Porta Alpina

Doch noch eine Porta Alpina?

Bund und SBB hatten an der Porta Alpina kein Interesse. Jetzt versuchen private Investoren, einen Teil der Idee zu retten. Mit viel Geld.

Als man noch zuversichtlich war: Medienvertreter und Arbeiter begutachten den Ausbruch nach der ersten Sprengung für die Porta Alpina unter Sedrun (Montag, 23. Oktober 2006).

Als man noch zuversichtlich war: Medienvertreter und Arbeiter begutachten den Ausbruch nach der ersten Sprengung für die Porta Alpina unter Sedrun (Montag, 23. Oktober 2006). Bild: Keystone

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Die Euphorie war gross in Graubünden. So gross, dass selbst gemässigte lokale Politiker nur noch im Superlativ redeten. In ihrer Einzigartigkeit sei die Idee eines unterirdischen Neat-Bahnhofs in Sedrun mit dem Eiffelturm in Paris oder der Golden Gate Bridge in San Francisco zu vergleichen, sagten sie. Der Begeisterung folgten Taten: Einstimmig sprach der Bündner Grosse Rat 2005 einen 20-Millionen-Verpflichtungskredit für den tiefsten Bahnhof im längsten Tunnel der Welt. Später sagte auch das Volk Ja.

Die Bündner hatten ihre Rechnung jedoch ohne den Realitätssinn von Bund und SBB gemacht. Eine Station mitten im Tunnel in der dünn besiedelten Surselva sei wirtschaftlich wie betriebstechnisch ein Unsinn, hiess es schon zwei Jahre später aus Bern. Daraufhin strich auch die Bündner Regierung die Segel. Die geplanten Investitionskosten von bis zu 80 Millionen Franken für einen der wohl spektakulärsten Bahnhöfe Europas wollte sie nicht allein aufbringen. Jetzt kann sich eine private Investorengruppe offenbar vorstellen, eine ähnlich grosse Summe in Sedrun zu investieren – allerdings nicht in eine Porta, sondern in eine Galleria Alpina.

Kunst im Tunnel

Initiator ist der Basler PR-Unternehmer Manfred Messmer, der gestern einen entsprechenden Bericht des «St. Galler Tagblatts» bestätigte. Ihm schwebt vor, dass «irgendwann nach der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels» Zehntausende von Touristen jedes Jahr nach Sedrun pilgern, sich per Hightechlift 800 Meter in die Tiefe transportieren lassen und dort zeitgenössische Kunst oder die Highlights der Schweizer Ingenieurskunst bestaunen.

Im Juni will sich Messmer mit der SBB-Spitze treffen, die zusammen mit dem Bundesamt für Verkehr ihr Einverständnis geben muss. «Ich bin sehr optimistisch. Wir sind in den letzten Jahren immer einen Schritt weiter gekommen», sagt Messmer, der auf eine Kerngruppe von interessierten Investoren zählen kann. Der Liftbauer Schindler gehört ebenso dazu wie Holcim, Microsoft oder Samih Sawiris’ Orascom. Der ägyptische Unternehmer, der im grossen Stil im benachbarten Andermatt investiert, hatte stets betont, dass er es bedauern würde, wenn «dieses einzigartige Bauwerk nicht erlebbar» gemacht würde.

Kühne Visionen

Die Vorarbeiten für die Touristenattraktion sind bereits geleistet: Bund und Kanton Graubünden liessen im Zugangsstollen Sedrun schon vor Jahren vorsorglich Warteräume für eine mögliche Porta Alpina bauen. Kostenpunkt: 15 Millionen Franken. Die Bündner Regierung, welche die Hälfte dieser Summe bezahlte, verhandelt derzeit mit dem Bundesamt für Verkehr über die späteren Nutzungsrechte dieser «Löcher». «Wir haben daher ein grosses Interesse an privaten Ideen und Investitionen, die für die Surselva sehr wichtig wären», sagt der Bündner Regierungsrat und Baudirektor Mario Cavigelli.

Bis es so weit ist, dürfte es jedoch auch bei positivem Verlauf noch viele Jahre dauern. Messmer ist zusammen mit seinem Projektpartner, dem ehemaligen Expo02-Chef Martin Heller, derzeit daran, die Machbarkeit der zwölf in der Endauswahl stehenden Vorschläge eingehender zu prüfen. Architektur- und Ingenieurbüros aus halb Europa hatten Ideen eingereicht. Die Vorstellungen reichen von einer begehbaren Unterschweiz im Gotthard-Massiv über Ton- und Lichtinstallationen bis zu «fantastischen Reisen» durch das Gestein. Die Kosten dürften je nach Projekt zwischen 50 und 80 Millionen Franken liegen.

Nach dem Skifahren in den Berg

Messmer geht es mit seiner Vision einer Galleria Alpina gemäss eigenen Angaben weniger um wirtschaftliche Rentabilität, als vielmehr um Grundsätzliches. «Die Schweiz baut mit dem Basistunnel etwas Spektakuläres, und sie schafft es nicht, mit einem fantasievollen Projekt, Kapital daraus zu schlagen. Das kann nicht sein», sagt der PR-Unternehmer.

Die Initianten verhehlen nicht, dass eine Galleria Alpina auch die Möglichkeit offen lassen soll, dereinst doch noch einen unterirdischen Bahnhof in Sedrun zu bauen, sollte der politische Wille eines Tages vorhanden sein. Letzteres freut auch Pancrazi Berther, den Gemeindepräsidenten der Standortgemeinde Tujetsch, der die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, dereinst in 90 Minuten statt in drei Stunden mit dem Zug nach Zürich fahren zu können. «Mit der Galleria Alpina bliebe in Zukunft alles möglich.» Auch im Hinblick auf die geplante Skigebietsverbindung zwischen Sedrun und Andermatt sei ein solches Projekt sinnvoll. «Das wäre weltweit einzigartig: nach dem Skifahren noch kurz in den Berg.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2012, 07:06 Uhr

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