Scheichs kämpfen in Genf um die Macht

Zwei Cousins rechnen sich Chancen aus, ihren Onkel als Emir von Kuwait abzulösen. Ihr Duell beschäftigt fast zwei Dutzend Genfer Anwälte.

Scheich Ahmad Fahad al-Ahmad al-Sabah (l.) und Scheich Nasser Mohammed al-Ahmed al-Jaber al-Sabah. Fotos: Getty Images, Keystone

Scheich Ahmad Fahad al-Ahmad al-Sabah (l.) und Scheich Nasser Mohammed al-Ahmed al-Jaber al-Sabah. Fotos: Getty Images, Keystone

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Sie stammen aus dem gleichen Clan: der schwerreichen kuwaitischen Monarchenfamilie. Hinter ihnen liegen imposante ­Karrieren. Der eine war Ministerpräsident seines Landes, der andere ein mächtiger Mann in der internationalen Sportwelt mit Mandaten im Exekutivrat des Weltfussballverbands Fifa und dem Internationalen Olympischen Komitee.

Doch die Cousins Scheich Nasser Mohammed al-Ahmed al-Jaber al-Sabah und Scheich Ahmad Fahad al-Ahmad al-Sabah wollen mehr. Sie führen einen erbitterten Machtkampf, um ihren bald 90-jährigen Onkel, den Emir von Kuwait, als Staatsoberhaupt abzulösen. Nun duellieren sie sich vor der Genfer Justiz. Fast zwei Dutzend Genfer Anwälte beschäftigen sich mit der Staatsaffäre.

Geheime Videoaufnahmen

Der Konflikt zwischen den Scheichs eskalierte 2013. Scheich Ahmad trat vor das kuwaitische Parlament und erklärte, er besitze Video- und Tonaufnahmen, die Scheich Nasser bei einem Treffen mit hochrangigen Iranern und Bankiers zeigten. Nasser soll mit seinen Gästen über einen Staatsstreich gegen den Emir von Kuwait, milliardenschwere Finanzgeschäfte mit Israel und Geldwäscherei gesprochen haben. Einiges deutet darauf hin, dass die Aufnahmen in Nassers Anwesen in Trélex VD gemacht wurden, von einem Unbekannten, klandestin, möglicherweise mit einer in einem Kugel­schreiber versteckten Kamera. Trifft das zu, wäre dies in der Schweiz strafbar.

Auf Staatsbesuch: Premier Nasser besuchte 2009 Bosnien. Foto: Reuters

Für Scheich Nasser war die Anschuldigung ein erneuter Nackenschlag. 2011 hatte er wegen Korruptionsvorwürfen als Premierminister zurücktreten müssen. Ahmad erhöhte darauf den Druck auf seinen Cousin. Er verklagte ihn 2014 bei der kuwaitischen Staatsanwaltschaft und wurde auch in Genf aktiv.

Um den Aufnahmen mehr Gewicht zu geben, wandte Ahmad einen besonderen Kniff an. Er inszenierte in Genf ein sogenanntes privates Schiedsgerichtsverfahren. Dabei handelt sich um ein nicht staatliches Gericht, bestehend aus einem Anwalt, der einen Schiedsspruch erlässt, der für die Parteien in der Regel rechtlich bindend ist.

Fingiertes Verfahren

Das Spezielle an Scheich Ahmads Vorgehen war, dass er die Konfliktparteien selbst stellte. Sein Genfer Anwalt Matthew Parish war eine Streitpartei, die andere eine ukrainische Firma, die in Besitz von Ahmads engstem Mitarbeiter war. Sie taten so, als lägen sie im Clinch, und ernannten einen weiteren Genfer Anwalt als Schiedsrichter. Ihm legten sie drei Expertenberichte vor, die davon ausgingen, dass die Aufnahmen echt sind. Der Schiedsrichter bestätigte dies in der Folge. Doch die kuwaitische Staats­anwaltschaft entschied anders. Sie sah in den Aufnahmen eine Fälschung und stellte ihr Strafverfahren gegen Nasser ein. Nun drehte der Wind.

