Ein Machtzentrum der Schweiz

Politisches Zentrum, Kunstgalerie oder Wohnsitz von Hausgeist Hieronymus – der Berner Erlacherhof hat unzählige Facetten. Ein Besuch in einem der repräsentativsten Gebäude der Hauptstadt.

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Schon alleine der Eingang ist einzigartig: Grenzen die Häuser in der Berner Altstadt normalerweise direkt an die Lauben, ist dem stattlichen Gebäude an der Junkerngasse 47 ein grosszügiger Ehrenhof vorgelagert. Der Legende nach ist er exakt so dimensioniert, dass das Wenden mit einer grossen Kutsche möglich war. Der Hof ist umgeben vom Haupttrakt und den zwei Seitenflügeln des Erlacherhofs sowie dem Laubendurchgang, der, an dieser Stelle frei stehend, eher einer Brücke denn einer Laube ähnelt. Auch einem so einflussreichen Bauherrn wie Hieronymus von Erlach wurde keine Ausnahme von der städtischen Gesetzgebung gewährt, die einen öffentlichen, überdachten Durchgang vor allen Häusern vorschrieb.

Betritt man den Erlacherhof, gelangt man in das von Sandstein dominierte Vestibül mit der grossen, geschwungenen Treppe ins erste Obergeschoss. Doch bleiben wir erst einmal im Parterre, denn vom Eingang aus sind es nur wenige Schritte bis zum Raum, in welchem die für die Stadt Bern wichtigsten Entscheide gefällt werden: dem Sitzungszimmer des Gemeinderates. Angesichts seiner Grösse ist es eher spartanisch eingerichtet. Es gibt einen grossen Tisch mit sechs Stühlen, eine Kommode und zwei Kachelöfen. Dazu kommen zwei Stühle in den Zimmerecken. Sie zeugen davon, dass der Gemeinderat bis vor fünf Jahren noch sieben statt fünf Mitglieder zählte. An der Wand hängen drei Porträtgemälde, zwei Spiegel und eine schmucke Pendüle. Zu diesem Interieur passen die drei Rollkorpusse aus Plexiglas wie eine Faust aufs Auge.

Die Ordnung am Sitzungstisch

Einer, der das Sitzungszimmer besonders gut kennt, ist Stadtschreiber Jürg Wichtermann. Ihm ist der sechste Stuhl, unten am Tisch vis-à-vis dem Platz des Stadtpräsidenten, zugedacht. Hier verfasst er jeweils das Protokoll der allwöchentlichen Sitzung. Wobei: Eigentlich benutzt er den Stuhl gar nicht. «Die Stühle sind sehr unbequem», erzählt Wichtermann, «gerade wenn man am Laptop arbeitet.» Deshalb rollt er jeweils den modernen Bürostuhl aus seinem Büro nebenan ins Sitzungszimmer. «Die Gemeinderätinnen und -räte benutzen aber die originale Bestuhlung», versichert der Stadtschreiber. Apropos Stühle: Der präsidiale Stuhl oben am Tisch ist ein wenig höher als die übrigen und als einziger an der Lehne mit einer Holzschnitzerei, die einen Bären zeigt, verziert. Zur Rechten von Stadtpräsident Alexander Tschäppät, mit dem Rücken zu den Fenstern, sitzen jeweils Sicherheits- und Umweltdirektor Reto Nause sowie Bildungs- und Sozialdirektorin Edith Olibet. Linkerhand, mit dem Rücken zur Eingangstüre, nehmen Finanzdirektorin Barbara Hayoz sowie Bau- und Verkehrsdirektorin Regula Rytz Platz. In letzter Zeit habe sich eingebürgert, dass die Plätze nicht mehr nach dem Anciennitätsprinzip besetzt werden, sondern entsprechend den Direktionen, erklärt Wichtermann.

Das Sitzungszimmer hat direkten Zugang zur äusserst repräsentativen Gartenterrasse mit unverbauter Sicht in Richtung Gurten. In den Beeten wachsen Rosenstöcke und Lavendel, sorgsam gepflegt von der Stadtgärtnerei. Den Soundtrack zur gediegenen Atmosphäre liefert ein kleiner Springbrunnen. Genutzt wird der Garten für Empfänge, Feierlichkeiten oder als «Pausenplatz» bei Sitzungen. «Je nachdem, wie das Klima im Gemeinderat ist, sind die Räte froh, wenn sie etwas Platz haben, um den Kopf zu lüften», sagt Wichtermann.

