Ein Biedermann wie du und ich

Der Schweiz von heute gefällt die Idee, sie sei im Kern ein Land der Papa Molls.

Wer den Haushalt besorgt, ist klar. Und wenn Vater Moll mal hilft, geht es schief. Frühe Bildergeschichte aus den 1950ern. Aus: «Papa Moll Band 1» von Edith Jonas (© 1975 Globi-Verlag, Imprint Orell-Füssli-Verlag, Zürich)

Wer den Haushalt besorgt, ist klar. Und wenn Vater Moll mal hilft, geht es schief. Frühe Bildergeschichte aus den 1950ern. Aus: «Papa Moll Band 1» von Edith Jonas (© 1975 Globi-Verlag, Imprint Orell-Füssli-Verlag, Zürich)

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Eindeutig, der Mann ist von vorgestern. Er raucht Stumpen im Wohnzimmer, derweil die Frau den Abwasch macht. Hält ein Schläfchen auf dem Sofa und verlangt von der Familie Ruhe dafür. Seine Kinder sind zu dritt – und heissen Evi, Fritz und Willy (nicht Luna, Noah, Liam). Im ganzen Umfeld der Familie ist niemand geschieden, niemand dunkelhäutig, alles in Ordnung. Das ist die Welt von Papa Moll.

Diese Woche nun kommt Moll ins Kino. Er soll die Schweizer Gegenwart erfreuen, auch wenn sie mit den behäbigen Fünfzigerjahren nurmehr wenig gemein hat. Die Schweiz heute? Achteinhalb Millionen Menschen, schnell, reich, international. Noch im hintersten Emmentaler Chrachen werden Eisenkabel für chinesische Flughäfen gefertigt.

Doch vielleicht weckt gerade das die Lust an der Beschaulichkeit. Auf Eugen, Heidi und Schellenursli folgt wie logisch Papa Moll. Die Nation besingt sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts intensiv selber, sucht die Klammer, die sie in vermeintlich unruhiger Zeit zusammenhalten soll. Kinofilme können das, Kinderbücher sowieso. Demnächst kommen zweifellos Dackel Fridolin und die Turnachkinder auf die Leinwand.

Sing mir was von früher

Dass Papa Moll der deutschen Schweiz noch immer ein Begriff und nicht einfach mit den 50ern verdampft ist, liegt einerseits an nostalgischen Eltern und Grosseltern. Sie lesen Kindern gerne vor, was ihnen selber gefallen hat vor 30 oder 60 Jahren. «Kinderbücher verbinden die Generationen», sagt Elisabeth Eggenberger vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien. Deshalb Globi, deshalb das von Eugen Hartung illustrierte Maggi-Liederbuch von 1946, das immer wieder aufgelegt wird, deshalb Papa Moll. Kinderfilme seien immer auch Familienfilme, sagt Eggenberger, zielten stets auf mehr als nur eine Generation ab.

Doch Molls Beliebtheit liegt zweitens eben gerade an seiner zeitlichen Verortbarkeit. Er steht für die 50er-Jahre – eine Zeit, die uns derzeit am Herzen liegt.

Erfunden hat Papa Moll die Zeichnerin Edith Oppenheim-Jonas (1905–2001). Sie kam in Deutschland zur Welt, der Vater war ein Ingenieur aus jüdischer Familie, die Mutter Katholikin aus Köln. 1910 fuhr die Familie erstmals in die Schweiz, der Vater hatte Arbeit bei der Brown Boveri & Cie. in Baden. Doch bei der endgültigen Übersiedlung 1918 verweigerte der Schweizer Zöllner Frau und Kindern trotz korrekter Papiere erst die Einreise. Es habe des «Charmes» der Mutter sowie «einiger Goldmünzen» bedurft, um ihn umzustimmen, heisst es lakonisch in der 2008 erschienenen Biografie der Zeichnerin. Fast wäre nichts geworden aus dem gutschweizerischen Papa Moll.

Papa Moll gegen Amerika

Edith Jonas begann früh zu zeichnen, wollte Kunstmalerin werden, musste aber auf die Töchterschule. 1932 heiratete sie (einen Briten) und stellte dann «die Mutterpflichten» über die Kunst, wie sie selber sagte. Unter dem Kürzel «ejo» zeichnete sie aber nachts für die Satirezeitschrift «Nebelspalter».

