Interview

«Economiesuisse sollte nicht politische Kampagnen fahren»

Karin Keller-Sutter wird voraussichtlich im Sommer in den Vorstand von Economiesuisse einziehen. Die FDP-Ständerätin über den Wirtschaftsdachverband, Nebenämter und die Krux der Berufspolitiker.

«Es wäre eher auffällig, wenn ich als Gewerkschaftspräsidentin kandidieren würde»: Ständerätin Karin Keller-Sutter (FDP).

«Es wäre eher auffällig, wenn ich als Gewerkschaftspräsidentin kandidieren würde»: Ständerätin Karin Keller-Sutter (FDP). Bild: Keystone

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Frau Keller-Sutter, bald sollen Sie im Vorstand des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse sitzen. Was sagen Sie dazu?
Diese Frage ist wohl noch etwas verfrüht. Damit es so weit kommt, muss ich im Juni erst noch zur Präsidentin des Detailhandelsverbands Swiss Retail Federation gewählt werden. Der Einsitz im Economiesuissevorstand würde dann von Amtes wegen erfolgen.

Ist Ihre Wahl nicht sowieso absehbar?
Ich empfinde es als Respektsbekundung gegenüber den Mitgliedern der Swiss Retail, dass ich mich auf solche Gedankenspiele nicht einlasse.

Falls Sie dereinst zum Vorstand der Economiesuisse gehören würden, welche Bedeutung hätte dieses Amt für Sie persönlich?
Gar keine Bedeutung. Ich bin und bleibe in erster Linie Ständerätin. Zudem würde ich, wenn überhaupt, als Präsidentin von Swiss Retail gewählt und nicht als Privatperson. Ich wäre einzig eine Branchenvertreterin. Nochmals: Der Entscheid ist der Generalversammlung der Swiss Retail im Juni zu überlassen.

Würden Sie dennoch versuchen, bei Economiesuisse Einfluss zu nehmen?
Ich mache mir da keine Illusionen. Bedenken Sie, dass der Vorstand der Economiesuisse aus 66 Personen besteht. Der Einfluss einer einzelnen Person wird da wohl beschränkt sein, der Vorstand ist ja nicht das Leitungsgremium.

Trotzdem: Was könnte die Economiesuisse nach all den Negativschlagzeilen besser machen?
In einem Punkt würde ich mich aus Überzeugung sicher einbringen: Ich bin der Meinung, ein Wirtschaftsdachverband sollte vor allem die Wirtschaft vertreten und nicht politische Kampagnen fahren.

Sie sprechen das Debakel bei der Abzocker-Initiative an.
Ich beziehe mich nicht auf ein konkretes Beispiel. Die Frage ist bloss, welche Prioritäten gesetzt werden.

Die Economiesuisse hat zurzeit mit einem Negativimage zu kämpfen. Besteht die Gefahr, dass dieses auf Ihre Person abfärbt?
Das denke ich nicht. Natürlich kann eine solche Wahrnehmung erzeugt werden. Wahrnehmung ist aber nicht dasselbe wie Realität. In St. Gallen kennt man mich als bodenständige und gradlinige Person. Ich würde meine Haltung auch im Vorstand der Economiesuisse nicht ändern.

Ein Einsitz bei der Economiesuisse wäre nicht Ihr erstes Nebenamt.
Ich habe bei weitem nicht so viele Ämter wie gewisse männliche Parlamentskollegen. Meine Ämterzahl ist im Rahmen des Milizsystems absolut angemessen.

Dennoch sind Sie gut vernetzt. Welche Vorteile ergeben sich daraus?
Die Vorteile liegen auf der Hand: Man kann über Realitäten sprechen, die man selber erfährt. Leute, die nur politische Mandate haben, haben teilweise keinen Bezug zur wirtschaftlichen Realität. Sie setzen sich nicht mit der Arbeitsmarktthematik oder Mitarbeiterproblemen auseinander.

Sie tun das?
Natürlich. Zu meiner Zeit als Regierungsrätin in St. Gallen war ich stets auch an der Front. Ich habe die Probleme der Leute erkannt und konnte sie in den politischen Diskurs einbringen. Berufspolitiker hingegen sind von der Lebensrealität grösstenteils abgekoppelt.

Verstehen Sie die Leute, die sich fragen: Wie kann man bei solchen Ämtern als Politikerin unabhängig bleiben?
Ja. Ich verstehe, dass man von aussen das Gefühl haben kann, die politische Unabhängigkeit könnte leiden. Ich denke jedoch, dass kein Mensch total wertfrei ist. Jeder und jede bringt Wertehaltungen aus dem Beruf und dem persönlichen Umfeld mit und ist irgendwo eingebettet. Ich wuchs in einem Gewerbebetrieb auf und das Gewerbe im Allgemeinen ist mir nah. Es wäre eher auffällig, wenn ich als Gewerkschaftspräsidentin kandidieren würde.

Vor kurzem bestritten Sie aber in der «Arena» Ihre Nähe zur Wirtschaftslobby.
Ich sprach in der Sendung ein ganz konkretes Problem an: Die Wirtschaftslobbyisten, die man teils nur schwer auf Distanz halten kann. Grundsätzlich bin ich jedoch als Bürgerliche ohnehin wirtschaftsfreundlich, genauso wie Linke gewerkschaftsfreundlich sind. Dass die Positionen der bürgerlichen Parteien meistens mit denen der Wirtschaftsverbände übereinstimmen, ist ja kein Zufall.

Haben Sie nicht Angst, wegen Ihrer Ämter eines Tages gar nichts mehr bewegen zu können?
Nun, dann könnten ja die meisten Parlamentarier nichts bewegen. Viele nehmen Mandate und Ämter wahr und bringen diese gekonnt mit ihrer politischen Tätigkeit unter einen Hut.

Erstellt: 03.04.2013, 14:22 Uhr

Zur Person

Die FDP-Politikerin Karin Keller-Sutter wurde 2011 in den Ständerat gewählt. Zuvor war sie als Regierungsrätin in St. Gallen tätig. Bei den Bundesratsersatzwahlen im Jahr 2010 wurde sie nicht gewählt.

Keller-Sutter gilt als ausserordentlich gut vernetzt. Neben verschiedenen Stiftungsratsmandaten ist sie im Vorstand des Detailhandelsverbandes Swiss Retail Federation und im Verwaltungsrat der NZZ.

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