«Ein Brief von Herrn Schmidheiny hätte meinem Mann Frieden gegeben»

2006 starb M. J. an Asbestkrebs. Heute verhandelt das Glarner Obergericht die Zivilklage seiner Hinterbliebenen. Im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt die Witwe, warum sie geklagt hat.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frau J., heute entscheidet das Glarner Obergericht über Ihre Genugtuungsklage gegen die Eternit Schweiz AG, Thomas und Stephan Schmidheiny sowie gegen die SBB. Was erwarten Sie? Ich beschäftige mich nicht detailliert mit dem Prozess. Ich vertraue unseren Rechtsvertretern, die das sehr gut machen.

Trotzdem wäre Ihnen Genugtuung sehr wichtig. Warum? Mein Mann wollte den Asbestopfern ein Gesicht geben. Deshalb hat er auch mitgemacht beim Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens, und er hat Artikel geschrieben über sein Schicksal. Er war ein politisch denkender Mensch und sehr wütend darüber, dass die früheren Eigentümer der Eternit Schweiz AG die Asbestproduktion nicht früher eingestellt hatten. Mein Sohn und ich haben ihm versprochen, nach seinem Tod weiter um Genugtuung zu kämpfen.

Ihr Mann hat vor neun Jahren erste Anzeichen seiner Krankheit gespürt. Wann wusste er, dass es Krebs ist? Es ging ziemlich schnell. Wir waren im Mattertal am Wandern, und er hatte plötzlich Mühe mit Atmen. Wir haben die Ferien einen Tag früher abgebrochen und sind noch am selben Tag zum Lungenspezialisten gegangen. Der hat ein Röntgenbild gemacht und gesehen, dass der eine Lungenflügel im Wasser ist. Das ist ein Zeichen des Mesothelioms, des bösartigen Brustfellkrebses. Unter der Türe fragte mein Mann den Spezialisten, ob Asbest der Auslöser gewesen sein könnte. Der Arzt konnte darauf nicht sofort eine Antwort geben. Die Bestätigung, dass er an einem Asbestkrebs leidet, bekam er erst später, als ihm im Universitätsspital ein Lungenflügel herausoperiert worden war. Der zeigte klar, dass der Krebs vom Asbest verursacht worden war.

Ihr Mann hat zwischen seinem 8. und 18. Altersjahr unmittelbar neben der Asbestproduktionsstätte in Niederurnen gelebt. War die Asbestgefahr in Ihrer Familie ein Thema, bevor Ihr Mann erkrankt ist? Kaum. Mein Mann hat zwar seinen Vater manchmal darauf angesprochen, der Buchhalter bei der Eternit war. Aber mein Schwiegervater hat dieses Thema verdrängt. Das hatte wohl auch damit zu tun, dass die Eternit seine Arbeitgeberin war. Mein Mann war Lehrer und hatte beruflich nichts mit der Eternit zu tun.

Nach der Krebsdiagnose hat Ihr Mann sofort gegen die früheren Verantwortlichen der Asbestproduktion Strafklage eingereicht. Warum? Er hat zuerst Briefe geschrieben. Dem früheren Eigentümer Stephan Schmidheiny hat er zwei ausführliche Briefe geschrieben. Die Antwort kam aber immer nur vom Vorzimmer, von Anton Schrafl, der inzwischen selber an Asbestkrebs gestorben ist, wie ich gelesen habe. In den Antwortschreiben hiess es, dass die ehemaligen Eigentümer nicht mehr dafür zuständig seien. Dann sind wir zur Eternit gegangen. Sie haben uns eine freiwillige Entschädigungszahlung geleistet, die war aber halb so hoch wie die Integritätsentschädigung der Suva, die 80'000 Franken beträgt. Ein Firmenvertreter war auch bei uns zu Hause. Sie haben gesagt, sie müssten jetzt etwas machen, und haben die Stiftung für Asbestopfer gegründet.

Ihr Mann hätte sich aber eine Antwort von Herrn Schmidheiny gewünscht. Ein persönlicher Brief und eine Entschuldigung hätten ihm sicher seelischen Frieden gegeben. Er wäre nicht mehr so verletzt gewesen. Aus dem Asbestopferverein, der die Strafklage und später die Zivilklage aufgegleist hat, hätte er sich aber wohl trotzdem nicht zurückgezogen.

Erstellt: 04.10.2013, 12:03 Uhr

Artikel zum Thema

Asbestopfer hoffen auf Strassburg

Das Glarner Obergericht entscheidet heute über die Zivilklage von Hinterbliebenen eines Asbestopfers. Ihre Chancen sind gering. Trotzdem ist der Kampf nicht aussichtslos: Bald dürfte der Europäische Menschenrechtsgerichtshof in der Sache entscheiden. Mehr...

Wie Schmidheiny zur tragischen Figur wurde

Asbest-Urteil Er ist ein Kosmopolit und Globalisierer, der die Schweiz vielleicht schon bald nicht mehr verlassen kann: Der Ex-Industrielle Stephan Schmidheiny. Ein Porträt. Mehr...

Familie Schmidheiny leidet an den Asbestfolgen

Die Unternehmerdynastie muss sich in Italien wegen Todesfällen vor Gericht verantworten. Nun ist ein Familienmitglied an den Folgen von Asbest gestorben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...