«Diese Regel erhöht die Verkehrssicherheit sicher nicht»

Die Direktorin der Beratungsstelle für Unfallverhütung will sich nicht gegen das Rechtsvorbeifahren auf Autobahnen wehren. Sie hat aber Vorbehalte.

Rechtsvorbeifahren soll künftig erlaubt sein.

Rechtsvorbeifahren soll künftig erlaubt sein. Bild: Keystone

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Frau Buhmann, das Parlament will es erlauben, dass Lenkerinnen und Lenker auf Autobahnen künftig auch rechts von anderen Fahrzeugen vorbeifahren dürfen. Ist das eine gute Idee?
Diese Regelung erhöht die Verkehrssicherheit sicher nicht. Aus unserer Sicht gibt es aber keinen zwingenden Grund, uns dagegen zu wehren, wenn zwei Bedingungen eingehalten werden: Ein Lenker soll erstens nur an einem Fahrzeug rechts vorbeifahren dürfen, wenn er nicht viel schneller fährt als dieses; der Geschwindigkeitsunterschied darf nicht zu gross sein. Und zweitens darf das bestehende Rechtsüberholverbot nicht aufgeweicht werden. Die Polizei muss das kontrollieren und Sanktionen auch bekannt machen.

Nun gibt es ein Rechtsvorbeifahren, ein passives Rechtsvorbeifahren und ein Rechtsüberholen. Wer kann auf der Autobahn bei Tempo 120 noch genau nachvollziehen, was er von all dem gerade tut?
Rechts überholen ist noch am klarsten definiert: Das heisst, man schwenkt von der Überholspur nach rechts aus, überholt mindestens ein Auto und schwenkt wieder links ein. Beim passiven und aktiven Rechtsvorbeifahren wird es schon schwieriger. Aber das zeigt: Wenn das Rechtsvorbeifahren erlaubt wird, dann braucht es eine verständliche Definition davon, die auch in der Praxis umsetzbar ist

Bundesrätin Doris Leuthard sagte im März in der Debatte im Nationalrat, diese Regelung schaffe Klarheit und Rechtssicherheit. Stimmt das?
Ich antworte diplomatisch: Klarheit hat im Grunde schon das Bundesgericht 2016 geschaffen. Es präzisierte, was paralleler Kolonnenverkehr ist: wenn sich der Verkehr auf den Überholspuren so verdichtet, dass die Fahrzeuge faktisch nicht mehr schneller vorankommen als auf der rechten Spur. Diese Präzisierung sollte der Gesetzgeber berücksichtigen. Bei parallelem Kolonnenverkehr ist es aber schon heute erlaubt, rechts – passiv – vorbeizufahren.

Die Befürworter argumentieren, dass die Kapazität auf Autobahnen deutlich gesteigert werden könne, wenn Rechtsvorbeifahren erlaubt sei.
Die Befürworter berufen sich auf eine Studie. Aber die liegt uns nicht vor.

Sie sagten, es sei wichtig, dass die Polizei nicht nur kontrolliere, sondern die Sanktionen auch bekannt mache. Weshalb?
Nur wenn Lenkerinnen und Lenker damit rechnen, dass sie kontrolliert werden, halten sie sich auch an die Regeln. Man spricht dabei von subjektiver Kontrollerwartung. Deshalb ist es gut, wenn die Polizei bekannt macht, wenn sie Lenker büsst, die dagegen verstossen.

Am Ende merken es viele Lenkerinnen und Lenker gar nicht, dass sie rechts vorbeifahren dürften. So müssten sie eigentlich auch am Tag mit Licht fahren, und sie dürften in Einbahnstrassen nicht mehr rückwärtsfahren. Die meisten scheinen das aber nicht mitbekommen zu haben.
Mittlerweile fahren viele Lenkerinnen und Lenker auch am Tag mit Licht, nämlich über 90 Prozent. Aber beim Rückwärtsfahren stimmt es – viele wissen nicht, dass es in Einbahnstrassen grundsätzlich nicht mehr erlaubt ist. Diese Änderung wurde nicht gut kommuniziert.

Am besten kennen wohl all jene die neuen Regeln, die gerade die Fahrprüfung gemacht haben. Wie sollen alle anderen informiert werden?
Falls das Rechtsvorbeifahren in der Schweiz erlaubt sein sollte, so müssen nicht nur inländische, sondern auch ausländische Lenker informiert werden – gerade auf Autobahnen sind überdurchschnittlich viele Lenker aus dem Ausland unterwegs, die diese Regel nicht kennen. Kommuniziert werden kann zum Beispiel mit Plakaten oder Wechseltextanzeigen entlang der Autobahnen. Es ist wichtig, dass möglichst viele Lenker die Regeln kennen – sonst wird es wirklich gefährlich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2018, 16:34 Uhr

Brigitte Buhmann ist Direktorin der BfU-Beratungsstelle für Unfallverhütung.

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