Hintergrund

Dioxin im Fleisch aus naturnaher Produktion

Der Bund hat im Fleisch von zwei naturnah produzierenden Bauernhöfen Dioxin entdeckt. Bei einem waren die Werte so hoch, dass er kein Fleisch mehr verkaufen darf.

Eine trügerische Idylle: Das Bundesamt für Gesundheit hat den Verdacht, dass gerade Kühe, die viel auf der Weide sind,   hohe Dioxinwerte aufweisen  (Symbolbild).

Eine trügerische Idylle: Das Bundesamt für Gesundheit hat den Verdacht, dass gerade Kühe, die viel auf der Weide sind, hohe Dioxinwerte aufweisen (Symbolbild). Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ausgerechnet Bauern, die naturnah produzieren, haben gemäss neuen Messungen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) ein Problem mit Umweltschadstoffen. Die Bundesbehörde hat bei einer Untersuchung im Rind- und Kalbfleisch eines Bündner Bauern das krebserregende Gift PCB gefunden. PCB zählt zu den dioxinähnlichen Stoffen (siehe Kasten). Die gemessenen Werte sind so hoch, dass der Bauer seine Produkte nicht mehr verkaufen darf. Bereits produziertes Fleisch musste vernichtet werden. Fleisch ist die Haupteinnahmequelle des Bauern. Er betreibt Mutterkuhhaltung. Sie gilt als naturnahe Produktion, weil die Tiere auf Weiden aufwachsen. Die Bündner Kantonsbehörde hat über den Fall bislang nicht informiert.

Das BAG hat die Studie bereits im Oktober fertiggestellt. Alarmiert durch die Ergebnisse, hat das Amt die Messungen in den Folgemonaten viermal wiederholt. Nun liegen gemäss Recherchen dieser Zeitung die Resultate der Nachmessungen vor. Sie erhärteten den Verdacht: Die Dioxinmengen im Fleisch des Hofes liegen 300 Prozent über dem erlaubten Toleranzwert. Das BAG bestätigt dies.

Zweiter Befund in Luzern

In der Studie hat das BAG Fleisch von insgesamt 60 zufällig ausgewählten Höfen mit Mutterkuhhaltung untersucht. Aufgrund früherer Studien hatte die Behörde den Verdacht, dass solche Betriebe ein erhöhtes Dioxinrisiko haben. Unter den 60 untersuchten Höfen hat das BAG einen zweiten Hof mit eindeutig dioxinbelastetem Fleisch entdeckt. Dieser Hof befindet sich im Kanton Luzern. Die Werte des Fleisches dieses Betriebes liegen 40 Prozent über dem gesetzlich erlaubten Toleranzwert. Auch hier haben Nachmessungen den Verdacht erhärtet.

Weil die Belastung in diesem Fall weniger stark über dem erlaubten Maximalwert liegt, darf der Luzerner Bauer vorläufig weiter Fleisch verkaufen. Das hat der Luzerner Kantonschemiker Silvio Arpagaus verfügt. Er betont, dass das Fleisch dieses Hofes in seiner Qualität zwar beeinträchtigt, aber nicht gesundheitsgefährdend sei. Der Luzerner Betrieb hat die Auflage, sein Problem in vorgegebener Frist zu lösen, sonst darf auch er sein Fleisch nicht mehr verkaufen.

Rätsel um Herkunft des Gifts

Schon fast unheimlich ist, dass sich die Experten bei beiden Höfen nicht erklären können, weshalb gerade diese so hohe Werte aufweisen. Zur Herkunft der Giftstoffe gibt es nur allgemeine Vermutungen, doch bisher keine konkrete Erklärung. Deshalb war die Lösung des Problems bis jetzt nicht möglich. Der Bündner Kantonstierarzt Rolf Hanimann sagt: «Solange das Problem nicht gelöst ist, darf der betroffene Betrieb kein Fleisch mehr verkaufen.» Wegen der Einbussen sei die Existenz des Betriebes bereits unmittelbar bedroht. «Wir versuchen zu helfen, trotz intensiven Nachforschungen konnten wir aber die Herkunft des Schadstoffes noch nicht eruieren.»

Risiko bei Biohöfen

Die 60 in der Studie untersuchten Betriebe mit Mutterkuhhaltung produzieren für Labels wie Natura-Beef und Natura-Veal. Viele davon sind Biobauernhöfe. Die beiden entdeckten dioxinbelasteten Höfe machen rund 3,3 Prozent der 60 untersuchten Höfe aus. Ginge man davon aus, dass diese Prozentzahl für die insgesamt über 5000 Schweizer Bauernhöfe mit tierfreundlicher Mutterkuhhaltung einigermassen repräsentativ wäre, hätten mutmasslich 160 Bauernhöfe dioxinverseuchtes Fleisch.

