Dignitas im Visier der Jugendschützer

Auf dem Internetforum der Sterbehilfeorganisation Dignitas tauschen sich Lebensmüde aus. Aus Jugendschutzgründen zensieren deutsche Behörden die Seite.

Anleitung zum Suizid: Internetforen wie das der Dignitas können ohne weiteres von Jugendlichen gelesen werden. Foto: iStock

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«Kareno» schreibt, er habe sich für den Freitod entschieden, wisse aber die Methode noch nicht. «Am liebsten würde ich mich mit einer Pistole selbst richten, doch an diese heranzukommen, ist ja alles andere als leicht.» Mit «Deadly Snowflake» antwortet ihm bereits weniger als eine Stunde später ein erfahrener Forennutzer und empfiehlt: «Schuss mit Schrotflinte ins Herz.» Ein späterer Kommentar: «Hast du es schon mit Autoabgasen versucht?»

Das Internetforum der Sterbehilfeorganisation Dignitas ist beliebt: Über 65'000 Beiträge finden sich online, die jüngsten sind nur wenige Stunden alt. Während dort gemäss einem Grusswort von Dignitas-Gründer Ludwig A. Minelli «Hilfe zum Weiterleben» geboten werden soll, dient die Plattform vielen vor allem als Anlaufstelle für Freitodtipps.

Unter dem Punkt «Erfahrungen mit Suizidmethoden» tauschen sich anonyme Nutzer über Suizidtechniken und deren Erfolgsquote aus. In einer Diskussion sprechen die Teilnehmer über die Sicherheit der Methode Erhängen und darüber, ob ein Seil oder ein Gurt zweckmässiger sei. In einer anderen Diskussion über Rezepte für giftigen Schwefelwasserstoff. Oder ein Nutzer mit dem Pseudonym «Angsthase» gibt zum Tod durch Öffnen der Pulsadern zu bedenken: «Eine sehr unsichere Methode, meist wird man vorher gefunden.» Die Gründe für den Todeswunsch spielen in diesen Ratgeberbeiträgen kaum eine Rolle. Ob mit Tablettencocktails, Gas oder durch den Sprung aus grosser Höhe: Es geht kühl und kalkuliert um das Wie der Selbsttötung.

«Eine Art Gebrauchsanweisung»

In Deutschland wacht die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) darüber, Jugendliche im Internet vor gefährlichen Inhalten zu schützen. Für gewöhnlich rufen Themen wie Gewaltverherrlichung oder Pornografie die BPjM auf den Plan. Offenbar aber auch das Onlineforum von Dignitas: Hacker haben vor wenigen Tagen die Liste jener Internetadressen öffentlich gemacht, die nach deutschem Gesetz jugendgefährdend sind. Unter den Einträgen findet sich die Internetadresse des Dignitas-Diskussionsforums.

Die Jugendschützer der BPjM stufen das Forum also als gefährlich genug ein, um die Blockierung in Internetsuchresultaten zu veranlassen. Das zeigen Dokumente der BPjM, die dem «Tages-Anzeiger» vorliegen. Die amtliche Begründung spricht von «Hilfestellung zum Suizid», die Beiträge läsen sich wie eine «Art Gebrauchsanweisung», «psychologische Beratung oder eine andere Form der Hilfestellung für Betroffene wird (. . .) nicht angeboten.» Ein Rundgang im Forum und die Registrierung mit einem Pseudonym zeigen: Jugendschutz spielt hier keine erkennbare Rolle. Wer sich registriert, muss weder Alter noch Namen nennen, Warnhinweise auf die expliziten Inhalte sind nicht zu sehen.

Mehrere Fachleute zeigen sich überrascht über die Existenz des Forums und seine Inhalte; etwa Konrad Michel, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Berner Universitätsspital. Michel beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Suizid. Dennoch war ihm bisher nicht bekannt, dass auf dem Forum Anleitungen zum Suizid sowie Erfahrungsberichte von (gescheiterten) Versuchen diskutiert und ausgetauscht werden, vermutlich auch von jungen Menschen. «Eigentlich erwartet man Dignitas am anderen Ende des Lebens», sagt Michel, «bei älteren Leuten.»

