Ein Nest des Widerstands gegen Blochers Kurs

Keine andere SVP-Kantonalpartei rückt so oft von der Parteilinie ab wie die Thurgauer. Auch jetzt wieder.

Erlauben es sich, eine eigene Meinung zu vertreten, statt einfach mit den anderen Kantonalparteien ins gleiche Horn zu blasen: Die Thurgauer SVP.

Erlauben es sich, eine eigene Meinung zu vertreten, statt einfach mit den anderen Kantonalparteien ins gleiche Horn zu blasen: Die Thurgauer SVP. Bild: Alessandro Della Bella/Keystone

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Sie hat es schon wieder getan. Am Dienstagabend, 20.30 Uhr, fasst die SVP Thurgau erneut eine andere Parole als die Mutterpartei. Sie sagt Ja zur Hausarztmedizin-Vorlage, die am 18. Mai an die Urne kommt, die SVP Schweiz Nein. «Wir dürfen unsere Hausärzte nicht im Regen stehen lassen», beschwört Präsident Ruedi Zbinden die Delegierten in der Turnhalle des Schulhauses Mühli.

Die Thurgauer SVP, das zeigt eine Analyse der Abstimmungsparolen, hält sich von allen Kantonalparteien am wenigsten an die Linie der SVP Schweiz (TA vom 22. April). Sie sagte Ja zu einer teureren Autobahnvignette, die SVP Schweiz Nein. Die Thurgauer waren für die Abzockerinitiative, die Schweizer dagegen. Selbst die ureigene SVP-Initiative «Volkswahl des Bundesrats» lehnten sie schnöde ab. Als sie 2009 sogar bei einem so sensiblen Thema wie der Erweiterung der Personenfreizügigkeit ­anders stimmten, kam es zum Eclat. ­Blocher verlor die Geduld mit den Abweichlern im Osten und schimpfte sie auf Thurgauer Boden ein «faules Nest».

Thurgauer haben ihre Hymne

Bevor die Widerständischen scheinbar unbeirrt wieder eine andere Parole ausgaben, erhoben sie sich von den Bänken. Breitschultrige Männer mit dicken Oberarmen und geröteten Wangen. Sie falteten die Hände vor dem Hosenbund und sangen das Thurgauerlied. «O Thurgau, du Heimat, wie bist du so schön. Wie bist du so schön.» Unterstützt wurden sie von der Musik Stettfurt-Matzingen, 15 Köpfe, Fähnrich inklusive. Da bei dieser Grösse jede Stimme zählt, war der Präsident der Ortspartei an der Trompete statt am Rednerpult, der Dirigent an der Klarinette. Immer, wenn das Spiel auseinanderzufallen drohte, stand er auf und dirigierte ausholend und mit der Klarinette am Mund, bis sich die Musikanten wieder fanden.

Das Thurgauerlied singen sie hier lieber als die Nationalhymne. Wie sie sich erlauben, eine eigene Meinung zu vertreten, statt mit den anderen Kantonalparteien ins gleiche Horn zu blasen, wie ein Delegierter sagt, auch er breitschultrig und dickarmig. «Die Zürcher haben natürlich keine Freude an uns», meint er. Aber der Erfolg gebe ihnen recht; sie haben einen Wähleranteil von fast 40 Prozent. «Wir Thurgauer politisieren konstruktiver, kompromissbereiter und ziehen nicht einfach etwas durch, wenn alle anderen dagegen sind.» Der Nachbar pflichtet ihm bei: «Es bringt nichts, alle anderen als ‹Tuble› zu behandeln.»

So ist es letztlich der Erfolg im eigenen Kanton und weniger ein widerspenstiger Wesenszug, der die Harmonie mit der Mutterpartei regelmässig stört. Die SVP ist tief in der Bevölkerung verankert, ihre Mitglieder sind überall, nicht nur auf den Bauernhöfen. Sie sind unter den Ärzten, Rechtsanwälten oder Gemeindeangestellten, unter den Turnern, Schwingern oder Schützen. Politisch decken sie das ganze Lager rechts der Mitte ab; im Thurgau konnte die BDP nicht auf abtrünnige SVPler zurückgreifen.

«Wir sind eine staatstragende Partei»

Die SVP Thurgau ist keine Polterpartei, die aus der Opposition heraus Stimmung macht. SVP-Mitglieder sagen hier im Gegenteil stolz: «Wir sind eine staatstragende Partei.» Sie stellen zwei der fünf Regierungsräte und die halbe Abordnung nach Bern: drei der sechs Nationalräte plus einen Ständerat. «Wir können deshalb nicht so pointiert auftreten und müssen breiter abgestützt politisieren», erklärt SVP-Nationalrat und Ex-Bauernverbandspräsident Hansjörg Walter, der an diesem Abend die Pädophileninitiative vorstellt.

Weil sie einen so grossen Teil der Bevölkerung vertrete, konnte die Partei auch nicht gegen die Hausarztvorlage sein, wie Präsident Ruedi Zbinden sagt. Vor der Delegiertenversammlung haben ihn Wähler angerufen, die befürchten, dass sie auf dem Land bald keinen Hausarzt mehr haben. «Ihr seit hoffentlich nicht dagegen», fragten sie besorgt.

So reagierte man betupft, als Blocher die SVP Thurgau als faules Nest bezeichnete. Wie hätte sie gegen die erweiterte Personenfreizügigkeit sein können, wenn viele Bauern und mit Stadler Rail einer der wichtigsten Arbeitgeber ausländische Arbeiter brauchen? «Auch ­Blocher sollte so etwas nicht sagen. Er weiss, dass wir gute SVPler sind», sagt Zbinden. Noch die besseren SVPler sind in den Augen Blochers wohl jene der Jungen SVP Thurgau. Sie sind mehr auf Kurs der SVP Schweiz und wurden schon zu deren Speerspitze gegen die widerständischen Alten hochstilisiert. Wenn sie es ist, wird sie es kaum bleiben, denn ihr Präsident Oliver Straub sagt: «Wir Jungpolitiker können noch eher ausscheren.»

«Das ist schon eigen»

Heute sind die Differenzen bereinigt: «Wenn eine Kantonalpartei aus regionalen Interessen anders stimmt, ist das kein Problem für mich», sagt SVP-Präsident Toni Brunner. Die SVP sei eine föderalistische Partei. Ihm wäre nicht wohl, wenn sie ein Einheitsbrei wie im linken Lager wäre. Den progressiven Thurgauern rät er, das Wertkonservative nicht zu vernachlässigen. Sonst könne es sein, dass die Bevölkerung wie bei Harmos nicht mit ihr stimme, sondern mit der SVP Schweiz. Immerhin waren die Thurgauer am Dienstag bei den wichtigen Vorlagen auf Kurs: Sie wollen keinen Mindestlohn, aber neue Kampfjets.

Erstellt: 24.04.2014, 02:03 Uhr

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