Scheich Ahmad musste sich im kuwaitischen Fernsehen bei seinem Cousin Nasser entschuldigen. Nasser war die Entschuldigung zu wenig. 2015 reichte er bei der Genfer Staatsanwaltschaft eine Strafklage gegen unbekannt wegen Urkundenfälschung ein. «Diese Machenschaften, die die öffentliche Meinung in Kuwait beeinflussen, haben ihren Ursprung in Genf», schrieben seine Anwälte in der Klage. Nasser bezichtigt seinen Cousin Ahmed und dessen Anwälte, das Schiedsgerichtsverfahren fingiert zu haben. «Die Anschuldigungen gegen unseren Mandanten waren derart schwerwiegend, dass er mit dem Tod hätte bestraft werden können, wenn sie zugetroffen hätten», empörten sich Nassers Anwälte.

Die Genfer Justiz reagierte. Staatsanwalt Stéphane Grodecki eröffnete ein Strafverfahren und liess die Büros von Ahmads Genfer Anwälten durchsuchen. Er wollte die Aufnahmen selbst überprüfen und holte beim Forensischen Institut der Kantons- und Stadtpolizei Zürich sowie am Institut für Computerlinguistik Gutachten ein.

Als Nachfolger ausschalten

Gemäss den Zürcher Experten wurden Bild und Ton massiv bearbeitet. Doch um deren Echtheit zu überprüfen, müssten sie die Videos mit dem Originalmaterial oder einer Kopie davon vergleichen. Das Originalmaterial will offiziell aber niemand mehr haben. Selbst Scheich Ahmads engster Mitarbeiter nicht, der gemäss eigenen Angaben die Videos auf einem USB-Stick 2013 im Genfer Hotel Four Seasons von einem Informanten bekam und sofort nach Kuwait brachte, wo man das Material dem Premierminister aushändigte.

Scheich Nasser betonte im Strafverfahren: «Die Anschuldigungen wegen Geldwäscherei und die Hinterziehung von Milliardenbeträgen sind allesamt konstruiert worden.» In seiner Befragung sagte er: Das Ziel seines Cousins sei gewesen, ihn als Nachfolger des Emirs auszuschalten, wie auch die Korruptionsvorwürfe rein politisch motiviert gewesen seien. Die Justiz in seiner Heimat habe ihn von allen Vorwürfen entlastet.

Nun hofft Nasser darauf, dass die Genfer Justiz seinen Cousin Ahmad endgültig in die Schranken weisen wird. Für diesen hat das laufende Strafverfahren bereits erhebliche Konsequenzen. Ende letztes Jahres suspendierte er seine Aktivitäten beim Olympischen Komitee bis auf weiteres. Aus dem Fifa-Exekutivrat hatte er sich schon 2017 zurückgezogen.

Der kuwaitische Scheich Nasser Mohammed hat der Universität Genf 2017 über eine Million Franken zukommen lassen. Das Geld floss an einen Lehrstuhl für ­Hydropolitik der Unesco sowie in einen Stipendienfonds für einen Studierendenaustausch zwischen den Universitäten in Genf und Kuwait.

Scheich Nasser betont gerne, er habe in den 60er-Jahren an dieser Universität studiert. Genauer, an der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Die Universität sagt auf Anfrage, sie könne nicht bestätigen, dass der Scheich in Genf einen Abschluss machte. «In der ersten Hälfte der 1960er-Jahre sind nicht alle erworbenen Abschlüsse registriert worden», führt Sprecher Gérard Cattaneo aus. Darüber hinaus könne man nicht ausschliessen, dass er aus Gründen der Vertraulichkeit und der Sicherheit unter falschem Namen studierte.

Ein Fest und eine Medaille

Die Millionenspende war auch in der Strafuntersuchung ein Thema, die die Genfer Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit dem Streit zwischen Scheich Nasser und seinem Cousin führt. Zum einen, weil der ermittelnde Staatsanwalt Stéphane Grodecki an der Universität Genf einen Lehrauftrag hat. Zum anderen, weil unklar ist, ob die Universität die Herkunft des Geldes überprüft hat, handelt es sich bei Scheich Nasser doch um eine sogenannt politisch exponierte Person (PEP).

Als ein Anwalt bei einer Einvernahme die Verflechtung von Grodecki mit der Universität ansprach, intervenierte Grodecki; dies habe mit der Strafuntersuchung nichts zu tun. Scheich Nasser wiederum strich seine Studienzeit heraus und betonte, die Universität habe nach der Spende Festivitäten zu seinen Ehren organisiert und ihm eine Medaille verliehen. Auf die Frage eines Anwalts, ob die Universität ihn wegen der Herkunft des Geldes befragte, sagte der Scheich, das wisse er nicht, es handle sich um ein humanitäres Projekt.

