Hintergrund

Ein Aussenseiter seines Fachs

Christoph Mörgeli prägt wie kein anderer das Bild der Medizinhistoriker in der Schweiz. Doch dieses Bild trügt. Nachdem der SVP-Politiker von seinem Chef kritisiert wurde, legen nun Fachkollegen nach.

«Da lacht doch die ganze Nation»: Christoph Mörgeli in seinem Medizinhistorischen Museum.

«Da lacht doch die ganze Nation»: Christoph Mörgeli in seinem Medizinhistorischen Museum. Bild: Sabina Bobst

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Die meisten Schweizerinnen und Schweizer kennen – wenn überhaupt – nur einen Medizinhistoriker: Christoph Mörgeli. Das kontrastiert mit der Bedeutung, die man ihm unter den Medizinhistorikern selbst zumisst. «Wir nehmen Herrn Mörgeli nicht als aktives Mitglied unseres Fachs wahr», sagt Prof. Hubert Steinke, Direktor des Instituts für Medizingeschichte an der Uni Bern. Genauso sieht es Prof. Vincent Barras, der das Medizinhistorische Institut der Uni Lausanne leitet. Er habe noch nie direkt mit Christoph Mörgeli zusammengearbeitet. Auch sei der Zürcher Titularprofessor und Museums-Konservator in den wissenschaftlichen Debatten nicht präsent.

Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass Mörgeli in den letzten zehn Jahren nichts in der Schweizer Fachzeitschrift für Medizinhistoriker namens «Gesnerus» publiziert hat. Diese wird von den Chefredaktoren Barras und Steinke geleitet und lässt angebotene Artikel von externen Experten anonym begutachten. Auch in anderen international anerkannten wissenschaftlichen Zeitschriften habe Mörgeli in den letzten zehn Jahren nicht publiziert, sagen die beiden Professoren.

«Keine politischen Debatten»

Das interessiere ihn auch nicht sonderlich, entgegnet Mörgeli: «Ich bin kein wissenschaftlicher Netzwerker und auch kein Sozialhistoriker. Das ist eine linksgerichtete Schule.» Vor gut sieben Jahren versuchte der Zürcher Titularprofessor trotzdem, einen Artikel im «Gesnerus» zu platzieren. Ohne Erfolg. Das habe ihn sehr geärgert, sagt Mörgeli. Der Artikel «Ein Lehrstuhl für die Rassenhygiene? Zur Neubesetzung der Zürcher Hygiene-Professur 1934–1936» erschien dann im «Zürcher Taschenbuch 2005». Diese Publikationsreihe ist unter den Medizinhistorikern allerdings nicht wissenschaftlich anerkannt.

Für Mörgeli ist klar, dass er aus politischen Gründen geschnitten wird. Barras und Steinke hingegen winken ab: Da die Artikel anonym begutachtet würden, könne dies gar keine Rolle spielen. Das politische Engagement des SVP-Nationalrats sei auch nicht der Grund für seine Isolation unter den Fachkollegen. «Wir führen keine politischen Debatten, sondern haben genügend interessante wissenschaftliche Herausforderungen», sagt Steinke.

Generationenwechsel im Fach

Mörgeli weist jedoch darauf hin, dass vor seiner Wahl in den Nationalrat durchaus Artikel von ihm im «Gesnerus» erschienen seien. Er war gar Sekretär der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften (SGGMN), welche die Zeitschrift herausgibt. Damals habe man eben noch weniger professionell gearbeitet und Artikel nicht nach international gültigen Standards extern begutachten lassen, erklärt Barras.

Seither hat das Fach einen Generationenwechsel erlebt. Der historische Zugang zur Medizin wurde wissenschaftlicher und kritischer. «Früher strich man in positivistischer Art die Errungenschaften der Medizin hervor. Heute versucht man, diese Entwicklungen zu erklären», sagt Steinke. Es sei nun mal Aufgabe der Forschung, ein vertieftes Verständnis für historische Zusammenhänge zu bieten – nicht zuletzt, um die heutige Situation besser einordnen zu können. Die Botschaft «Früher war das Operieren grausam, zum Glück leben wir heute» genüge nicht, findet der Berner Professor.

Spenden von Christoph Blocher

Die Fachkollegen werfen Mörgeli eine fehlende kritische Haltung vor. Das zeige sich etwa in dessen Vorlesung «Erzählte Medizingeschichte», in der sich ehemalige Ärzte ohne eine wissenschaftliche Begleitung präsentieren würden. Dadurch könne das von der Medizingeschichte gewünschte «kritisch-konstruktive Gespräch» mit den Ärzten nicht zustande kommen, findet Steinke. So mache sich das Fach selbst überflüssig.

