Egerszegi und ihre Partei gehen wieder einmal getrennte Wege

Christine Egerszegi ist der Motor der Jugendmusikförderung, über die wir bald abstimmen. Bisher ist nur eine Partei dagegen – ihre eigene. Das ist typisch für die Aargauerin und die FDP.

Ständerätin Egerszegi: Dort stehe die Partei im Hintergrund, sagt sie. «Das entspricht mehr meiner Art.» (Bild vom 16. August 2012)

Ständerätin Egerszegi: Dort stehe die Partei im Hintergrund, sagt sie. «Das entspricht mehr meiner Art.» (Bild vom 16. August 2012) Bild: Keystone

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68 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer stehen laut SRG-Umfrage hinter dem Verfassungsartikel, der Bund und Kantone zum Fördern der Jugendmusik verpflichten will. Gegner sind nur wenige auszumachen. Kaum einer will öffentlich antreten gegen die Blasmusiker, Jodler und Sänger. Wenn nicht alles täuscht, kann also Christine Egerszegi am 23. September einen grossen politischen Sieg feiern. Die ehemalige Leiterin einer Musikschule hat die Diskussion um die Jugendmusikförderung lanciert, trieb eine entsprechende Volksinitiative voran und präsidiert nun die Interessengemeinschaft «Jugend und Musik». Diese führt den Abstimmungskampf für den Verfassungsartikel, den das Parlament nur leicht abgeändert hat.

Die FDP könnte sich im Erfolg ihrer Aargauer Ständerätin sonnen. Tut sie aber nicht. Stattdessen haben die Freisinnigen – als bisher einzige Partei – die Nein-Parole beschlossen. Zwar stimmten ihre National- und Ständeräte im Parlament noch grossmehrheitlich für das Fördern der Jugendmusik. Doch die Parteileitung überliess die Parole den Kantonalpräsidenten. Und diese waren ebenso grossmehrheitlich dagegen. «Gschämig» findet das Egerszegi. Sie selbst wurde vor dem Entscheid nicht angehört. Sie wusste nicht einmal, dass die Kantonalpräsidenten darüber befinden. Ihr wäre es lieber gewesen, wenn eine Delegiertenversammlung entschieden hätte: «Schliesslich geht es um ein Anliegen, das von der Basis her kommt.»

Alltags- statt Parteipolitikerin

Es ist nicht das erste Mal, dass Egerszegi und ihre Partei getrennte Wege gehen. Die Aargauerin befürwortet unter anderem das Offenlegen von Parteispenden und eine Einheitskrankenkasse. Auch scheute sie einst nicht davor zurück, den damaligen FDP-Präsidenten Gerold Bührer öffentlich aufzufordern, er solle sich zwischen seinem Verwaltungsratsmandat beim Lebensversicherer Swiss Life und dem Parteipräsidium entscheiden. Das sah die FDP nicht gerne. Doch wenig später trat Bührer als Parteipräsident tatsächlich zurück.

«Sie ist sehr unabhängig und den eigenen Überzeugungen verpflichtet», sagt der Zürcher FDP-Ständerat Felix Gutzwiller über seine Aargauer Partei- und Ratskollegin. Über Egerszegis Pult hängt seit Jahren ein chinesisches Sprichwort: «Wer sich nach allen Seiten verneigt, stösst überall mit dem Hintern an.» Das soll Egerszegi nicht passieren. Sie tut, was sie selbst für richtig hält, und richtet sich nicht nach Parteiparolen. Vielmehr orientiert sie sich an ihren eigenen Erfahrungen im Alltag.Eine solche Erfahrung ist auch der Grund, weshalb die einstige Französischlehrerin mit Gesangsausbildung in die Politik eingestiegen ist. Egerszegi war 34 Jahre alt, als sie sich an ihrem Wohnort Mellingen überreden liess, das Präsidium der regionalen Musikschule zu übernehmen. Sechs Wochen nach ihrer Amtsübernahme passierte es: Eine Flötenlehrerin musste zur Unterleibsoperation ins Spital. Für den Lohn ihrer Stellvertreterin hatte die Frau selbst aufzukommen, was Egerszegi empörte. Sie ersuchte die Schulpflege um minimale Sozialleistungen. Erfolglos. Auch der Stadtrat von Mellingen lehnte das Gesuch ab und schrieb: «Weil es bisher so gut funktioniert hat, lassen wir es, wie es immer war.» Dieser Satz hat Egerszegi in die Politik katapultiert.

Grosses Parteileibchen gesucht

Ihr 22 Jahre älterer Gatte Lajos – 1956 aus Ungarn geflüchtet und damals Ingenieur bei Brown Boveri – machte Egerszegi klar: «Wenn du etwas bewegen willst, musst du ein Parteileibchen tragen.» Er selbst war damals bereits FDP-Mitglied. So besuchte Gattin Christine eine Versammlung der Freisinnigen und erachtete deren Konfektion als passend: «Das FDP-Leibchen liess damals viel Platz», erinnert sich Egerszegi. Die Frage, ob sie auch heute noch der FDP beitreten würde, möchte sie lieber nicht beantworten.

