Ein Sympathieträger allein genügt nicht

Der Milliardär Hansjörg Wyss platzt in eine EU-Debatte, die in der Schweiz erstarrt ist.

«Wir verbauen unseren Kindern die Zukunft»: Hansjörg Wyss warnt vor einem Bruch mit dem bilateralen Weg.

«Wir verbauen unseren Kindern die Zukunft»: Hansjörg Wyss warnt vor einem Bruch mit dem bilateralen Weg. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für die Schweiz kam die Rettung immer wieder von aussen. Als die Uhrenindustrie in den Siebzigerjahren auf dem Boden lag, wurde sie vom Libanesen Nicolas Hayek in die Zukunft geführt. Als die Swiss trotz Hunderter Millionen Franken aus der Staatskasse nicht richtig abheben wollte, sprang 2005 die Lufthansa ein. Selbst die Grundzüge des heutigen Föderalismus – der Kern unseres politischen Selbstverständnisses – sind nicht allein auf Schweizer Mist gewachsen. Napoleon diktierte sie den Eidgenossen, um den Bürgerkrieg zu beenden, der zwischen 1798 und 1802 wütete.

Um Rettung ging es auch vergangenen Mittwoch, als in Bern der öffentlichkeitsscheue Unternehmer Hansjörg Wyss auftrat, um das Land nach dem Ja zur SVP-Zuwanderungsinitiative vor einem Bruch mit dem bilateralen Weg zu warnen. Wie eine Sternschnuppe tauchte er aus dem Nichts am politischen Himmel auf. «Wir verbauen unseren Kindern die Zukunft», warnte der Milliardär, der seit Jahrzehnten in den USA lebt. Die SVP und Christoph Blocher bezeichnete er als «Ratten­fänger von Seldwyla».

Lasst die Detailfragen

Vor allem aber mahnte Wyss, die Schweiz dürfe sich nicht mit Detail­fragen aufhalten, wo es wirtschaftspolitisch um ihre Existenz gehe: «Oft reden wir nur darüber, dass Brüsseler Bürokraten uns vorschreiben wollen, wie gross die Kartoffeln sein dürfen», sagte er im «Blick». «Natürlich ist das Chabis! Das muss man halt ignorieren. Bürokraten gibt es überall, auch in Bern.» Schränke die Schweiz ihre internationale Kooperation ein, könnten ihre Universitäten und ihre Unternehmen bald einmal dichtmachen.

Einen ähnlich frischen und unverbrauchten Auftritt gab es in der EU-Debatte in den letzten Jahren nicht. Zwar haben die bürgerlichen Politiker Ruedi Noser und Gerhard Pfister die Plattform «SuccèSuisse» gegründet, die genau solche Persönlichkeiten wie Wyss dafür gewinnen will, sich prominent für den Kampf gegen Anliegen aus der linken und rechten Ecke zu engagieren, die sie für wirtschaftsfeindlich halten. Doch der grosse Auftritt blieb aus. In der Debatte um die Zuwanderungsinitiative gelang es dem Zürcher Freisinnigen und dem Zuger Christdemokraten nicht, einen Unternehmer zur zentralen Figur im Abstimmungskampf zu machen. Niemand war bereit, derart Klartext zu reden wie Wyss. Niemand hatte einen derartigen Sympathiebonus wie der Berner, der versprochen hat, die Hälfte seines Vermögens von rund 11 Milliarden Franken für gute Zwecke zu spenden.

Geht es um die schwierige Europafrage, braucht es offenbar einen Weltenbürger – einen, der von aussen kommt –, um wieder etwas Schwung in die Debatte zu bringen.

Nur die Initialzündung

Die Abwesenheit von glaubwürdigen Figuren als Kontrahenten von Blocher ist bezeichnend für die Schweizer Wirtschaft. Einerseits herrscht vielerorts die pure Angst vor seiner Propagandamaschine. Niemand aus der Wirtschaft mag sich dieser in den Weg stellen und als Volksfeind verunglimpft werden. Andererseits hat es sich die Wirtschaft zu bequem eingerichtet mit den Errungenschaften der Bilateralen und jede Diskussion um deren Weiterentwicklung gescheut. Wohl wissend um den Druck aus Brüssel, wo man mit dem Status quo schon länger nicht mehr zufrieden ist. Wohl wissend auch um die kritischen Stimmen in der Schweiz, die sich schon vor der Abstimmung über die SVP-Initiative mehrten.

Viel deutet darauf hin, dass es mit der bisherigen Bequemlichkeit nicht mehr weitergehen kann. Nur schon die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative ist eine Knacknuss für die Schweiz. Andere Debatten stehen an, die das Schweizer Selbstverständnis noch stärker infrage stellen. Wie stark soll sich die Schweiz institutionell der EU angliedern? Soll sie sich gar fremden Richtern unterordnen?

Das sind die grossen Fragen, zu denen die Wirtschaft kluge Antworten präsentieren muss, wenn sie die Bilateralen retten will. Um eine klare Stossrichtung zu entwerfen, muss sie auch sagen, welches die unschönen Details sind, mit denen sich die Schweiz abfinden muss. Einen Sympathieträger wie Wyss an der Seite zu haben, kann in dieser Ausgangslage ein Vorteil sein. Allzu viel sollte man vom bescheidenen Milliardär im abgetragenen Anorak aber nicht erwarten. Mehr als die Initialzündung für eine neue Debatte wird der 79-Jährige, der schon lange in den USA zu Hause ist, wohl nicht beitragen können.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.10.2014, 07:06 Uhr

Artikel zum Thema

«Ein Haufen aufgeschreckter Hühner»

Interview Das Plädoyer des Unternehmers Hansjörg Wyss für die bilateralen Verträge sei ein Weckruf, sagt Politikberater Mark Balsiger. Den müssten die politischen Kräfte nun nutzen. Mehr...

Milliardär stellt sich gegen die SVP

Zuwanderungsinitiative gefährdet Bilaterale: Der Unternehmer Hansjörg Wyss ist bereit, eine Initiative zur Rettung der Verträge mit der EU zu finanzieren. Mehr...

«Rattenfänger von Seldwyla»

Der Milliardär Hansjörg Wyss stellt sich gegen den Kurs der SVP. Die Partei riskiere eine ­Abschottung ­der Schweiz. Das bekämen als­ ­Erste die Wissenschaftler zu spüren. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Zylinder und PS: Ein Besucher des Royal-Ascot-Pferderennens beobachtet das Geschehen von einer Parkbank aus. (18. Juni 2019)
(Bild: Mike Egerton) Mehr...