In der Studie heisst es, die Ergebnisse seien «nur begrenzt repräsentativ». Grundsätzlich kann es sich bei den beiden entdeckten Höfen tatsächlich um statistische Ausreisser, das heisst um Einzelfälle, handeln. Dagegen spricht indessen, dass es unter den 60 untersuchten Höfen 2 weitere gibt, deren Fleisch hohe Dioxinwerte aufwiesen. Sie lagen nur knapp unter der erlaubten Grenze.

Dennoch äussert sich das Bundesamt für Gesundheit vorsichtig. Hochrechnungen dieser Art seien falsch, «solange die Quelle der erhöhten Werte nicht identifiziert» sei, teilt das Amt auf Anfrage mit. Denn regionale Unterschiede seien möglich. Michael Beer, Leiter der Abteilung Lebensmittelsicherheit des BAG hält trotzdem fest: «Wir vermuten, dass Betriebe mit naturnaher Produktion ein grösseres Dioxinrisiko haben als konventionelle.» Abschliessend bewiesen sei dies aber nicht. Man werde deshalb für weitere Abklärungen konventionelle Betriebe einbeziehen, so Beer.

Weitere Untersuchungen

Das BAG plant bereits weitere Untersuchungen. Ein Ziel sei, herauszufinden, ob es in der Schweiz Regionen gibt, wo das Dioxinrisiko für naturnahe Fleischproduktion höher ist als anderswo. Das zweite Ziel bestehe darin, mehr über den Ursprung des Problems zu erfahren.

Beer betont allerdings: «Dioxinanalysen sind aber sehr teuer.» Es werde deshalb allein aus Kostengründen nie möglich sein, flächendeckend bei allen Höfen Untersuchungen durchzuführen.

Erstellt: 19.12.2013, 09:35 Uhr

Artikel zum Thema

Pferdefleisch als Hehlerware?

Hintergrund Die GVFI, grösste Fleischimporteurin der Schweiz, soll aus Argentinien Fleisch gestohlener Pferde einführen. Der Tierschutzbund Zürich erstattete Anzeige. Mehr...

Schweizer Fleisch wird überschätzt

Laut einer Umfrage des Schweizer Tierschutzes weiss nur jeder dritte Konsument, dass bei Schweizer Fleisch der Auslauf ins Freie nicht Pflicht ist. Mehr...

Dicke amerikanische Schweine für China

Hintergrund Asien hat immer grösseren Hunger auf Fleisch. In Amerika werden deswegen die Schweine immer dicker. Sie wiegen derzeit fast so viel wie eine kleine Kuh. Mehr...

Warum glückliche Kühe ein Gesundheitsrisiko darstellen

Das heuteweltweit verbotene dioxinähnliche Gift PCB stellt eine Bedrohung für die naturnahe Landwirtschaft dar. Die Idylle ist trügerisch. Kälber, Rinder und Kühe, die den Grossteil ihres Lebens glücklich auf saftigen Wiesen verbringen, geben nicht unbedingt das gesündere Fleisch. Dass das Dioxinrisiko bei Biobauernhöfen und Betrieben mit naturnaher Produktion höher ist als in der konventionellen Landwirtschaft mit wenig Auslauf und engen Ställen, haben in den vergangenen Jahren Untersuchungen in Deutschland gezeigt. Dort fanden Experten in Bioprodukten hohe Dioxinbelastungen.

Giftspuren in den Weiden

Experten versuchen, das Phänomen folgendermassen zu erklären: Viele Wiesen und Weiden weisenminimale Spuren von dioxinähnlichen Stoffen auf. Die Stoffe kommen dort in sehr geringen Konzentrationen vor. Das Problemaber: Sie bauen sich wegen ihrer Fettlöslichkeit nach der Nahrungsaufnahme im Körper der Tiere nicht ab. Die Schadstoffe werden bei naturnaher Produktion von der Mutterkuh zum Kalb über die Milch weitergegeben, was zu einer höheren Konzentration im Fleisch der Jungtiere führt. Diesen Konzentrationseffekt gibt es bei der konventionellen Aufzucht nicht. Bei der Mutterkuhhaltung gibt es einen zweiten negativen Effekt: Auf der Weide aufgezogene Kühe nehmen bis zur Schlachtung viel mehr Futter auf als Kühe aus konventioneller Zucht, die mit Kraftfutter möglichst effizient gemästet werden. Deshalb kann bei grundsätzlich gleicher Dioxinbelastung des Futters mehr Gift im Körper der Tiere «hängen bleiben». Offen ist, warum im Fleisch einiger Höfe die Giftwerte viel höher sind als bei anderen Höfen.

