«Duschen ist für mich an der Uni unmöglich»

Ein Queer-Verein ist daran, die Geschlechternormen an den Zürcher Hochschulen zu sprengen. Zwei Studenten über ihr Leben als Transmann.

James Ackermann (l.): «Niemand sucht sich freiwillig aus, trans zu sein.» Der Umzug nach Zürich bot Alex T. die Chance auf einen Neuanfang. Foto: Urs Jaudas

James Ackermann (l.): «Niemand sucht sich freiwillig aus, trans zu sein.» Der Umzug nach Zürich bot Alex T. die Chance auf einen Neuanfang. Foto: Urs Jaudas

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Alex T.* trug bis vor kurzem einen weiblichen Vornamen. Dieser ist seit letztem Monat ausgelöscht – ETH-intern und zeitgleich auf dem Personalausweis aus Deutschland, seinem Heimatland. Die Erleichterung ist gross. «Jetzt muss ich meine Identität nicht mehr verstecken, endlich!», sagt er.

Der Maschinenbaustudent Alex ist Teil einer Gruppe von rund 25 Personen, die an der Hochschule viel erreichen wollen. Der studentische Verein Queer*z liess letzten Monat aufhorchen, weil er Bedingungen stellte, die massgeblich in die Hochschulstrukturen eingreifen würden. Es wäre das Ende der aktuell geltenden Geschlechterdefinition: weiblich und männlich. Konkret verlangt der Verein: genderneutrale WC in allen Hochschulgebäuden, genderneutrale Duschen im Sportbetrieb sowie die Einführung einer dritten Geschlechtsoption auf Uni-Dokumenten.

Im Zuge der aufstrebenden Queer-Bewegung ist das Thema Transgender so präsent wie nie. Die Bewegung surft auf einer Welle des Zeitgeists, ihre Anliegen werden gehört – auch an den Hochschulen. Der Verein hat durchaus Chancen, seine Anliegen durchzubringen. Ein Teil wurde schon umgesetzt: Bereits heute können Studierende auf ihrer Legi Name und Geschlecht ab­ändern.

Die Universität kündigt auf ­Anfrage an, dass in neuen Gebäuden genderneutrale Toiletten, Dusch- und Umkleidekabinen eingeplant seien. In einer aktuellen Petition wird gefordert, dies auch in bestehenden Gebäuden zu tun – über 500 Personen haben unterschrieben. An der ETH ist Queer*z auf höchster Ebene angelangt: Rektorin ­Sarah Springman traf sich im März mit dem Verein. Ein nächstes Treffen soll in diesem Monat stattfinden.

Bis zu 160 000 Transmenschen

Die Forderungen des Vereins lösen heftige Debatten aus, wie etwa ein Blick in die Onlinekommentare der letzten Medienberichte zeigt. Einige solidarisieren sich mit den Anliegen des Vereins und seinem Kampf gegen «diskriminierende Strukturen». Andere sind verärgert, fühlen sich provoziert. Eine Kommentatorin spricht von nur zwei Geschlechtern, entweder Penis oder Vagina.

Eine Ansicht, die als veraltet gilt. Früher dachten Sexualwissenschaftler und Psychologinnen zwar, dass Transmenschen eine Geschlechtsidentitätsstörung haben. Heute sind sich die Experten ­einig, dass trans eine eher seltene Normvariante ist, wie ein ­vierblättriges Kleeblatt. Seit einem Jahr gelten Transmenschen gemäss der Weltgesundheitsorga-nisation nicht mehr als psychisch krank.

Die Zahl der Transmenschen kann nur geschätzt werden. Bei einer Befragung von Zürcher Schülerinnen und Schülern gaben drei Prozent an, sich nicht mit dem Geschlecht zu identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugeordnet wurde. Das Transgender Network Switzerland (TGNS) geht von 40'000 bis 160'000 Transmenschen in der Schweiz aus. Davon würden sich längst nicht alle outen, heisst es bei TGNS auf Anfrage. Die Zahlen decken sich etwa mit Studien aus dem Ausland.

«Das war extrem befreiend»

Das Outing von Alex, Jahrgang 1999, Bachelorstudent, liegt erst ein gutes Jahr zurück. Bis dahin spielte er das Weiblichsein – allerdings eher schlecht als recht. Seine Freunde waren schon im Kindergarten überwiegend männlich. Er entwickelte früh eine Affinität fürs praktische Handwerk. Als seine ­Familie ein Haus baute, legte er selbst Hand an. Er verlegte Steine, verteilte Beton und kontrollierte anschliessend mit der Wasserwaage. «Schwester und Mutter arbeiteten in der Küche, während ich mich mit dem Vater um die Baustelle kümmerte», sagt Alex.

«Kinder sind grausam: Sie nutzen Schwachstellen aus und greifen an, was aus der Norm fällt.»Alex T. 
Maschinenbaustudent

Die Probleme kamen später, in der Pubertät: «Da entwickelten sich physische Merkmale, die mir unangenehm waren», sagt Alex. Er bevorzugte schon immer männliche Kleidung. Mit elf durfte er mit seiner Tante in der Kleider­abteilung für Jungs einkaufen. «Ab diesem Moment trug ich nur noch Bubenkleider. Das war extrem befreiend.»