Rauschende Feste im ersten Stock

Machen wir uns auf in den ersten Stock. Hoch über der Treppe prangt ein Deckengemälde, das dem Schaffhauser Maler Johann Ulrich Schnetzler zugeschrieben wird. Es zeigt eine Gruppe von Putten mit Engelsflügeln – sie spielen mit diversem Kriegsgerät. Dazu gleich mehr. Zuerst führt der Weg in den Festsaal, das grösste und höchste Zimmer im Haus, das heute beispielsweise für Bankette oder Medienkonferenzen genutzt wird. Vier grosse Flügeltüren verbinden den Festsaal direkt mit den übrigen Räumen dieser Etage.

Einer, der über die Ausgestaltung des Erlacherhofs bestens Bescheid weiss, ist der städtische Denkmalpfleger Jean-Daniel Gross. «Für die Erbauer war es eine Prestigefrage, möglichst lange, ungebrochene Achsen innerhalb des Gebäudes und des Umschwungs zu erhalten», sagt er. Für die rauschenden Feste, die früher hier stattgefunden hätten, seien wahrscheinlich alle Türen geöffnet worden. «In einem Raum wurde getanzt, im nächsten spielte das Orchester, danach folgten Ess- und Konversationszimmer», erklärt Gross. Das Gemälde im Treppenhaus interpretiert der Denkmalpfleger wie folgt: «Bauherr von Erlach war lange im Kriegsdienst. Der spielerische Umgang der Putten mit den Waffen zeigt, dass er sich in der zweiten Lebenshälfte vom Krieg abgewandt hat und als Politiker in den Staatsdienst getreten ist.»

Das Zimmer des Präsidenten

Ein Raum, der über die Flügeltüren mit dem Festsaal verbunden ist, ist heute speziell wichtig – das Büro des Stadtpräsidenten. Wie alle Zimmer auf der Südseite bietet es eine wunderbare Aussicht. Es ist zweckmässig eingerichtet, aber nicht überladen (mit Ausnahme des Schreibtisches). Alexander Tschäppät sei ein bescheidener Stadtpräsident, der das Mobiliar grösstenteils von seinem Vorgänger übernommen habe, sagt Wichtermann. Rund um das Cheminée herum drapiert sind die neusten Geschenke an das Stadtoberhaupt: ein von Fifa-Präsident Sepp Blatter signierter Jabulani-Fussball zum Beispiel.

Im Weiteren gibt es im Erlacherhof einen ehemaligen Keller, der zum Pausenraum mit Bergchalet-Ambiance umfunktioniert wurde, ungezählte Verzierungen am Inventar mit jeweils eigenen Geschichten und zahlreiche Büros der Stadtverwaltung. Insgesamt arbeiten hier laut Wichtermann etwa 70 Personen. Nicht immer waren ihre Arbeitsplätze so schmuck wie heute. Einige Renovationsschritte früher, am 7. Februar 1950, schrieb die «Berner Tagwacht» von «geradezu skandalösen Raumverhältnissen im Steuerbureau Bern, genannt Erlacherhof». Und weiter: «Zu bedauern sind die Beamten, die auf exponiertem Posten in veralteten und sehr ungesunden hygienischen Verhältnissen arbeiten müssen.»

Der gute Hausgeist

Einer, der das Haus als solches aus dem Effeff kennt, ist Mario Marti, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Stadtarchiv. Bis zum Auszug des Stadtarchivs Ende 2009 hat er während dreier Jahrzehnte im Erlacherhof gearbeitet. Es sei ein Riesenprivileg, in einem solch altehrwürdigen und wichtigen Gebäude ein und aus zu gehen, sagt er. Er habe jeden Winkel kennen gelernt – auch denjenigen, in welchem sich nie Spinnweben ansetzten. «Dort», so Marti, «ist die Ecke von Hausgeist Hieronymus, der sich ab und zu durch ein unbestimmbares Rascheln oder Knacken bemerkbar macht.» Hieronymus sei kein böser Geist und stets präsent. «Man spürt ihn einfach», sagt Marti. «Vielleicht macht genau er die spezielle Atmosphäre im Erlacherhof aus.» (Der Bund)

Erstellt: 28.07.2010, 13:01 Uhr

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