Hohe Suizidrate

In der Schweiz gibt es keine gesetzlichen Grundlagen für die Zensur von jugendgefährdenden Websites. Auch eine mit der deutschen BPjM vergleichbare staatliche Behörde für Jugendschutz existiert in der Schweiz bisher nicht. Die Internetprovider sperren einzig kinderpornografische Inhalte in einer freiwilligen Selbstverpflichtung. Gleichzeitig ist es jedoch ohnehin fraglich, ob sich der Betreiber eines solchen Forums nach Schweizer Recht strafbar macht. Der Berner Facharzt Konrad Michel wünscht sich aber, dass ähnliche Massnahmen wie in Deutschland auch in der Schweiz zur Verfügung stehen. Das Internet sei tatsächlich der Ort, an dem sich Jugendliche zum Thema Suizid informieren – «und das machen mehr, als wir gemeinhin annehmen». Bessere Präventionsmassnahmen seien auch deshalb angebracht, weil hierzulande die Suizidrate bei Jugendlichen im Vergleich zu anderen Ländern überdurchschnittlich hoch sei.

In der Schweiz nehmen sich statistisch gesehen jeden Tag drei Menschen das Leben. Die Anzahl der Suizidversuche liegt Schätzungen zufolge um das Zwanzigfache darüber. Jeder zehnte Einwohner der Schweiz unternehme im Laufe seines Lebens einen Suizidversuch, schätzte das Bundesamt für Gesundheit 2005 in einem Untersuchungsbericht. Gerade unter jungen Menschen gehört Freitod hierzulande zu den häufigsten Todesursachen.

Erstellt: 12.07.2014, 07:21 Uhr

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Ludwig A. Minelli ist Gründer und Generalsekretär des Vereins «Dignitas – Menschenwürdig leben – Menschenwürdig sterben» mit rund 20 Teilzeitmitwirkenden. Foto: Doris Falconi

«Unser Forum ist eine virtuelle Selbsthilfegruppe»

Für Dignitas-Gründer Ludwig A. Minelli sind Tipps für den Suizid kein Widerspruch zur Suizidprävention. Nur so werde man von Lebensmüden ernst genommen.

Haben Sie Kenntnis vom Entscheid der Jugendprüfstelle?
Ja, aber das hat für uns keinerlei Bedeutung. Die Stelle argumentiert nach der alten kirchlichen Anschauung, dass
Suizid etwas Böses ist und dass wir mit unserem Forum die Jugend gefährden.

Mit den Anleitungen und der Vorgehensweise zu verschiedenen Suizidarten tun Sie das aber. Das Forum wird mehrheitlich von  jungen Menschen genutzt.
Weder geben wir Anleitung noch berichten wir über Vorgehensweisen. Dignitas äussert sich im Forum nicht. Es sind nur User, die sich untereinander äussern. Meist äussern dann andere Zweifel und machen auf Risiken aufmerksam. Aber: Wenn man Suizidwilligen helfen will,
ist man nur glaubwürdig, wenn man den Suizid auch akzeptiert. Damit werden wir bei den Suizidwilligen ernst genommen. Eine Voraussetzung, um mit ihnen auf ihre Probleme einzugehen. Dieser Umweg ist paradox, aber nur diese Paradoxie führt zum Ziel.

Sie sagten immer, Dignitas sei der grösste Suizidpräventionsverein. Und jetzt zeigt Dignitas, wie man sich mit einem Holzkohlengrill am besten umbringen kann. Ein Widerspruch.
Ihre Aussage ist schon im Ansatz falsch. Nochmals: Dignitas äussert sich im Forum nicht. Und: Dignitas ist kein Suizidpräventionsverein. Ein erheblicher Teil seiner Arbeit gilt jedoch der Vermeidung von Suizidversuchen. Dazu müssen wir eine offene Diskussion zulassen. Deshalb weiss ein User, dass Dignitas gerechtfertigte Suizide akzeptiert, und nur deshalb geniessen wir sein Vertrauen. Sucht er den Kontakt zu uns, können wir ihm Hilfe anbieten und ihm im Gespräch zeigen, wie er aus seinem engen Loch herauskommt, wo er drinsteckt. Meist helfen aber schon andere User.

Wie findet dann dieser Dialog statt?
Wir haben einen Mediator, der unser Forum betreut – er agiert anonym. Der Mediator nimmt in seltenen Fällen mit den Suizidwilligen via Chat Kontakt auf. Er zeigt ihnen, ohne zu moralisieren, alternative Optionen und Wege in Richtung Weiterleben auf. Daraus ergeben sich nicht selten Korrespondenzen, die sich über Monate erstrecken. Zudem können Suizidwillige in unserem Chat Kontakt mit anderen Leuten aufnehmen – etwa mit solchen, die einen Suizidversuch überlebt haben. Diese User wissen, wovon sie sprechen, und ihre Tipps zum Weiterleben werden ernst genommen. Unser Forum ist eine virtuelle Selbsthilfegruppe. Deshalb sind Suizidversuche und Suizide von Usern äusserst selten.

Mit Ludwig A. Minelli sprach Stefan Hohler

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