«Da lacht doch die ganze Nation», entgegnet Mörgeli. Als unkritisch bezeichne ihn in diesem Land nicht mancher. Wenn er im Roche-Verlag einen Beitrag zum Roche-Medikament Bactrim schreibe, sei dies doch kein Problem, sofern man ihm keinerlei Auflagen mache und er freien Zugang zu den Akten habe. Auch die Sponsoringgelder der Pharma und der Krankenversicherer nimmt Mörgeli gerne und finanziert damit seine Bücher und Ausstellungen. Zu den Spendierfreudigen gehört übrigens auch Christoph Blocher, der etliche Bücher sowie mindestens eine Ausstellung in Mörgelis Museum unterstützt hat.

«Die Bildqualität ist stets top»

Insgesamt, so Mörgeli, habe er in seiner gut 25-jährigen Wissenschaftskarriere gegen drei Millionen Franken an Drittmitteln eingeworben. «Viele geben mir nicht nur wegen des Fachs Geld, sondern auch, weil ich ab und zu politisch den Kopf hinhalte», sagt der SVP-Nationalrat.

Die Gelder erlauben ihm, seine oft reich illustrierten Bücher in hoher Druckqualität herauszugeben. «Die Bildqualität ist stets top», sagt Steinke, «aber Wissenschaft ist das für mich nicht.» Auch bei Mörgelis Habilitationsschrift – einer 820-seitigen Zusammenstellung von Reiseberichten des Zürcher Arztes Conrad Meyer-Hofmeister, die Mörgeli eingeleitet und kommentiert hat – fehlt Steinke der wissenschaftliche Ansatz.

Spezialist für Totentänze

Solche Urteile verletzen Mörgeli. Er habe nun mal eine Vorliebe für Quellenbearbeitung. Und er verstehe Wissenschaft nicht so, dass man sich «aus einem Komplex heraus eine Sprache zulegt, die man möglichst nicht versteht». Mörgeli ist überzeugt, dass Prof. Erwin H. Ackerknecht, der das Zürcher Medizinhistorische Institut in den 60er-Jahren weltberühmt machte, nach den heutigen Standards nicht mehr im «Gesnerus» publizieren könnte. Auch Ackerknecht habe sich nicht lange mit Literaturdiskussionen und theoretischen Fragestellungen aufgehalten, sondern sei direkt zur Sache gekommen.

Mörgeli selbst sieht sich als «einen der Fruchtbarsten» unter den Schweizer Medizinhistorikern. Niemand im Zürcher Institut habe mehr publiziert als er. Ob dies in international anerkannten Zeitschriften geschieht oder nicht, interessiert ihn weniger. Als Konservator eines Museums wende er sich an ein breites Publikum. Da seien auch Bilder wichtig. Mörgelis Spezialgebiet sind die Totentänze. «Hier bin ich an der Weltspitze», sagt der Vizepräsident der Europäischen Totentanz-Vereinigung. Und für einmal widerspricht ihm kaum jemand. Moniert wird bloss, das sei eher Kultur- als Medizingeschichte.

Entwicklung nicht mitgemacht

Zusammenfassend lässt sich feststellen: Mörgeli ist der Paria unter den Medizinhistorikern. Er hat den Wandel des Fachs nicht mitgemacht. «Ich bin noch nie der Mode nachgesprungen», meint er. Jetzt wolle man ihn von links seiner materiellen Existenz berauben. Mörgeli spricht von «Brotkorbterror». Die Experten, die über seine Objektsammlung urteilten, hätten ihn gar nie angehört.

Seine Kollegen wiederum ärgern sich, dass ausgerechnet Mörgeli mit seiner Bekanntheit das öffentliche Bild der Medizinhistoriker prägt. Auch sein Museum gefällt ihnen nicht: «Das war schon bei der Eröffnung veraltet», kritisiert Barras. Seither sei es nicht mehr angepasst worden. Weniger streng urteilt Marion Ruisinger, die Leiterin des Deutschen Medizinhistorischen Museums in Ingolstadt: «Die Präsentation entspricht der Zeit, in der sie geschaffen wurde.» Auch Ruisinger findet aber: «Die präsentierten Inhalte müssen den heutigen Stand der Forschung wiedergeben – zumal an einem Universitätsmuseum.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2012, 08:43 Uhr

Ausgestellte Medizingeschichte: Blick in Christoph Mörgelis Museum (Video ohne Kommentar). (Video: Newsnet)

Hubert Steinke. Der 46-jährige Professor ist Direktor des Instituts für Medizingeschichte an der Universität Bern. (Bild: PD)

Vincent Barras. Der 57-jährige Professor leitet das Medizinhistorische Institut der Universität Lausanne. (Bild: PD)

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