Den Auftrag für Papa Moll erhielt sie 1951, sie war 46 Jahre alt. Es war die Zeit des Comicfiebers, der Amerikanisierung: Mickey Mouse und Tarzan-Hefte begeisterten die Kinder in Deutschland wie der Schweiz. «Bunte Pracht» in einer Schattenwelt nannte der österreichische Künstler Gottfried Helnwein die Comics seiner Nachkriegskindheit.

Deutschschweizer Pädagogen hielten die Hefte für Schmutz und Schund. Wenn schon, dann sollte etwas Eigenes her. Der Zürcher Verleger Rudolf Hug gab Edith Oppenheim-Jonas den Auftrag, für sein neues, gratis in Apotheken und Coiffeursalons aufliegendes Kinderheft «Junior» eine Bildergeschichte zu schaffen: ohne Sprechblasen, nur mit Begleittext – und mit erzieherischem Wert. Ab Januar 1953 erschienen die Papa-Moll-Geschichten, immer in acht Bildern, der erste Sammelband folgte 1967.

Offizieller Trailer zu «Papa Moll». Video: Youtube/Papa Moll - Der Film

Inhaltlich geht es um Krisen in der bürgerlichen Familie – kleine Krisen, Bagatellen, nie geraten die Molls in wirklich ausserordentliche Lagen. Dinge zerbrechen, werden schmutzig, Nachbarn wütend, Würste vom Hund gefressen. Und immer ist es Familienoberhaupt Moll, dem das schlimmste Missgeschick widerfährt: «Für Kinder ist das verkehrte Welt, solche Geschichten lieben sie», sagt Elisabeth Eggenberger vom Institut für Kinder- und Jugendmedien.

Der Slapstick der frühen Bände funktioniert bis heute gut. Auch ist Papa Moll eine Figur mit hohem Wiedererkennungswert, was seine Langlebigkeit fördert: fünf Haare auf dem Eierkopf, rotes Gilet, blaue Jacke, Schnauz. Während der Rest der Familie sich optisch fortentwickelt, bleibt Moll gleich. Papa Moll war denn auch ein früher Merchandise-Erfolg, sein Gesicht findet sich auf Rucksäcken, Schuletuis, Ecstasy-Pillen.

Als innerfamiliäres Kammerspiel ist Papa Moll besser gealtert als Globi. Wird bei Letzterem einem frechen Kind der Hintern verhauen, zieht Papa Moll den Nachwuchs allenfalls kurz am Ohr. Und während Globi einen heute anstössig dumpfen Blick auf Neger und Indianer pflegt, spielt die weite Welt bei den Molls schlicht keine Rolle. Die Schweiz der 50er genügt sich selber.

Nostalgie wird politisch, das Goldene Zeitalter soll wiederkehren.

Am ehesten kritisiert werden ab den 1970ern die Geschlechterrollen. «Mama Moll – sanft im Gemüte – sorgt für alle voller Güte.» Bei der Erziehungsarbeit «hilft» sie dem Vater Moll lediglich, «lieb und schlicht». Und wer die Hausarbeit besorgt, ist klar: «Heut am grossen Wäschetage hat Frau Moll viel Müh’ und Plage.» Wenn der Papa ihr zu helfen versucht, geht es ganz sicher schief.

Immerhin, er versucht es. Das ständige Scheitern des Mannes ist auch schon als sanfte Kritik am Paternalismus gedeutet worden. Tatsächlich hat Schöpferin Edith Oppenheim-Jonas sich für das Frauenstimmrecht engagiert. In Interviews aber hat sie ihren Papa Moll stets in Schutz genommen – um Kritik oder gar ein Lächerlichmachen sei es ihr nie gegangen. «Feministinnen waren ihr immer zu aggressiv, zu fanatisch und überspannt, das lehnte sie total ab», schreibt ihr Biograf 2008.

