Ein Bündner Weinbauer will Rimuss retten

Hohe Schulden und ein Betrugsfall trieben den Schaumweinhersteller fast in den Ruin. Andrea Davaz hat die Traditionsmarke übernommen.

60 Prozent des Umsatzes macht Rimuss mit alkoholfreiem Sekt. Foto: Reto Oeschger

60 Prozent des Umsatzes macht Rimuss mit alkoholfreiem Sekt. Foto: Reto Oeschger

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Für Andrea Davaz ist es eine Rückkehr zu seinen Wurzeln. 1980 begann er eine Lehre als Weintechnologe in Hallau SH. Lange blieb er nach der Ausbildung nicht in der ländlichen Region im westlichen Zipfel des Kantons Schaffhausen. Er wollte die Welt kennen lernen. Davaz studierte Önologie, arbeitete als Surflehrer in Italien, kaufte sich mit seinem Bruder ein Weingut in der Toskana und stieg in Graubünden in den Weinhandel ein. Jetzt, fast vierzig Jahre später, hat es Davaz ein zweites Mal nach Hallau verschlagen. Der 54-Jährige übernahm vor etwas mehr als einem Jahr den serbelnden Traditionsbetrieb Rimuss.

Zwei Institutionen bestimmen den Alltag im Klettgau: der Weinbau und die Kirche. Viele Familien arbeiten für die Branche, und in der Region sind die evangelischen Freikirchen stark. Sie seien schon lange da und gehörten zur Region, sagt einer, der von dort kommt. Eine Art Parallelgesellschaft. Rimuss war lange Zeit so etwas wie die Schnittmenge der beiden Welten. Die Gründerfamilie Rahm prägte das Unternehmen über Jahrzehnte, genauso prägte der Glaube das Unternehmen. So sehr, dass Sitzungen des Verwaltungsrats mit einem Gebet eröffnet wurden.

Eine ernsthafte Gefahr

Doch nicht einmal das half der Firma in den turbulenten Zeiten. Ein Betrugsfall sorgte 2017 schweizweit für Schlagzeilen. Der Finanzchef von Rimuss soll Gelder der Firma in einen professionellen Frauenfussballclub gesteckt haben. Die Probleme bei Rimuss gingen aber tiefer. Die Geschäfte liefen schon länger nicht mehr gut. Die Schulden türmten sich, und sie drohten für die Traditionsfirma zur ernsthaften Gefahr zu werden.

Rückkehr zu den Wurzeln: Weintechnologe Andrea Davaz soll eine Traditionsmarke retten. Foto: Reto Oeschger

Nun räumt der ehemalige Lehrling Davaz in Hallau auf. «Das erste Jahr war schwierig.» Das Geschäft mit den alkoholfreien Rimuss-Schaumweinen lief, doch das zweite Standbein, der Weinhandel lahmte. Die vorherigen Besitzer seien «sehr optimistisch» gewesen, drückt es Davaz diplomatisch aus. Besonders beim Marketing wurde nicht gespart. Zahlreiche Projekte wurden angestossen, gebracht haben sie allesamt nichts. Die Keller waren voller Wein, der nicht verkauft werden konnte. Einen Grossteil des Lagers musste der Patron abschreiben. Doch auch anderswo ­hatte Rimuss mit zu grosser Kelle angerichtet. «Wir hatten zu hohe Kosten», sagt Davaz. Er habe die Ausgaben deutlich gesenkt und den Betrieb vereinfacht. Heute zählt die Firma noch 40 Mitarbeiter, 10 weniger als früher. 16 Millionen Franken setzt er um. Wie viel er für den Betrieb bezahlt hat, legt Andrea Davaz nicht offen.

Hätte es Davaz auf den raschen Profit angelegt, er hätte noch mehr sparen und nur auf Rimuss setzen können. «Wir hätten schon im ersten Jahr Geld verdient», so der Sohn eines Weinbauern aus Fläsch GR. Das wollte er nicht. Er habe das mit seinen Werten nicht vereinbaren können. Rimuss kauft von 120 Betrieben aus der Region Trauben. «Wir sind uns der Verantwortung bewusst», sagt Davaz.

Doch nicht nur bei Produkten und Verwaltung, auch bei den Finanzen haperte es. Die Frauenmannschaft des FC Neunkirch eroberte dank Geldern von Rimuss die Schweizer Spitze. Über Jahre flossen insgesamt rund zwei Millionen in den Club aus dem Nachbardorf, was dort fast schon professionelle Strukturen ermöglichte. Die Fussballerinnen arbeiteten offiziell im Betrieb, mussten aber nicht zur Arbeit erscheinen. Bemerkt wurde das lange nicht. Als die Affäre aufflog, war das Wunder vorbei. Das Team verschwand wieder in den Niederungen des Amateurfussballs. Der ehemalige Rimuss-Finanzchef wartet zusammen mit einem Mitangeklagten auf den Prozess. «Eigentlich darf so ein Fall einen arrivierten Betrieb nicht aus der Bahn werfen», sagt Davaz.