Universitätssprecher Cattaneo sagt, die Spender würden in einem zweistufigen Verfahren aufgrund der Kriterien einer Fundraising-Charta überprüft. Dazu gehörten mitunter Abklärungen zur Herkunft des Vermögens. Am Ende kontrolliere auch die Bank, welche die Geldspende auf das Konto der Hochschule transferiere, den Spender. Offenbar meldete niemand Bedenken an.

Der Genfer Stadtrat und Nationalrat Guillaume Barazzone (CVP) reiste im Oktober 2017 nach Kuwait, um sich bei Scheich Nasser persönlich für die Millionenspende zu bedanken. Seine Reise hatte ein Nachspiel, weil Barazzone der Stadt über 7000 Franken für die sechstägige Reise verrechnete, obschon ihm die Übernachtungen offeriert wurden. Genfs Stadtpräsident Sami Kanaan sagte: Diese Reise wäre nicht nötig gewesen. Bedankt hatte sich die Universität bei Scheich Nasser schon mit dem Fest und einer Medaille.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 19.03.2019, 21:39 Uhr

Umstrittene Millionenspende an die Uni Genf

Der kuwaitische Scheich Nasser Mohammed hat der Universität Genf 2017 über eine Million Franken zukommen lassen. Das Geld floss an einen Lehrstuhl für ­Hydropolitik der Unesco sowie in einen Stipendienfonds für einen Studierendenaustausch zwischen den Universitäten in Genf und Kuwait.

Scheich Nasser betont gerne, er habe in den 60er-Jahren an dieser Universität studiert. Genauer, an der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Die Universität sagt auf Anfrage, sie könne nicht bestätigen, dass der Scheich in Genf einen Abschluss machte. «In der ersten Hälfte der 1960er-Jahre sind nicht alle erworbenen Abschlüsse registriert worden», führt Sprecher Gérard Cattaneo aus. Darüber hinaus könne man nicht ausschliessen, dass er aus Gründen der Vertraulichkeit und der Sicherheit unter falschem Namen studierte.

Ein Fest und eine Medaille

Die Millionenspende war auch in der Strafuntersuchung ein Thema, die die Genfer Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit dem Streit zwischen Scheich Nasser und seinem Cousin führt. Zum einen, weil der ermittelnde Staatsanwalt Stéphane Grodecki an der Universität Genf einen Lehrauftrag hat. Zum anderen, weil unklar ist, ob die Universität die Herkunft des Geldes überprüft hat, handelt es sich bei Scheich Nasser doch um eine sogenannt politisch exponierte Person (PEP).

Als ein Anwalt bei einer Einvernahme die Verflechtung von Grodecki mit der Universität ansprach, intervenierte Grodecki; dies habe mit der Strafuntersuchung nichts zu tun. Scheich Nasser wiederum strich seine Studienzeit heraus und betonte, die Universität habe nach der Spende Festivitäten zu seinen Ehren organisiert und ihm eine Medaille verliehen. Auf die Frage eines Anwalts, ob die Universität ihn wegen der Herkunft des Geldes befragte, sagte der Scheich, das wisse er nicht, es handle sich um ein humanitäres Projekt.

Universitätssprecher Cattaneo sagt, die Spender würden in einem zweistufigen Verfahren aufgrund der Kriterien einer Fundraising-Charta überprüft. Dazu gehörten mitunter Abklärungen zur Herkunft des Vermögens. Am Ende kontrolliere auch die Bank, welche die Geldspende auf das Konto der Hochschule transferiere, den Spender. Offenbar meldete niemand Bedenken an.

Der Genfer Stadtrat und Nationalrat Guillaume Barazzone (CVP) reiste im Oktober 2017 nach Kuwait, um sich bei Scheich Nasser persönlich für die Millionenspende zu bedanken. Seine Reise hatte ein Nachspiel, weil Barazzone der Stadt über 7000 Franken für die sechstägige Reise verrechnete, obschon ihm die Übernachtungen offeriert wurden. Genfs Stadtpräsident Sami Kanaan sagte: Diese Reise wäre nicht nötig gewesen. Bedankt hatte sich die Universität bei Scheich Nasser schon mit dem Fest und einer Medaille.

Philippe Reichen

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