Die 50er-Jahre – und gemeint sind durchaus die «langen 50er», also eine Nachkriegsphase von etwa 1948 bis 1963 – sind in heutiger Rückschau zweigesichtig. Einerseits sind sie Idylle, trotz aller Angst vor Kommunismus und Atomkrieg. Es gibt Arbeit, ja fast Vollbeschäftigung, die Einkommen steigen. «Wohlstand für alle», verspricht der deutsche Wirtschaftsminister Ludwig Erhard. Sparsamkeit ist wichtig, aber Überfluss wird Thema: «Moll spricht im Familienkreise von der Auslandferienreise.» Das TV-Gerät kommt in die Stube, das Auto vor die Garage, man fährt es noch ganz ohne Angst vor Klimaerwärmung. Überhaupt sind die Maschinen noch unsere (hübsch designten) Freunde, nicht jobvernichtende Roboter: «Hier bringt Moll – die Rettung naht – nun den Rührwerkapparat.» Und die Familie, klar, die ist noch heil, die Scheidungsrate tief.

Schwarze und Schwule werden angefeindet

Zugleich sind die 50er aber auch eine Zeit der Regelstrenge, der Autoritäten, der Verbote. Sie atmen den Mief, gegen den die 68er später aufbegehren. Alte Nazis, die sich an ihre Ämter krallen, Professoren, die Vergangenes predigen. Die 50er sind eine Zeit der Patriarchen und der Ungleichheit, in der Schweiz erhalten die Frauen erst 1971 das Stimmrecht. Schwarze und Schwule werden angefeindet. Wenn bald das 50-Jahr-Jubiläum der 68er-Bewegung begangen werden wird, so werden die 50er dabei immer mitschwingen – als Gegenbild.

Verblüffend ist, dass der Blick auf die 50er derzeit milder, der Mief immer liebenswerter zu werden scheint. Strenge Erziehung? Besser als die verwöhnten Nuggi-Napoleons von heute. Prüderie? War doch auch reizvoll, all die Verbote; das Knistern eines Ballkleids subtiler als die Hardcore-Pornos auf den Handybildschirmen der 12-Jährigen. Betonierte ­Geschlechterrollen? Immerhin gab es Orientierung, war ein Mann ein Mann, eine Frau eine Frau. Und selbst Kolonialismus? Es war nicht alles schlecht, denkt an Eisenbahn und Fussballspiel.

1968 hat alles verkompliziert

Papa Molls 50er werden so verklärt zu einer Zeit der Übersichtlichkeit – zur wohligen Ruhe vor 1968, dem Jahr, das alles verkompliziert hat, dank dem man heute nicht mehr Mohrenkopf sagen darf. Das gilt nicht nur in der Schweiz: Amerikanische Filmer und Autoren der Babyboomer-Generation, also grob der Jahrgänge 1945 bis 1960, sind seit Jahren daran, die 50er-Jahre ihrer Kindheit neu zu träumen.

Sie haben ein mächtiges Bild geschaffen – voller amerikanischer Kleinstädte, intakter Familien, grosser Autos, Wohlstand und Apfelkuchen. Es ist die Welt, in die Marty McFly in «Back to the Future» zurückreist, es ist die Idylle in Stephen Kings Romanen («It»), in die dann Monster einbrechen. Selbst viel später nachgeborene Millennials sind heute seltsam vertraut mit den 50er-Jahren, die nur in Filmen und Büchern wirklich existiert haben – die Serie «Mad Men» ist Zeuge. Die Jungen treibt Fifties-Phantomschmerz um: Da gab es Arbeit, da gab es Regeln.

Solche Nostalgie wird politisch, wenn die heile Welt zum Goldenen Zeitalter ernannt wird – zur Vergangenheit, die wiederauferstehen soll: «Great Again!» Das funktioniert nur, wenn man die Sicht der Frauen, Schwarzen, Schwulen auf die 50er ausblendet – das Goldene Zeitalter war für viele düster. Und wenn man die Wirtschaftshistoriker ignoriert, die dargelegt haben, dass die Wohlstandsphase der Nachkriegszeit eine Anomalie war, dass die Welt davor und danach meist ärmer und härter war.

Es führt kein Weg zurück zu Papa Moll. Die Schweiz mag ihre Langsamkeiten und Ressentiments damit erklären, im Kern noch immer ein Land der trottelig-wohlmeinenden 50er-Jahr-Bünzlis zu sein. Es ist nicht wahr. Die Nation ist bunt und schnell. Hinsehen ist erlaubt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.12.2017, 17:33 Uhr

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