«Diese Studie ist nicht repräsentativ für das Tunnelwesen der Schweiz»

Eine europäische Studie bewertet zwei Schweizer Tunnel punkto Sicherheit lediglich als genügend. Das Bundesamt für Strassen wehrt sich gegen den Eindruck, alle Schweizer Röhren seien mangelhaft.

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Herr Bielmann, in einem europäischen Test erhielten der Gubrist- und der Isla-Bella-Tunnel nur die Note «ausreichend». Sind Schweizer Tunnel tatsächlich unsicher?
Nein, keineswegs. Es gibt auf dem Schweizer Nationalstrassennetz 228 Tunnel, und die sind im Durchschnitt punkto Sicherheit gut bestückt. Einige zwar mit Abstrichen, und dort liegt ein Handlungsbedarf vor, aber grundsätzlich kann man sagen, dass alle diese Tunnel sicher sind. Man muss zu dieser Studie Folgendes erwähnen: Es handelt sich um periodische Tests. Vor zwei Jahren wurden die damals getesteten Tunnel sehr gut bewertet. Dieses Jahr fiel die Auswahl auf Röhren, die nicht top sind. Wir überprüfen die Tunnel laufend und passen die Sicherheitsstandards ständig den neusten Erkenntnissen an. Auf Schweizer Nationalstrassen sind Tunnel übrigens bezüglich Unfällen die sichersten Strassenabschnitte.

Als wie repräsentativ schätzen Sie die Studie, die ja lediglich zehn Tunnel testete, ein?
Sie ist überhaupt nicht repräsentativ in Bezug auf das ganze Tunnelwesen der Schweiz. Die Beurteilung ist sehr punktuell – wie gesagt, allein in der Schweiz gibt es 228 Tunnel.

Sind Sie also mit der Studie nicht einverstanden?
Nein, das kann man so nicht sagen. Das Ergebnis stimmt in Bezug auf die Tunnel, die beurteilt wurden. Aber wenn man gesamtschweizerisch alle Tunnel bewerten würde, sähe die Situation anders aus. Im Übrigen waren wir heute nicht überrascht, diese Tests waren uns bekannt.

Beim Isla-Bella-Tunnel wurden die fehlenden Notausgänge bemängelt. Sind dort Massnahmen geplant?
Theoretisch braucht es diese Notausgänge. Aber der Tunnel hat bereits ein gewisses Alter, und wenn man diese nun bauen muss, müssen diese Baumassnahmen zuerst bewilligt werden. Dahinter verbirgt sich ein langwieriger politischer Prozess – mal ganz abgesehen von den Kosten. Es ist also nicht so einfach, diese Notausgänge nachträglich zu bauen. Aber selbstverständlich werden diese irgendwann gebaut werden.

Der Gubristtunnel schnitt im Test auch schlecht ab. Was unternimmt man dort?
Der Gubrist ist im Prinzip ein gut ausgebauter Tunnel – das Problem liegt dort in der Verkehrsmenge. Dadurch ergibt sich eine gewisse Unfallfrequenz. Wobei die Anzahl Unfälle im Verhältnis zum Verkehrsaufkommen niedrig ist. Es gab in den letzten drei Jahren bereits Anpassungen im Gubrist: Während der Nacht wurde die komplette Belüftungsanlage renoviert – solche Arbeiten sind tagsüber nicht möglich. Das zeigt, wie aufwendig und schwierig solche Anpassungen an die neuen Sicherheitsstandards sind. Als weitere Massnahme ist die dritte Röhre im Gespräch, die für etwas Entlastung sorgen soll. Aber auch dieser Prozess wird noch eine Weile dauern.

Welches ist aktuell der beste und welches der schlechteste Tunnel punkto Sicherheit in der Schweiz ?
Das will und kann ich so nicht sagen. Aber der Gotthard ist beispielsweise seit den Anpassungen nach dem Brand im Jahr 2001 auf einem sehr hohen Sicherheitslevel. Die Belüftung, die Fluchtwege, aber auch die Signalisation und die Energieversorgung wurden verbessert. Wäre der Gotthardtunnel getestet worden, hätte er also mit Sicherheit ein anderes Resultat erzielt als der Isla-Bella-Tunnel.

Nach dem Busunglück in Siders war die Sicherheit in Schweizer Tunneln ein grosses Thema. Gibt es hier im Vergleich zum übrigen Europa Nachholbedarf?
Damals waren die sogenannten Ausstellbuchten im Gespräch. Diese sind in der Schweiz in der Regel rechtwinklig, in Deutschland beispielsweise sind die Kanten abgestumpft. Für die statischen Verhältnisse in den Schweizer Bergen sind die rechtwinkligen Nischen die beste Variante, ist das Ingenieurwesen überzeugt. Die geologische Struktur im alpinen Gebiet ist teilweise nicht vergleichbar mit jener anderer Nationen. Die Normen und Sicherheitsstandards werden nach jedem Unfall hinterfragt. In Siders werden die Sicherheitsnormen aktuell gerade untersucht – unabhängig von der TCS-Studie. Wenn sich daraus ein Handlungsbedarf ergibt, fliesst diese Erkenntnis auch in die Sicherheitsstandards anderer Tunnelbauten ein. Auch wenn wir im Ausland Verbesserungsmöglichkeiten entdecken, übernehmen wir diese. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.10.2012, 09:55 Uhr

Zur Person

Guido Bielmann ist Pressesprecher des Bundesamtes für Strassen (Astra).

«In einem guten Tunnel sollten Fluchtmöglichkeiten vorhanden sein»: ADAC-Pressesprecher Klaus Reindl.

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