Economiesuisse verärgert selbst bürgerliche Politiker

Der Wirtschaftsverband soll 300'000 Franken in einen Film gegen die Abzockerinitiative gesteckt haben – ein Projekt, das auch in den eigenen Reihen nicht nur Unterstützer findet.

Pokert Economiesuisse zu hoch? Pascal Gentinetta Bührer bei einer Medienkonferenz in Bern.

Pokert Economiesuisse zu hoch? Pascal Gentinetta Bührer bei einer Medienkonferenz in Bern. Bild: Keystone

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Geld allein macht nicht glücklich – eine Erfahrung, die derzeit auch Economiesuisse machen muss. In der Millionenkampagne gegen die Abzockerinitiative scheint der Wirtschaftsverband von einem Fettnäpfchen ins nächste zu treten. Nachdem Economiesuisse die Kommunikationsagentur zurückpfeifen musste, die bezahlte Zeitungs- und Onlinekommentare gegen die Abzockerinitiative ansetzen wollte, sorgt nun auch ein Filmprojekt für Aufsehen.

Bomben und Bürgerkrieg

Ein dreieinhalbminütiger Film des «Grounding»-Regisseurs Michael Steiner sieht im Falle einer Annahme der Abzockerinitiative schwarz für die Schweiz: Im Clip gehört die Westschweiz dann zu Frankreich, in der Deutschschweiz wütet ein Bürgerkrieg, auf das Bundeshaus fallen Bomben nieder und Basel steht in Schutt und Asche. Der Werbefilm, der angeblich rund 300'000 Franken gekostet haben soll, wurde bis heute noch nicht ausgestrahlt – dabei bleiben vor dem Abstimmungstermin keine drei Wochen mehr.

Sogar innerhalb des Wirtschaftsverbands scheint man sich nicht ganz einig zu sein. Economiesuisse-Direktor Pascal Gentinetta musste zwar eingestehen, dass eine Spaltung der Schweiz wohl etwas «übertrieben» sei, sprach aber in der «SonntagsZeitung» von «Künstlerfreiheit» des Regisseurs. Der in Zürich wohnhafte Genfer hätte bestimmt gerne auf diese neue Polemik verzichtet: Seit Wochen versucht Gentinetta, die entfachten Brände zu löschen.

«Das ist geschmacklos»

Auch im bürgerlichen Lager, wo man den Gegenvorschlag der Abzockerinitiative vorzieht, steht man dem teuren Filmprojekt kritisch gegenüber. «Economiesuisse setzt wegen eines Gesetzesvorschlags den nationalen Zusammenhalt der Schweiz aufs Spiel. Das ist geschmacklos», bedauert die Sankt Galler CVP-Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz. Gleicher Meinung ist auch CVP-Präsident Christophe Darbellay: «Wenn dieser Clip, den ich selbst noch nicht gesehen habe, wirklich die Spaltung der Schweiz darstellt, dann ist das albern und kontraproduktiv.»

Inzwischen scheinen auch die bürgerlichen Parteien von einem Sieg Thomas Minders am 3. März auszugehen. «Economiesuisse macht eine sehr schlechte Kampagne», meint die Genfer SVP-Nationalrätin Céline Amaudruz. «Die Wählerinnen und Wähler wollen einfache und klare Informationen. Hier fehlt es an Emotionen, der Gegenvorschlag ist überhaupt nicht bekannt.» Ein FDP-Politiker, der lieber anonym bleiben wollte, geht mit seiner Kritik sogar noch weiter: «Economiesuisse dachte, dass es reichen würde, einen Haufen Geld auszugeben. Dabei klingt nichts authentisch, weil der Verband selbst nicht vom Gegenvorschlag überzeugt ist – und das merkt man auch.» Kommunikationsexperte und FDP-Nationalrat Fathi Derder sieht die Kampagne gegen die Abzockerinitiative als klassisches Beispiel eines «asymmetrischen Kampfes»: «Indem er sagte, er würde keinen Rappen für die Kampagne ausgeben, hat Thomas Minder die erste Runde ganz klar gewonnen.»

Geld allein reicht nicht

Cristina Gaggini, Direktorin des Westschweizer Economiesuisse-Büros, geht derweil in die Defensive: «Wir wissen, dass diese Abstimmung nur schwer zu gewinnen ist. Es ist ein wenig wie bei der Minarettinitiative: Die Minder-Initiative kennt man seit fünf Jahren, den Gegenvorschlag hingegen nicht. Um zu gewinnen, reicht Geld allein nicht aus. Hier braucht es die aktive Unterstützung der Parteien und des Bundesrats.»

Im linken Lager sieht man den Wirtschaftsverband in äusserster Bedrängnis und die Minder-Initiative am 3. März auf der Gewinnerseite: «Die Darstellung einer gespaltenen Schweiz, wie es im Film der Fall ist, ist grotesk. Aber wenn Economiesuisse Geld zum Fenster rauswerfen will, ist das ihr Problem», erklärte der Waadtländer SP-Nationalrat Jean-Christophe Schwab. Über die Veröffentlichung der Films will Economiesuisse noch diese Woche entscheiden.

(Übersetzung und Bearbeitung: cor)

Erstellt: 12.02.2013, 10:29 Uhr

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