Economiesuisse fürchtet sich vor «Grounding»

Ein Internetfilm gegen die Abzockerinitiative sorgt beim Wirtschaftsverband für Diskussionen. Er könnte kontraproduktiv sein, befürchten manche.

Soll für Economiesuisse den Teufel an die Wand malen: Regisseur Michael Steiner hat einen Film gegen die Abzockerinitiative gedreht. (22. Oktober 2008)

Soll für Economiesuisse den Teufel an die Wand malen: Regisseur Michael Steiner hat einen Film gegen die Abzockerinitiative gedreht. (22. Oktober 2008) Bild: Keystone

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Der Filmemacher Michael Steiner hat sich noch nie politisch engagiert – bis auf den Internetfilm, den er im Januar im Auftrag von Economiesuisse gedreht hat. Die dreieinhalbminütige Produktion soll vor den Gefahren der Abzockerinitiative warnen und tut dies mit den Stilmitteln der Ironie: Arbeitslosigkeit, Massenauswanderung, Verzweiflung, Reue – das wären die langfristigen Folgen bei Annahme der Initiative, so die Botschaft.

Anfang Woche hätte der Film – ein sogenannter Viral, der auf Social-Media-Kanälen und in Internetforen «virusartig» verbreitet wird – veröffentlicht werden und die jüngeren Stimmberechtigten mobilisieren sollen. Doch die Publikation wurde verschoben, laut Economiesuisse aus organisatorischen Gründen: «Weil Michael Steiner krank war, hat sich die Postproduktion verzögert», sagt Kampagnenleiterin Ursula Fraefel.

Richtig oder falsch gibt es nicht

Doch der Grund ist nicht nur die Grippe, die Steiner vergangene Woche ins Bett gezwungen hat. Auch Meinungsverschiedenheiten bei Economiesuisse verzögern die Lancierung. Recherchen des TA bestätigen einen entsprechenden Bericht der Zeitung «Sonntag». Es werde darüber diskutiert, ob die ironische Überzeichnung im Film kontraproduktiv im Sinne der Initiativgegner sei, sagt ein Involvierter, der Teile des Films gesehen hat. Er selber befürwortet die Publikation, weil damit eine Debatte angestossen würde, vor der sich niemand zu fürchten brauche. Ein «richtig oder falsch» gebe es bei künstlerischen Produktionen nicht.

Kampagnenleiterin Ursula Fraefel, die den Film in Auftrag gegeben hat, kommentiert die interne Auseinandersetzung nicht. Ob und wann der Film lanciert werde, kann sie nicht sagen. Unter Zeitdruck stehe man aber nicht; die dreieinhalb Wochen bis zum Urnengang am 3. März seien im Abstimmungskampf unter Umständen eine lange Zeit, sagt sie. «Der Internetfilm könnte auch im Schlussspurt im Abstimmungskampf eingesetzt werden.»

Das Schicksalsereignis

Für Michael Steiner ist die Situation neu: «Ich habe wenig Erfahrung mit Viralfilmen für politische Anliegen», sagt er auf Anfrage des TA. Er halte es aber für normal, dass ein polarisierender Film Ängste hervorrufe. Drei Konzeptvarianten hat er mit einem Co-Autor entwickelt und sich in Absprache mit Fraefel für eine Variante entschieden. Der Film, der mithilfe von 90 ungarischen Statisten in Budapest gedreht wurde, trägt den Titel «Grounding 2026»: In 13 Jahren geht die Schweiz demnach zugrunde, wenn sie der Initiative zustimmt.

Das Swissair-Grounding, das vor 12 Jahren die Schweiz erschüttert hatte und wenige Jahre später von Erfolgsregisseur Steiner verfilmt wurde, ist das Schicksalsereignis, das der Abzockerinitiative zugrunde liegt. Initiant Thomas Minder beruft sich auf die Airline-Pleite, die ihn als Zulieferer fast in den finanziellen Ruin getrieben habe. Michael Steiner hingegen ist der Ansicht, dass der letzte Swissair-CEO zu Unrecht als «Abzocker» verunglimpft worden sei. In Steiners Film «Grounding – Die letzten Tage der Swissair» kommt dieser gut weg. «Ein Ja zur Initiative wäre ein Wutentscheid. Man kann den sozialen Frieden nicht mit Eingriffen ins Aktienrecht dem Staat delegieren», sagt Steiner. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2013, 07:30 Uhr

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