Ein Loch im AKW Beznau

Das AKW Beznau läuft ab dem Sommer nur mit halber Kraft – wegen Reparaturarbeiten. Laut Axpo droht dennoch keine Versorgungslücke. AKW-Gegner sehen dies als Steilvorlage.

Komplizierte und aufwendige Arbeiten stehen an: Das Atomkraftwerk Beznau an der Aare.

Komplizierte und aufwendige Arbeiten stehen an: Das Atomkraftwerk Beznau an der Aare. Bild: Christian Hartmann/Reuters

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Seit dem 1. April läuft das Atomkraftwerk Beznau nur mit halber Kraft. Einer der beiden Atommeiler, der Block 1, ist abgeschaltet. Der Grund: Der Betreiber des dienstältesten AKW der Welt, der Energiekonzern Axpo, muss 20 der 121 Brennelemente im Reaktorkern auswechseln – ein Vorgang, der alljährlich nötig wird. Die Arbeiten dauern voraussichtlich noch diese Woche an.

Aussergewöhnlich ist hingegen, was im August ansteht. Der Reaktordruck­behälter im Block 1 benötigt nach 45 Betriebsjahren einen neuen Deckel. Dieser Ersatz erfolgt nicht etwa, weil der aktuelle Deckel beschädigt wäre – die Axpo versichert, dieser sei «vollständig intakt». Die Massnahme ist vielmehr Teil der Axpo-Strategie, in die Sicherheit von Beznau zu investieren; insgesamt 700 Millionen Franken sind dafür reserviert. Den Entscheid dazu hat die Axpo gemäss eigenen Angaben Ende 2008 gefällt – also noch vor der Atomkatastrophe in Fukushima (2011). Geleitet wurde sie dabei von Erfahrungen «in baugleichen Anlagen» im Ausland.

Die Arbeiten sind kompliziert und zeitaufwendig. So muss der Deckel ins sogenannte Containment transportiert werden – in jene Struktur also, die den Reaktordruckbehälter umhüllt und bei einem Unfall die Radioaktivität vor dem Austritt ins Freie zurückhalten soll. Weil die Schleusen dieser Schutzhülle für einen Wechsel des Deckels zu eng gebaut sind, muss laut Axpo eine «temporäre Transportöffnung» gebohrt werden – 7 Meter hoch und 5,40 Meter breit.

Reaktor 115 Tage abgestellt

Die Umweltorganisation Greenpeace befürchtet, dass der Austausch des Deckels die Schutzhülle schwächen wird. Dem widerspricht die Axpo. Das Containment wurde beim Austausch der Dampferzeuger bereits 1993 und 1999 geöffnet. Diese Arbeiten hätten das Gebäude nachweislich nicht beeinträchtigt, versichert die Axpo und betont, das Vorgehen sei mit der Atomaufsichtsbehörde des Bundes abgestimmt. Zu den Sicherheitsvorkehrungen gehört, dass während des Deckelwechsels kein Brennstoff im Reaktor sein wird.

Die Arbeiten werden vergleichsweise viel Zeit beanspruchen. Die Axpo rechnet mit 115 Tagen; in Block 1 steht die Stromproduktion also während fast vier Monaten still, die Einbusse beträgt circa 1 Terawattstunde (TWh) Strom – ein Drittel der Jahresproduktion von Block 1. Zusammen mit Block 2 generiert Beznau pro Jahr rund 6 TWh Strom – was in etwa 10 Prozent des Schweizer Stromverbrauchs entspricht. Für Block 2 plant Axpo dieselben Arbeiten, und zwar von März bis Juli 2015.

Eine Lücke in der Stromversorgung resultiert aus diesen Abschaltungen nicht, wie die Axpo versichert. Die Liefermengen seien auf diese Situation abgestimmt, sagt eine Sprecherin. Könne die Axpo keine oder zu wenig inländischen Produktionskapazitäten für die sichere Stromversorgung hochfahren, werde sie am Markt zusätzlich Strom zukaufen. Laut Axpo lässt sich nicht präzisieren, welcher Art dieser Strom ist – ob fossil, erneuerbar oder atomar.

