Porträt

Ein Mäzen zwischen Missen und Heimkindern

Der schillernde Zuger Unternehmer Guido Fluri rettete die Miss-Schweiz-Wahlen. Er ist aber vor allem sozial engagiert. Jetzt eröffnet seine Stiftung eine nationale Gedenkstätte für Heim- und Verdingkinder.

Mahnmal gegen das Vergessen: Das frühere Kinderheim im solothurnischen Mümliswil ist jetzt ein Begegnungs- und Ausstellungsort, der an die Heim- und Verdingkinder erinnert.

Mahnmal gegen das Vergessen: Das frühere Kinderheim im solothurnischen Mümliswil ist jetzt ein Begegnungs- und Ausstellungsort, der an die Heim- und Verdingkinder erinnert.

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Es gehört zu den dunkelsten Kapiteln der Schweizer Geschichte: Das Schicksal von Heim- und Verdingkindern sowie anderer Opfer von fürsorgerischen Massnahmen. Noch vor wenigen Jahrzehnten wurden zehntausende Kinder fremd platziert – wegen Armut, Verwahrlosung, Unehelichkeit, Tod oder Scheidung der Eltern. Nicht selten mussten diese Kinder psychische und physische Gewalt erleiden, oder auch sexuelle Übergriffe. Sie wurden ausserdem auf Bauernhöfen als Knechte ausgebeutet sowie in Kinderheime gesteckt, wo sie fragwürdigen Erziehungsmethoden ausgesetzt waren.

Eines dieser früheren Kinderheime befindet sich in Mümliswil (SO). Und dort ist nun eine nationale Gedenkstätte für Heim- und Verdingkinder entstanden. Die Gedenkstätte, die am Samstag eröffnet wird, ist als Begegnungszentrum und Ausstellungsort konzipiert.

Initiant Guido Fluri war selber ein Heimkind

Hinter dem Projekt steht der schillernde Zuger Unternehmer Guido Fluri, der selber ein Heimkind war. Er verbrachte eine Zeitlang im Kinderheim Mümliswil, wo er teils schlimme Erfahrungen gemacht hatte, über die er erst viele Jahre später sprechen konnte. Trotz eines schlechten Starts in das Leben konnte er sich nach oben arbeiten. Er wuchs bei Pflegeeltern auf und schlug sich nach der Schule als Tankwart durch, bevor er in den 1980er Jahren ohne Ausbildung ins Immobiliengeschäft einstieg. Als Immobilienunternehmer brachte er es zu grossem Reichtum.

Heute gebietet er über ein Liegenschaftenimperium, das mehrere hundert Millionen Franken wert sein soll. Die Fluri Real Estate AG besitzt Immobilien an Top-Lagen in Zürich, Basel, Luzern und Zug. Der in Cham lebende Fluri ist verheiratet und Vater von drei Kindern im Alter von fünf bis zwölf Jahren.

Engagement für Miss-Schweiz-Organisation

Für Schlagzeilen sorgte Fluri, als er im Sommer 2012 überraschend die finanziell angeschlagene Miss-Schweiz-Organisation übernahm. Dank seines Geldzustupfs in unbekannter Höhe können die Miss-Schweiz-Wahlen in diesem Jahr wieder stattfinden. «Die Miss Schweiz soll Freude bereiten. Wenn wir das erreichen, ist das schon genug», sagte Fluri in einem Interview der Zeitung «Zentralschweiz am Sonntag». «Ich möchte aber mithelfen, dass die künftige Miss Schweiz ihre Popularität dafür einsetzt, dass Menschen dort hinschauen, wo andere wegschauen.»

Mit einem namhaften Teil seines Vermögens finanziert der 46-Jährige vor allem seine eigene gemeinnützige Stiftung. Die Guido-Fluri-Stiftung verfolgt Zwecke, die alle einen Bezug zur persönlichen Geschichte des Stiftungsgründers haben. Mit dem Thema «Gewalt an Kindern» setzt sich die Stiftung für das Wohl von Pflegekindern ein.

«Traumatisierte Kinder brauchen höchste Aufmerksamkeit»

«Um sich der Problematik von Gewalt an Kindern bewusst zu werden, müssen wir die Geschichte der Kinderheime in der Schweiz aufarbeiten und zur Diskussion stellen», sagt Fluri. Und er verweist auf die Aktualität des Problems: Auch heute würden jedes Jahr viele tausend Kinder aus ihren Ursprungsfamilien herausgerissen und in Heimen oder Pflegefamilien platziert. «Diese meist traumatisierten Kinder brauchen unsere höchste Aufmerksamkeit, um unbeschwert aufwachsen zu können», sagt Fluri.

In der Gedenkstätte im solothurnischen Mümliswil soll die Situation der Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen für die Besucher erlebbar, aber auch Nähe und Verbundenheit zu den Betroffenen geschaffen werden. Das Museumskonzept basiert auf den Arbeiten des Zürcher Historikers Thomas Huonker, der die Geschichte der Schweizer Kinderheime und des Verdingwesens im Auftrag der Guido-Fluri-Stiftung durchleuchtete. Gespräche mit Betroffenen, Zeitdokumente oder Fotoreportagen aus jenen Jahren ermöglichen einen unmittelbaren Einblick in die Geschehnisse einer dunklen Epoche der Schweizer Geschichte, die erst Anfang der 1980er Jahre zu Ende ging. Nicht zuletzt ist das frühere Kinderheim in Mümliswil ein Mahnmal gegen das Vergessen – das Vergessen der Schicksale zahlreicher Heim- und Verdingkinder. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.05.2013, 19:50 Uhr

Vom Heimkind zum Erfolgsunternehmer: Guido Fluri.

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