Interview

«Diese SVP-Herren haben wohl noch nie so gut ausgesehen»

Der Schwingerverband beschwerte sich bei der SVP, weil sie den Sport für politische Propaganda missbrauche. Eine Szenekennerin sagt, wie sehr sich die Schwinger tatsächlich über die Kampagne ärgern.

Urschweizerischer Sport: Junger Schwinger in Aeschi erleidet Kopflandung. (Archivbild)

Urschweizerischer Sport: Junger Schwinger in Aeschi erleidet Kopflandung. (Archivbild) Bild: Keystone

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In zwei Protestbriefen fordert der Eidgenössische Schwingerverband die SVP dazu auf, den Schwingersport nicht für politische Propaganda zu missbrauchen. Dies, nachdem die Partei aufgrund des Angriffes zweier Kosovaren auf den SVP-Politiker und Schwinger Kari Zingrich eine schweizweite Inseratekampagne startete und die SVP des Kantons Zürich sich für ihre aktuelle Wahlkampagne in Schwingermontur ablichten liess.

An einem Schwingfest im zürcherischen Hombrechtikon zeigte sich jedoch ein anderes Bild: Die Besucher äusserten sich mehrheitlich positiv über die Aktion: «Eine gute Idee der SVP», sagte ein junger Mann gegenüber Tele Züri. Für SVP-Nationalrätin Natalie Rickli ist klar, dass der Eidgenössische Schwingerverband (ESV) Heuchelei betreibt: «Die gleichen Politiker, die nun kritisiert werden, werden wieder ans nächste Schwingerfest eingeladen.» Tagesanzeiger.ch/Newsnet fragte bei Schwinger-Expertin Irene Bodenmann-Meli nach und wollte wissen, wie die Schwingerszene nun wirklich zur SVP-Kampagne steht:

Frau Bodenmann-Meli, was halten Sie von der neuen Kampagne der SVP, in der sich die Politiker in Schwingermontur präsentieren?
Wenn ich das Foto anschaue, muss ich sagen, dass die Damen und Herren eine gute Falle machen. Das Bild vermittelt ein positives Gefühl. Ehrlich gesagt: Diese Herren haben wohl noch nie so gut ausgesehen. Nur einzelne müssten ihre Bäuche etwas einziehen.

Dann sind Sie damit einverstanden, dass die SVP sich den Schwingersport für Propagandazwecke zu Nutze macht?
Nein. Ich bin der Meinung, dass Bräuche wertneutral sein sollten. Unabhängig von der Politik oder auch von Religion. Schwingen vermittelt Werte, die für alle stehen. Egal aus welcher Schicht jemand stammt, sollte er Zugang haben zu diesem Sport. Sport und Politik dürfen auf keinen Fall vermischt werden.

Der Eidgenössische Schwingerverband beschwerte sich mit einem Protestschreiben bei der SVP. Finden Sie das richtig?
Ich habe vom genauen Inhalt dieses Schreibens keine Kenntnis. Ich finde es jedoch gut, dass der Verband klar Stellung bezieht. Doch wahrscheinlich hat die SVP ihr Ziel bereits erreicht: nämlich in den Medien zu erscheinen.

Kann es sein, dass der Protest des Schwingerverbands etwas mit der politischen Gesinnung ihres Präsidenten, dem ehemaligen SP-Kantonsrat Ernst Schläpfer, zu tun hat?
Ich glaube nicht, dass die politische Gesinnung von Ernst Schläpfer der Auslöser ist. Denn Rolf Gasser (Anmerkung der Red.: Geschäftsstellenleiter des ESV) ist Mitglied der SVP. Auch er ist der Meinung, dass das so nicht geht. Der Verband ist sich einig, dass Bräuche nicht mit Politik vermischt werden sollen.

Sie bewegen sich oft im Umfeld der Schwinger. Ist Politik dort ein Thema?
Wenn es um den Sport geht nicht. Aber natürlich: Politik ist in der Schwinger-Szene ein Thema, wie dies an jedem Stammtisch vorkommt. Es wird diskutiert, und das ist gut so. Denn ohne Austausch wird auch kein Fortschritt erzielt. Doch meistens hat man Gescheiteres zu diskutieren als über Politik.

Sind die Gespräche nach dem Schwingfest beim Sauren Most von einer politischen Färbung geprägt?
Ich empfinde die Gespräche als politisch ausgewogen. Es werden verschiedene Meinungen akzeptiert und ich erlebe die Schwinger und deren Fans als offene und tolerante Personen.

Wurden Sie schon Zeugin von rassistischen Aussagen?
Nicht häufiger, als wenn ich durch die Stadt Winterthur spaziere und die Gespräche von Passanten höre.

Wie beurteilen Sie die Aussage von SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli, dass Schwinger «ganz sicher nicht SP wählen?»
Das ist Unsinn. Wie gesagt sind in der Schwingszene alle politischen Richtungen vertreten. Von links bis rechts.

Gibt es viele Ausländer in der Schwingszene?
Es gibt sicherlich auch ausländische Besucher an den Schwingfesten. Natürlich sind diese in der Unterzahl. Doch das hat mit einem Brauchtum zu tun, der eben unter Schweizern besonders verankert ist. Das kommt auch in anderen Ländern vor: In Japan gab es einst einen Aufschrei, als sich erstmals ein hawaianischer Sumoringer in den Ring wagte.

Gäbe es auch einen Aufschrei, wenn sich der erste Schwinger mit der Namensendung «-ic» ins Sägemehl wagte?
Nicht unbedingt. Vor gut 100 Jahren gab es in der Schweiz den polnischen Schwinger Ladislaw Petlascinsky. Er wurde nicht nur akzeptiert, sondern sogar gefeiert.

Glauben Sie, dass gewisse Leute wegen der politische Propaganda der SVP den Schwingfesten fernbleiben?
Das ist schwierig zu beurteilen. Ich kann es mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, denn jeder Mensch verfügt über genügend gesunden Menschenverstand, um zu merken, dass es an den Schwingfesten um etwas anderes geht als um Politik. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.10.2011, 20:25 Uhr

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Irene Bodenmann-Meli ist die Präsidentin des Frauenschwingklubs Zürich und war früher selbst als Schwingerin aktiv. Sie ist die Gründerin des einzigen Schwingmuseums der Schweiz, das sich in Winterthur befindet. Die 49-Jährige hatte zudem einen kurzen Auftritt im Schwingerfilm «Hoselupf» mit Beat Schlatter.

Ihr Vater Karl Meli gehört zu den erfolgreichsten Schweizer Schwinglegenden. Er wurde in den Jahren 1961 und 1964 zweimal Schwingerkönig.

Rickli, Blocher und Co.: Ausschnitt des aktuellen Wahlplakats der Zürcher SVP. (Bild: Keystone )

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