Doppelzüngiges Moralisieren

Die Kirche will Bischof Huonder nicht in die Schranken weisen.

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Für Bischof Vitus Huonder ist praktizierte Homosexualität ein todeswürdiges Vergehen, was er mit dem Buch Levitikus untermauert. In seiner Rede am Kongress «Freude am Glauben» im deutschen Fulda hat der homophobe Bischof eine Grenze überschritten, die ihn der Gesellschaft vollends entfremdet.

Da wird ihm auch seine Beschwichtigungsstrategie nicht helfen. Kaum brandete Empörung gegen seine ungeheuerlichen Aussagen auf, bedauerte er, dass gewisse Medien diese als Herabsetzung Homosexueller verstanden hätten. So aber sei das nicht gemeint gewesen. Wie dann, Herr Huonder?

Erst vor zwei Monaten bediente sich Bischof Jean-Marie Lovey von Sitten dieser Strategie. Er, der die Schweizer Bischöfe an der Familiensynode in Rom vertreten wird, hatte die Gaypride ein «Spiel des Teufels» genannt und Homosexualität, weil eine Krankheit, heilbar. Konfrontiert mit den empörten Reaktionen der Gläubigen, gab er den Überraschten und Arglosen. Es sei ihm völlig ferngelegen, jemanden zu verletzen. Er habe lediglich sagen wollen, dass Homosexualität eine Schwäche der Natur sei, so wie Heiserkeit eine sei.

Das klerikale Sprachspiel

Man darf sich nicht einlullen lassen vom stereotyp klerikalen Sprachspiel. Es kommt immer dann zum Zuge, wenn die Kirche an menschenverachtenden Positionen festhält, diese aber mit dem Anschein des Menschenrechtskonformen versehen will. Vorgegeben ist diese rhetorische Figur verbindlich im Weltkatechismus: Danach verstossen homosexuelle Neigungen gegen das Naturgesetz, weshalb sie keinesfalls zu billigen und Homosexuelle zur Keuschheit berufen seien. Zugleich fordert der Katechismus, dass man Homosexuellen mit Takt und Mitleid begegnen und sich davor hüten müsse, sie in irgendeiner Weise ungerecht zurückzusetzen.

Ob man das nun Doubelbind oder Mogelpackung nennt: In der Amtskirche hat diese Strategie System. Selbst bei Papst Franziskus, der das unselige Thema am liebsten von der öffentlichen Agenda nehmen würde, um die aufgeheizte Debatte abzukühlen. Moraltheologisch und kirchenpolitisch aber bleibt das ohne Konsequenzen: Gerade hat der Papst bekräftigt, dass er den schwulen Diplomaten Laurent Stefanini nicht als französischen Vatikan-Botschafter akkreditieren könne – diplomatische Krise mit Frankreich hin oder her. Als Kardinal nannte Bergoglio die Homoehe «Teufelswerk».

Die Zerrissenheit der Kirche in dieser Sache ist offenkundig. Ihre Tragik ist es, dass sie die grösste transnationale Schwulenorganisation ist, dies aber vehement verleugnet. Ganz so, wie der einzelne Kleriker angesichts latenter homophiler Neigungen sich umso homophober gebärdet und mit Schattenkämpfen die unstatthaften Begierden zu domestizieren versucht.

Bis zur vollständigen Trennung

Je mehr Länder die Homoehe legalisieren, um so erbitterter ist die Abwehr der Kirche. Symptomatisch die Haltung von Franziskus Staatssekretär Pietro Parolin, der das Ja der Iren zur Homoehe als «Niederlage der Menschheit» deutete. Die Akzeptanz der Homoehe in Spanien, Portugal, in den USA und weiteren Staaten wird die Kirche der Gesellschaft immer stärker entfremden. Die abstossenden Aussagen Huonders sind als ein Aufbäumen gegen diese gesellschaftspolitische Entwicklung zu verstehen und als Mahnfinger, dass die katholische Familiensynode im Herbst das kirchliche Verdikt gegen die Schwulen nicht lockern darf.

Selbst Markus Büchel, Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, hat gegen Huonder erklärt, man dürfe Menschen und ihre Beziehungen nicht auf die Sexualität reduzieren. Auch das ist doppelzüngig, weil ohne Relevanz für die Praxis. Gerade erst hat die Bischofskonferenz mit Huonder die Segnung homosexueller Paare verworfen.

Auf diese Art werden die Bischöfe zu Schrittmachern einer vollständigen Trennung von Kirche und Staat. Was Huonder und dem «heiligen Rest» seiner Priesterkirche durchaus gelegen kommt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2015, 23:26 Uhr

Michael Meier

Bischof Vitus Huonder. Foto: Keystone

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