Gesundheitsrisiko

Die Bevölkerung nimmt laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) schon heute mehr Dioxine über die Nahrung auf, als gesund ist. Die gesetzlichen Höchstwerte werden für einzelne Lebensmittel unterschiedlich hoch angesetzt. Letztendlich aber soll die Gesamtmenge an Dioxinen über alle Lebensmittel hinweg möglichst tief gehalten werden. Die einmalige Einnahme eines dioxinbelasteten Lebensmittels ist
nicht gesundheitsschädlich. Bei regelmässiger Einnahme geringer Mengen reichert sich das Gift im Körper aber an. Das führt zu hohen Krebsrisiken.

Sünden der Vergangenheit

Bei den aktuell festgestellten Stoffen in Luzern und Graubünden handelt es sich streng genommen nicht um Dioxine, sondern umsogenannt dioxinähnliche PCB. Sie werden lebensmitteltechnisch zu den Dioxinen gezählt. Das Gift wurde bis 1985 in grossen Mengen als Industriechemikalie
für Weichmacher, Fugendichtungen, Farben und Lacke hergestellt. Danach wurde es wegen seiner Giftigkeit verboten. Dioxinähnliche PCB zählen inzwischen zu den zwölf als «dreckiges Dutzend» bekannten Giftstoffen, welche durch die Stockholmer Konvention mittlerweile auch weltweit verboten wurden. Die Gifte gelangten unter anderemüber Fliessgewässer und Deponien in die Umwelt. In geringen Spuren sind sie seither weltweit allgegenwärtig in der
Umwelt. Immerhin vermutet das BAG, dass die Schweiz weniger
stark betroffen sein könnte als gewisse Regionen in Deutschland.

Verein der «Weidehaltung darf nicht durch Altlasten verunmöglichtwerden»

Urs Vogt, Geschäftsführer des Vereins Mutterkuh, fordert, dass die Behörde dem Dioxinproblem auf den Grund geht. Er vertritt die Interessen von 5000 Bauern mit Mutterkuhhaltung.

Herr Vogt, das Bundesamt für Gesundheit vermutet, dass bei Fleisch aus naturnaher Produktion ein erhöhtes Dioxinrisiko besteht. Glauben Sie das?

Das nicht. Ich erwarte aber vom Bundesamt für Gesundheit wissenschaftliche Abklärungen und dass es dem Verdacht auf den Grund geht.

Was erwarten Sie genau von
den Behörden?


Ganz wichtig ist, dass die Herkunft der Schadstoffe auf den betroffenen Höfen wissenschaftlich abgeklärt wird. Wir müssen genau wissen, woher die Schadstoffe kommen, damit wir das Problemmöglichst schnell und sauber lösen können.

Wird der Verein Mutterkuh, als Vertreter jener Bauern, die naturnah produzieren, selber auchMassnahmen ergreifen?

Massnahmen unsererseits sind erstmöglich, wenn gesicherte Erkenntnisse über die Schadstoffe vorliegen.Wir müssen deshalb weitere Untersuchungen des Bundes abwarten.

Befürchten Sie ein Imageproblem für Fleisch aus naturnaher Produktion?

Ich bin überzeugt, dass die festgestellten Einzelwerte kein generelles Problem sind. Zudem entspricht die naturnahe Haltung draussen auf der Weide den Bedürfnissen der Tiere. Die Weidehaltung darf nicht durch Altlasten verunmöglicht werden.

Was sagen Sie dazu, dass nun ausgerechnet jene Bauern ein Schadstoffproblem haben, die sich Mühe geben, naturnah zu produzieren?

Ich möchte betonen, dass die betroffenen Bauern keine Schuld trifft. Sie können nichts dafür, dass das Fleisch ihrer Tiere dioxinähnliches PCB enthält.

Wer ist schuld am Problem?

Es ist ein Gesellschaftsproblem. Der Schadstoff stammt ja mit grosser Wahrscheinlichkeit aus alten Deponien oder Industrieanlagen aus Zeiten, in welchen solche Stoffe noch erlaubtwaren.

Werden Sie für die betroffenen Bauern staatliche Entschädigungen fordern?

Das ist zurzeit kein Thema. Es darf aber nicht sein,dass einzelne wenige Betriebe den Schaden für Versäumnisse aus der Vergangenheit tragen müssen.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Logenplätze: Die Bewohner der nepalesischen Ortschaft Bode verfolgen den Nil-Barahi-Maskentanz von ihren Fenstern aus. Während des jährlichen Fests verkleiden sich Tänzer als Gottheiten und ziehen durch die Strassen. (20. August 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...