Auch im Kanton Bern könnten demnächst 3 TWh Strom aus atomarer Produktion wegfallen – Strom für etwa 400'000 Menschen. Am 18. Mai entscheiden die Berner Stimmbürger darüber ab, das AKW Mühleberg sofort stillzulegen, wie dies die Volksinitiative «Mühleberg vom Netz» fordert. Auch die Betreiberin von Mühleberg, die BKW, erwartet für diesen Fall keinen Versorgungsengpass. Der wegfallende Atomstrom liesse sich kurzfristig durch Zukäufe am europäischen Markt ersetzen.

Dass die Stromkonzerne Ersatz beschaffen können, wertet Greenpeace als schlagenden Beweis: «Die Schweiz braucht für eine sichere Versorgung keinen Atomstrom», sagt Atomspezialist Florian Kasser. Und schon gar nicht aus uralten Anlagen wie dem AKW Beznau, dessen Meiler 1969 respektive 1971 in Betrieb gegangen sind. Kasser spricht mit Blick auf diese langen Laufzeiten von einem «gefährlichen Experiment». Noch nie sei weltweit ein Druckwasserreaktor so lange betrieben worden. Dass die Axpo 700 Millionen Franken in Nachrüstungen investiert, bezeichnet Greenpeace als sinnlos, weil wesentliche Elemente wie die Schutzhülle aus bautechnischen Gründen nicht auf den aktuellen Stand der Technik gebracht werden könnten. Das Geld würde das Unternehmen gescheiter in erneuerbare Energien investieren.

Alter der Anlage als Problem

Über diese strategische Frage ist zuletzt im Zürcher Kantonsrat ein heftiger Streit entbrannt. Die Axpo gehört den Nordostschweizer Kantonen, der Kanton Zürich hält zusammen mit seinem Elektrizitätswerk EKZ knapp 37 Prozent der Aktien. Der Zürcher Regierungsrat stellt mit Markus Kägi (SVP) und Martin Graf (Grüne) zwei Vertreter im 13-köpfigen Axpo-Verwaltungsrat. SP, Grüne, AL und CSP wollten die Regierung verpflichten, in diesem Gremium «Einfluss auf die geplanten Investitionen in nicht zukunftsfähige und unwirtschaftliche Stromproduktion zu nehmen». Sie warfen der Axpo vor, das Sicherheitsargument bloss vorzuschieben in der Absicht, Beznau möglichst lange laufen lassen zu wollen.

Doch die bürgerliche Mehrheit im Parlament stemmte sich wie der Regierungsrat gegen den Vorstoss, weil die Ausgaben von 700 Millionen Franken weitgehend schon verplant seien. Politiker aus SVP und FDP riefen zudem in Erinnerung, dass die fünf Schweizer AKW zusammen 40 Prozent des Stroms im Land erzeugen und dass die Bevölkerung ein Recht auf sicher betriebene Anlagen habe.

Schliesslich verwiesen sie auf den Bund als Taktgeber in der Atompolitik: So habe es das eidgenössische Parlament in Bern abgelehnt, die Betriebsdauer politisch zu begrenzen. Diese Argumentation ist ganz im Sinn der Axpo, die ihre AKW länger als 50 Jahre betreiben will. Zur Einordnung: Die Grüne Partei will per Volksinitiative maximale Laufzeiten von 45 Jahren durchsetzen. Beznau I müsste damit heuer schon vom Netz, Beznau II 2016.

Das hohe Alter der beiden Beznau-Reaktoren hat bereits heute Spuren hinterlassen. Atomexperte Stefan Füglister hat jüngst im Auftrag von Greenpeace Schweiz die Betriebsabweichungen der letzten zehn Jahre untersucht und klassifiziert. Sein Fazit: Von den 71 aufgezeichneten Vorkommnissen steht mehr als die Hälfte im Zusammenhang mit dem Alter der Anlage; dazu gehören zum Beispiel Verschleisserscheinungen, aber auch die technologische Veraltung und Mängel beim Bau. Die Axpo relativiert: Bei weniger als einem Drittel der Vorkommnisse hätten die Experten als mögliche Ursache die Alterung eines Bauteils identifiziert.

Erstellt: 10.04.2014, 07:03 Uhr

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