«Ehrverletzend, primitiv und ausserhalb jeder Rationalität»

Der Schweizerische Gewerbeverband stellt Nationalrat Bastien Girod als Terroristen dar – und kassiert dafür scharfe Kritik.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn der Schweizerische Gewerbeverband (SGV) provoziert, dann richtig: Der Verband unter der Leitung des FDP-Nationalrats Hans-Ulrich Bigler verbreitete gestern Dienstag ein Bild, auf dem Nationalrat Bastien Girod (Grüne, ZH) als Terrorist dargestellt wird – breit grinsend mit Turban auf dem Kopf und Bazooka auf der Schulter. Im Tweet heisst es dann: «Anschlag der Grünen auf die Schweiz.» In den sozialen Medien baute sich anschliessend ein mittelstarkes Gewitter gegen den Gewerbeverband auf.

Die Grünen selbst kritisieren diese Methoden heute Mittag in einem offenen Brief an den Gewerbeverband scharf. Girod als Taliban darzustellen und ihm die Planung eines kriegerischen Anschlages auf die Schweiz zu unterstellen, sei «ehrverletzend, primitiv und ausserhalb jeder politischen Rationalität». Die Grünen fordern den SGV auf, auf «persönliche Diffamierungen, Hetze und beleidigende Unterstellungen zu verzichten und auf den Boden der Argumente zurückzukehren». Unterzeichnet wurde der Brief von der gesamten Parteileitung der Grünen, mit Ausnahme von Girod selbst. Auch auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet verzichtet er darauf, die Provokation des SGV zu kommentieren.

«Mit Terrorismus gedroht»

Das Taliban-Bild war eine Antwort auf ein Kampagnen-Video, das Girod kurz nach der Ausstrahlung des TV-Spektakels «Terror» von Ferdinand von Schirrach veröffentlichte. Der Kurzfilm stellt die Atomkraftwerke als mögliches Ziel von Terroristen dar. Das Fazit: Keines der Schweizer AKW wäre gegen den Absturz eines Passagierflugzeugs gewappnet. Allerdings ist auch der Clip kein Schulbuch-Beispiel sachlicher Informationsvermittlung. Er ist mit Endzeit-Musik unterlegt und mit markigen Zitaten gespickt («Millionen von Menschen müssten ihre Heimat verlassen.»; «Da käme die Luftwaffe zu spät»). Der Film wurde etwa von Nationalrat Thomas Hurter (SVP, SH) auf 20min.ch als «pure Angstmacherei» kritisiert.

Aus Sicht des SGV-Präsidenten und FDP-Nationalrats Hans-Ulrich Bigler haben die Grünen damit nicht etwa auf eine reale Gefährdung hingewiesen, sondern selbst «mit Terrorismus gedroht». Auf Anfrage sagt er: «Wer dem Souverän mit Terror droht, darf sich nicht wundern, wenn die Reaktion darauf pointiert ist.» Weiterführende Fragen, etwa wie dieser Stil bei den Mitgliedern des SGV ankomme, liess Bigler unbeantwortet. Offen bleibt auch, warum die Befürworter des Nachrichtendienstgesetzes, die ebenfalls mit Terrorgefahr argumentierten, von den Photoshop-Künsten des SGV verschont blieben.

Wenig später verschickt der SGV eine Replik auf den offenen Brief der Grünen: Die Kampagnenleitung spiele mit den Gefühlen und Ängsten der Bevölkerung und missbrauche die Bedrohung durch Terrorismus in Europa für die eigene Kampagne. «Solche Einschüchterungsversuche werten wir als Angriff auf die demokratischen Werte der Schweiz, was wir scharf verurteilen», heisst es im Brief, der von Bigler und Ständerat Jean-René Fournier (CVP, VS) unterzeichnet ist.

Der SGV-Stil

Es ist nicht das erste Mal, dass der Gewerbeverband seine politischen Gegner verunglimpft. Bereits in dieser Kampagne wurde ein Tweet mit einer entstellenden Fotomontage mit der Grünen-Präsidentin Regula Rytz illustriert.

Letztes Jahr druckte der Gewerbeverband in der Gewerbezeitung (Auflage: 2,5 Millionen) einen Comic ab, in welchem der SRG-Direktor Roger de Weck und Medienministerin Doris Leuthard (CVP) einem TV-Zuschauer eine 1000er-Note aus dem Portemonnaie stehlen – und dabei so unvorteilhaft wie möglich dargestellt werden. Die Kampagne gegen das RTVG wurde ausserdem mit einer Zeichnung illustriert, auf der eine mit Billag beschriftete Mausefalle die Finger einer menschlichen Hand zur Hälfte abtrennte. Schon damals perlte jegliche Kritik an Bigler ab: Er zeige nur auf, was bei einem Ja zur Initiative passiere.

Erstellt: 19.10.2016, 14:51 Uhr

Umfrage

Ging der Gewerbeverband diesmal zu weit?





Artikel zum Thema

Mit abgehackten Fingern und dem schielenden de Weck gegen die SRG

Im Kampf für und vor allem gegen ein neues Radio- und TV-Gesetz gibt es kein Halten mehr: In der Abstimmungszeitung des Gewerbeverbands wird es jetzt sogar blutig. Mehr...

Pro oder Kontra – so fasst der «Tages-Anzeiger» seine Positionen

Service public, Nachrichtendienst, Atomausstieg: Wir sagen, weshalb die TA-Redaktion für oder gegen eine Abstimmungsvorlage ist – und was geschieht, wenn wir uns nicht einig sind. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Wie zahlen sich Investitionen in Analytics und KI aus?

Analytics und künstliche Intelligenz (KI) stehen bei vielen Unternehmen oben auf der Agenda. Das bedeutet aber nicht, dass die Investitionen auch zu einem geschäftlichen Mehrwert führen.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...