Bundesrates ist in vielen Punkten zögerlich. Dass eine echte Energiewende technisch machbar sowie wirtschaftlich vertretbar und damit realistisch ist, zeigen zwei aktuelle ETH Studien (siehe Links. Anmerkung der Redaktion), welche der Situation bezüglich Annahmen besser gerecht werden. Da gibt es erst einmal die Studie zur technischen Machbarkeit der Energiewende vom Energie-Science Center von Prof. Anderson, Prof. Boulochos und Prof. Bretschger sowie die wirtschaftliche Analyse von Prof. Bretschger und Kollegen, welche die Technologie-Verbesserung gemäss dem amerikanischen Energiedepartement berücksichtigen.

Warum gibt es an der ETH zwei verschiedene Ansichten zur Energiestrategie?
Es gibt zwei ETH-Studien, welche unterschiedliche Annahmen gemacht haben und deshalb zu unterschiedlichen Resultaten führen. Schliesslich gehört es zur Aufgabe der Politik, zu beurteilen, welche Annahmen realistisch sind. Da ist es schon etwas seltsam, dass die Economiesuisse eine Studie mit der Annahme von einer CO2-Abgabe von ca. 1000 Franken pro Tonne präsentiert. Das ist übrigens nicht einmal im Vorschlag des Bundesrates.

Hat man diese Energiestrategie zu überstürzt an die Hand genommen?
Nein, die Schweiz macht ja in ihrer Energiestrategie kaum etwas Neues. Vor allem bei der Förderung der Erneuerbaren oder beim Atomausstieg haben andere Länder gezeigt, dass es auch viel schneller ginge. Die nächsten Tage werden vielmehr zeigen, dass die Aussagen der Economiesuisse etwas überstürzt waren und auf politisch unrealistischen Annahmen beruhen.

Erstellt: 30.01.2013, 13:56 Uhr

ETH-Forscher Girod

Bastien Girod ist seit 2007 Nationalrat und Vizepräsident der Grünen Schweiz. Er ist auch Vizepräsident des Branchenverbandes für Windenergie. Er ist von Beruf Umweltnaturwissenschaftler und an der ETH in der Forschung tätig. Er befasst sich beruflich und politisch intensiv mit dem Atomausstieg und der Energiestrategie des Bundesrates.

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