Alex passte nicht ins gesellschaftlich anerkannte Raster. In der Schule wurde er gemobbt, es hagelte abfällige Bemerkungen. «Kinder sind grausam: Sie nutzen Schwachstellen aus und greifen an, was aus der Norm fällt», sagt Alex. Das gelte teilweise auch für Erwachsene: Als 12-Jähriger wurde er von einer Frau aus dem Kino-WC geworfen, weil er dort nichts zu suchen habe. Ab da vermied Alex, wann immer möglich, den Gang in öffentliche Toiletten.

Der Brief an die Eltern

Die Familie war seine grösste Stütze. «Ohne sie hätte ich meine Schulzeit nicht überstanden», sagt Alex. Damit verbunden war jedoch auch seine grösste Angst: Weil seine Eltern keine Berührungspunkte zum Thema hatten, war unklar, wie sie es aufnehmen würden. Der Umzug nach Zürich bot ihm die Chance auf einen Neuanfang. Er warf sich in sein ETH-Studium und vernetzte sich mit ­anderen Transmenschen. Das gab ihm die Stabilität, die er brauchte. Im Sommer 2018 schrieb er seinen Eltern einen langen Brief: «Ich bin transident und falls ihr das jetzt erst googeln müsst, das bedeutet in meinem Fall, dass ich mich schon immer als Junge bzw. Mann gefühlt habe. (. . .) Es gehört nun mal zu mir, wie meine blauen Augen, meine Sturheit und meine Liebe zu euch.» Die Eltern akzeptierten ihren Sohn.

Es folgte eine Hormontherapie, körperliche Veränderungen wurden sichtbar: «Das fühlte sich alles sehr richtig an», sagt Alex. Fortan setzt er sich mit anderen Transmenschen für mehr gesellschaftliche Akzeptanz ein – auch an den Hochschulen. Er traf auf Menschen wie den Biologiestudenten James Ackermann. Wie Alex engagiert auch er sich im Studierendenverein Queer*z.

Zum Beispiel für geschlechtsneutrale Duschkabinen. James Ackermann erzählt, dass er zwar als Mann gelesen werde, gewisse seiner Körperteile aber nicht. Das könne zu unangenehmen ­Situationen führen. «Duschen ist für mich an der Uni unmöglich.»

Hohe Suizid-Rate

Seine Stimme ist durch die Hormontherapie tiefer geworden, auf seinem Gesicht spriessen feine Bartstoppeln. Er befürwortet die Möglichkeit einer dritten Geschlechtsoption: «Wir haben einige nicht-binäre Transmenschen im Verein, die genau diese Geschlechts­option bräuchten.» Diese Möglichkeit besteht an den Zürcher Hochschulen – im Gegensatz zur Universität Luzern etwa – noch nicht.

«Der Leidensdruck vieler Transgender-Jugendlicher ist sehr gross.»Dagmar Pauli
Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsklinik Zürich

Es gibt Ärztinnen und Psychiater, die trans als Modeerscheinung und Zeitgeistphänomen bezeichnen. Dem widerspricht Dagmar Pauli, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsklinik Zürich. Sie glaubt nicht an ein Zeitgeistphänomen. «Der Leidensdruck vieler Transgender-Jugendlicher ist sehr gross», sagt sie. Die Rate von jungen Menschen mit Depressionen, Suizidalität und Selbstverletzungen sei bei Transmenschen in der Pubertät besonders hoch. Sie liege bei ungefähr 70 Prozent. «Warum sollten sich die Betroffenen diesem Leid wegen eines Trends aussetzen?», fragt Pauli.

«Niemand sucht sich freiwillig aus, trans zu sein», sagt James Ackermann. Doch er habe auch Positives erfahren. Zum Beispiel wisse er nun, wie er von der Gesellschaft behandelt werde – als Frau wie als Mann. Und dass es durchaus Unterschiede gebe. «Als Mann erhalte ich mehr Aufmerksamkeit, es werden mir mehr Kompetenzen zugesprochen», sagt Ackermann. Das sei im Grunde tragisch.

* Name der Redaktion bekannt

Erstellt: 04.11.2019, 17:04 Uhr

Kleines Lexikon: Queer, trans, inter

Als Queer bezeichnen sich alle Menschen, die ihre Identität als ausserhalb der gesellschaftlichen Norm ansehen. Eine Art Sammelbecken, in dem sich – je nach Selbstaussage – unter anderem Schwule, Lesben, Bisexuelle, Intersexuelle oder trans Menschen finden lassen.

Transgender ist ein Überbegriff für alle Menschen, die sich nicht mit dem ­Geschlecht identifizieren, dem sie bei der Geburt zugewiesen wurden. Transgender-Menschen können sich als männlich (trans Männer) oder weiblich (trans Frauen), aber auch als nicht binär identifizieren: ­Personen, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht ­zugehörig fühlen.

Intergeschlechtliche Menschen sind Menschen, deren körperliches Geschlecht (beispielsweise die Genitalien oder die Chromosomen) nicht der medizinischen Norm von «eindeutig» männlichen oder weiblichen Körpern zugeordnet werden kann, sondern sich in einem Spektrum dazwischen bewegt. (mrs)

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