Für die Freisinnigen wurde Egerszegi zum Zugpferd. Trotz ihres ungarischen Namens schaffte sie jede Volkswahl – 1985 in die Mellinger Schulpflege, 1989 in den Aargauer Grossen Rat, 1990 in den Mellinger Stadtrat, 1995 in den Nationalrat, 2007 in den Ständerat.Nichts deutete bei ihrem Einzug ins nationale Parlament auf mangelnde Linientreue hin. «Ich definierte ja die Linie», schmunzelt Egerszegi. Die FDP war von der Neo-Nationalrätin derart angetan, dass sie diese zur freisinnigen Leaderin in der Sozial- und Gesundheitspolitik ernannte. So mahnte Egerszegi zum Sparen bei der AHV und kämpfte vehement gegen die Mutterschaftsversicherung. Die «Frau fürs Grobe», schrieb damals die linke «Wochenzeitung» (WoZ), verfolge praktisch nur ein Ziel: den Abbau des Sozialstaats. «Konsequent verteidigt sie die Interessen der Privilegierten und zementiert damit die männlich dominierte Schweizer Klassengesellschaft», monierte das Blatt 1999.Sie sei damals zu Unrecht in die Hardliner-Schublade gesteckt worden, findet Egerszegi heute. Das ist wohl richtig. Ganz ohne ihr Zutun erfolgte dies aber nicht. In erster Linie besprach sich die Freisinnige damals mit dem Arbeitgeberverband. Später suchte sie auch den Kontakt zu den Gewerkschaften und vor allem zu Leuten an der Front.

Froh um Bundesrat-Nichtwahl

Ihre Funktion als sozialpolitische Leaderin der Partei legte Egerszegi nach einer Auseinandersetzung um die Finanzierung der Invalidenversicherung (IV) nieder. Fast gleichzeitig machte sie sich an ein Projekt, das sie heute als ihren grössten politischen Erfolg bezeichnet: die Revision des Pensionskassen-Gesetzes. Als Präsidentin der zuständigen Subkommission sorgte sie dafür, dass die zweite Säule auf kleinere Löhne ausgedehnt und die Lebensversicherungen zu mehr Transparenz verpflichtet wurden.

Ihre Unerschrockenheit gegenüber den Versicherern kam in der eigenen Partei schlecht an. Sie sei damals «fast gelyncht» worden, erzählt Egerszegi. Die Linken hingegen fanden plötzlich Gefallen an ihr und hätten sie 2003 gerne in den Bundesrat gewählt. Doch Kandidatin Egerszegi schaffte es parteiintern nicht aufs Ticket. «Im Nachhinein bin ich froh darum», sagt sie. Wenig später erkrankte ihr Mann schwer. Er musste sich mehreren Hirnoperationen unterziehen und starb 2004.Statt Bundesrätin wurde Egerszegi im Dezember 2006 Nationalratspräsidentin und damit formell höchste Schweizerin. Ein Jahr später wechselte sie in den Ständerat. «Die kleine Kammer entspricht mehr meiner Art, nach Lösungen zu suchen», sagt sie. Die Partei stehe dort im Hintergrund. Die Aargauerin wird denn auch parteiübergreifend gelobt. «Sie ist grundseriös und kann gut mit Andersdenkenden umgehen», sagt This Jenny (SVP). «Sie ist eine Politikerin mit Herz und Seele, die etwas bewegen will», charakterisiert Felix Gutzwiller (FDP). Und Pascale Bruderer (SP) findet Egerszegi «als Kollegin und Mensch grossartig». Sie sei hilfsbereit, offen und nie missgünstig, was im Parlament nicht selbstverständlich sei.

Zu wenig umstritten für «Arena»

Negatives war bei den Ratskollegen nicht in Erfahrung zu bringen. Stattdessen ist Gutzwiller aufgefallen, wie clever Egerszegi Allianzen schmiedet: «Sie hat das Jugendmusikanliegen gut orchestriert.» Nun tritt die 64-Jährige Abend für Abend an Veranstaltungen auf, um das Volk zum Ja-Stimmen zu bringen. Vor allem SVP-Wähler will sie von der Jugendmusikförderung überzeugen.

Der SVP-Zentralvorstand dürfte am Freitag wie die FDP die Nein-Parole beschliessen. Silvia Baer, stellvertretende SVP-Generalsekretärin, geht aber davon aus, dass es an der Basis anders aussieht. Hier werden die Jodler und Blasmusiker wohl für ein Ja sorgen. Die SVP verzichtet denn auch auf eine Kampagne – genauso wie die FDP.

Egerszegi freut sich, dass wenigstens ihre eigene Aargauer Kantonalpartei gestern Abend die Ja-Parole beschlossen hat. Und sie hofft, dass ihre nationalen Parteikollegen nun gegen sie antreten – etwa in der «Arena» oder im «Club» des Schweizer Fernsehens. Sie hofft jedoch vergebens. Das Fernsehen plant nämlich keine Diskussionssendung zur Jugendmusikvorlage. Diese sei, sagt Marianne Gilgen von der «Arena»-Redaktion, zu wenig umstritten.

Erstellt: 24.08.2012, 13:44 Uhr

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