Ehe light

Auch heterosexuelle Paare sollen ihre Partnerschaft eintragen lassen können. Die GLP geht von einer grossen Nachfrage aus. Zu Recht?

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Homosexuelle Paare sollen heiraten dürfen. Dieser Meinung ist nicht nur die Mehrheit der Parteien, sondern auch der Bevölkerung, wie zwei aktuelle Umfragen zeigen. Sogar Wähler konservativer Parteien befürworten demnach, dass die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert werden soll.

Diese Grundhaltung schlägt sich zurzeit politisch nieder: Simonetta Sommarugas Justizdepartement brütet über einer Reform des Familienrechts, die CVP verheddert sich mit einer allzu traditionellen Definition des Ehebegriffs – und die Grünliberalen wollen eine «Ehe für alle» schaffen. Ihre parlamentarische Initiative, die letzte Woche von der Rechtskommission des Nationalrats angenommen wurde, will zum einen gleichgeschlechtlichen Paaren die Eheschliessung ermöglichen. Zum anderen soll die bisher für Schwule und Lesben vorgesehene eingetragene Partnerschaft auch heterosexuellen Paaren offen stehen – eine Änderung, die angesichts der politischen Sprengkraft der Homo-Ehe weniger im Fokus steht.

Vorbild Frankreich

Dabei wäre der Kreis der Betroffenen ungleich grösser: Jedes heterosexuelle Paar müsste sich künftig überlegen, ob es im Konkubinat leben, traditionell heiraten oder seine Partnerschaft eintragen lassen möchte. Doch wie gross ist die Nachfrage nach einer solchen rechtlichen Neugestaltung überhaupt? GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy geht davon aus, dass eine Institution zwischen der traditionellen Ehe und dem nicht registrierten Konkubinat einem grossen Bedürfnis entspricht: «Viele Paare haben heute zwar gemeinsame Kinder, wollen aber nicht heiraten. Im Fall einer Trennung ist jene Person finanziell benachteiligt, die mehrheitlich den Nachwuchs betreut hat.» Wichtig sei deshalb, dass zum Beispiel die hälftige Aufteilung von Pensionskassengeldern vertraglich vereinbart werden könne, so Bertschy. Eine eingetragene Partnerschaft sei ein angemessenes rechtliches Fundament dafür.

Darüber hinaus will sich die GLP noch nicht festlegen, wie eine solche «Ehe light» konkret ausgestaltet würde. Als Vorbild sieht die Partei Frankreich: Dort steht der Pacs (pacte civil de solidarité) allen Paaren offen – unabhängig von deren sexueller Orientierung. Dieser zivile Solidaritätspakt, der beispielsweise die Gütergemeinschaft oder günstigere Erbbestimmungen regelt, ist seit der Einführung im Jahr 1999 sehr beliebt. 95 Prozent der Paare, die eine solche eheähnliche Form des Zusammenlebens eingehen, sind heterosexuell.

Nachfrage nach Konkubinatsverträgen

Während die GLP von einer grossen Nachfrage nach dem neuen Partnerschaftsmodell ausgeht, sind die für die Eheschliessung zuständigen Instanzen zurückhaltender. «Das ist schwierig zu beurteilen, weil es diese Möglichkeit für Heterosexuelle bisher nicht gibt. Paare, für die eine Heirat nicht infrage kommt, interessieren sich häufiger für einen Konkubinatsvertrag», sagt Roland Peterhans, der Präsident des Schweizerischen Verbands für Zivilstandswesen. Im Unterschied zu einer eingetragenen Partnerschaft handelt es sich dabei um einen gesetzlich unverbindlichen Vertrag, der das Zusammenleben und finanzielle Fragen regelt.

Würde die eingetragene Partnerschaft auch für Heterosexuelle institutionalisiert, wären die Differenzen zur traditionellen Ehe gemäss Peterhans nicht gross. «Die beiden Institutionen haben sich einander rechtlich angenähert. Unterschiede bestehen jedoch in Bezug auf das Adoptionsrecht, die erleichterte Einbürgerung oder die Gütergemeinschaft.»

Die politische Debatte über die Definition der Ehe sieht Peterhans als Antwort auf veränderte Realitäten: «Vor noch nicht allzu langer Zeit war es Paaren verboten, ohne Trauschein zusammen zu wohnen. Heute ist die Patchwork-Familie eine weit verbreitete Form des Zusammenlebens. Da ist es verständlich, dass neue rechtliche Grundlagen diskutiert werden, die nicht die Verbindlichkeit einer Ehe haben.»

Kirchen haben noch keine Meinung

Dürften in Zukunft Heterosexuelle ihre Partnerschaft eintragen lassen, müssten sich auch die Kirchen überlegen, wie sie damit umgehen würden. Im Moment haben sie dazu noch keine konsolidierte Haltung, wie es in beiden Landeskirchen heisst. «Wir haben diese Frage noch nicht diskutiert und können daher zum jetzigen Zeitpunkt keine Stellung nehmen», sagt etwa Walter Müller, der Sprecher der Bischofskonferenz. Und Anne Durrer, Kommunikationsbeauftragte des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds, meint: «Bei unseren Mitgliedkirchen herrschen unterschiedliche Vorstellungen zum Thema Ehe, Partnerschaft und Familie. Das Thema der eingetragenen Partnerschaften wurde intern jedoch nicht diskutiert.»

Matthias Koller Filliger von der Fachstelle Partnerschaft – Ehe – Familie des Bistums St. Gallen begleitet heiratswillige Paare mit Ehevorbereitungskursen. Er sagt: «Die meisten Hochzeitspaare wollen mit ihrer Trauung ein öffentliches Zeichen setzen und mit der Ehe ihre Beziehung stärken. Wenn eine eingetragene Partnerschaft die gleiche Absicht hat, ist es sinnvoll, diesen Vorschlag zu diskutieren.»

Für Koller Filliger ist eine Diskussion darüber, was die Ehe ist und was sie künftig sein soll, in Zeiten veränderter Partnerschaften dringend nötig. Doch er fragt auch: «Was würde die Ehe noch auszeichnen, wenn es zusätzlich die ‹Ehe light› gäbe? Was soll die moderne Idee der Ehe sein? Solche Aspekte müssen geklärt werden.» Die ursprüngliche Intention einer Ehe – die Familie zu schützen und zu stärken – stehe bei vielen heiratswilligen Paaren nicht mehr im Vordergrund. Aber die langfristige Verbindlichkeit entspreche nach wie vor der Sehnsucht vieler Menschen, so Koller Filliger. «Das berücksichtigt die katholische Kirche, indem sie die Ehe als eines der sieben Sakramente besonders gewichtet.»

Erstellt: 23.02.2015, 16:39 Uhr

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