Gläubige Gläubiger

Viel schwerwiegender war aber die Schuldenlast der Firma. Das Unternehmen zählte Dutzende Geldgeber. Auch hier spielte die Nähe zur Kirche eine Rolle. Alle Traubenlieferanten, viele davon aus dem Umfeld der Kirche, konnten beispielsweise ihre Verkäufe als Guthaben bei Rimuss stehen lassen – besser verzinst als bei der Bank. Ein Blick in die Bücher der alten Rimuss zeigt seitenweise Gläubiger, die einige Zehntausend bis einige Hunderttausend Franken zugutehaben, die mit zwei und mehr Prozent verzinst wurden. Dies geht aus Dokumenten hervor, die dieser Zeitung vorliegen. Als sie merkten, dass ihr Geld in den Frauenfussball floss, wurden einige wütend. Mit ihren religiösen Werten hatte der professionelle Sport nichts zu tun. Vielleicht haben einige der Firma auch länger als im normalen Geschäftsleben die Stange gehalten, weil sie Teil der Gemeinde war. Davaz hat die Altlasten zum allergrössten Teil beseitigt. Die lokalen Banken haben die Kleingläubiger abgelöst und dem Betrieb auf die Beine geholfen.

Die Kirche und der Wein bestimmen das Klettgau. Rimuss war die Schnittfläche dieser Welten.

Zudem hat Rimuss eine Art Lebensversicherung: den alkoholfreien Kindersekt. «Die Zahlen waren immer stabil, die Marke ist stark», sagt Davaz. Rimuss gehöre zu den Kultgetränken der Schweiz, so der Weinbauer. Auch die Grossverteiler Coop und Migros führen die Produkte und sprechen von «soliden Verkäufen». Rimuss sei der grösste Anbieter in diesem Segment, heisst es bei Coop. Es gebe jedoch Alternativen, die beliebter werden. «Während alkoholfreies Bier zurzeit im Trend ist, sehen wir dies beim Schaumwein nicht: Die Verkaufszahlen stagnieren», sagt eine Migros-Sprecherin. Der grösste Teil werde während der Feiertage im Dezember abgesetzt. «Beim Verhandeln spürt man schon, dass man klein ist», sagt Davaz zu den Geschäften mit den Detailhandelsriesen. Da gehe es um jeden Rappen. Es sei aber auch ein hochinteressantes Geschäft.

Wieder nüchterner

Dennoch plant Davaz auch hier Anpassungen. Der alkoholfreie Schaumwein soll künftig wieder nüchterner daherkommen und klarer zeigen, dass es sich um ein reines Naturprodukt handelt. Der neue Rimuss Fresh hat weniger Zucker und könnte bald das wichtigste Produkt im Sortiment werden. «Reiner Traubensaft ist für viele Erwachsene zu süss», so Davaz.

Ganz abgeschlossen ist der Umbau nicht. Überall im Betrieb sieht Davaz noch Dinge, die er anders machen möchte. Vieles ist zu gross, zu alt oder hat ganz einfach den falschen Namen. Die Weinkellerei Rahm heisst heute Strada. Der neue Schaumwein auch. So wie die alte römische Strasse, die an Hallau vorbeiführt. Er ist vergleichbar mit einem Prosecco oder einem Cava – darf sich aber nicht so nennen. «Rahm Hallau war ein Begriff. Der neue Name kam in der Region zuerst nicht so gut an», gibt Davaz zu.

Der frühere Rimuss-Chef Emil Rahm war stark mit Freikirchen verbunden. Foto: Keystone

Doch der Markenname hatte in der Vergangenheit auch nicht immer einen guten Klang. Das hatte mit dem 2015 verstorbenen Firmenpatron Emil Rahm zu tun. Er verlegte verschwörungstheoretische Schriften und wurde 1997 wegen Verstosses gegen das Antirassismusgesetz verurteilt. Er gab dem Betrieb nicht nur den einprägsamen Slogan «Mit ­Rimuss stossed alli aa», sondern auch ein strenges religiöses Korsett. Die Zugehörigkeit zur richtigen Freikirche war im Betrieb über Jahre entscheidend. Heute zählt das nicht mehr. «Für uns sind Werte wichtig», so Davaz. Sie würden aber nicht mehr nach aussen getragen. Auch gehe es nicht darum zu missionieren. «Wir wählen die Leute nicht nach der Religion aus, sondern weil sie die Fähigkeiten und den Charakter haben», so der neue Patron.

Er sieht viele andere Betriebe, die vorbildlich handeln. Die Chocolatier-Familie Läderach etwa, aber auch Victorinox oder Kambly seien für ihn beispielhaft. «Sie kümmern sich um die Menschen.» Davaz sieht sich als einer von ihnen. «Für uns steht die Gewinnmaximierung nicht im Vordergrund, sondern eine nachhaltige Entwicklung des Betriebes», sagt der Rimuss-Chef.

Erstellt: 30.05.2019, 13:01 Uhr

Rahm, Ramouss, Rimuss

In den 40er-Jahren beginnt die Familie Rahm in Hallau alkoholfreien Traubensaft herzustellen. An der Olma in St. Gallen wird 1954 erstmals ein prickelnder, alkoholfreier «Sekt» vorgestellt: Er trägt den Namen Ramouss. Schon kurz darauf wird der Name in Rimuss geändert, um sich stärker von anderen Produkten zu unterscheiden. Das Unternehmen baut in der Folge zwei Standbeine auf. Rimuss sorgt heute für rund 60 Prozent der Firmeneinnahmen, der Wein für rund 40 Prozent. (jb)

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