Ein Zimmer allein genügt nicht

Was muss jemand bieten können, wenn er Vertriebene bei sich zu Hause aufnehmen will? Was muss er tun, und was bekommt er dafür?

Viele Schweizer wollen nicht nur zuschauen, sondern privat helfen: Flüchtlinge essen am Boden im Asylzentrum Enggistein bei Worb BE. (28. Februar 2013)

Viele Schweizer wollen nicht nur zuschauen, sondern privat helfen: Flüchtlinge essen am Boden im Asylzentrum Enggistein bei Worb BE. (28. Februar 2013) Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Das Ehepaar Schmid* ist bereit. Ginge es nach ihm, könnte schon morgen eine Flüchtlingsfamilie in das Haus einziehen; es hat Platz, seine drei Kinder sind ausgezogen. Die Schmids, Anfang 60, haben früher in mehreren arabischen Ländern gewohnt und gearbeitet und fühlen sich mit der Region verbunden. Er ist Techniker, sie hat im familiären Betrieb mitgearbeitet und engagiert sich heute in der Kirchgemeinde. Als das Ehepaar im Fernsehen die Bilder des zerbombten Syriens sah, das Elend in den Flüchtlingslagern, fühlte es sich verpflichtet zu helfen. Es meldete sich im Frühling bei der Flüchtlingshilfe. «Wir können dem Elend nicht länger zuschauen. Wir möchten etwas tun», begründeten sie. Nun warten sie nur noch darauf, bis die Behörden die letzten Abklärungen getroffen haben.

Wie Schmids haben sich bis heute über 150 Personen bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe gemeldet. Dies, nachdem deren Generalsekretär letzten Herbst im «Blick» Private aufgerufen hat, Flüchtlinge bei sich aufzunehmen. Bis heute konnten aber keine platziert werden. Es müssten viele Fragen geklärt werden, sagt Mediensprecher Stefan Frey. Dass jeder Kanton bei der Unterbringung der Flüchtlinge wieder anders verfahre, erschwere die Sache zusätzlich. Zurzeit prüft etwa der Kanton Aargau zwei bis drei Angebote von Privaten. Wo das Ehepaar Schmid wohnt, will Frey erst bekannt geben, wenn die Flüchtlinge eingezogen sind; er möchte vermeiden, dass das Vorhaben von allfälligen negativen Reaktionen aus der Nachbarschaft verhindert wird.

Ferienhaus für Flüchtlinge

Was aber müssen die 150 Personen bieten, was müssen sie tun, wenn sie Flüchtlinge aufnehmen wollen? Laut Frey müssen sie mehr als ein Zimmer sowie ihre Küche zur Verfügung stellen. Oft sind Mütter mit ihren Kindern geflohen, manchmal auch ganze Familien, und sie brauchen Platz. Ideal ist eine Einliegerwohnung mit separatem Eingang. Es eignet sich aber auch ein Stockwerk mit eigener Nasszelle in einem Einfamilienhaus wie beim Ehepaar Schmid. Das Haus verfügt über sieben Zimmer, mindestens drei will es Flüchtlingen überlassen.

Es gelangen auch Personen an die Flüchtlingshilfe, die ihr Ferienhaus anbieten – laut Frey keine abwegige Idee. In der Gemeinde müsse aber jemand bereit sein, den Flüchtlingen beizustehen, etwa ein Forum von Freiwilligen. «Man kann den Flüchtlingen nicht einfach den Schlüssel in die Hände drücken und sie dann sich selber überlassen.»

Die Gastgeber müssen die Flüchtlinge nicht rund um die Uhr betreuen. Sie sollen sie, wie Frey sagt, aber durch den Alltag begleiten: «Das Leben in der Schweiz ist für Auswärtige nicht einfach zu begreifen.» Schon kleine Dinge wie etwa der Abfall können für sie eine Herausforderung sein. So müssten sie etwa lernen, dass sie nicht alles in den Sack werfen und ihn auch nur an einem bestimmten Tag vors Haus stellen dürfen. Wenn die Gastgeber die Flüchtlinge in den Alltag einführen, so hofft die Hilfsorganisation, können sie nach einem Jahr in eine eigene Wohnung ziehen und zu arbeiten beginnen. Da die Integration das Ziel ist, will sie nur jene Flüchtlinge bei Privatpersonen platzieren, die gute Chancen haben, in der Schweiz bleiben zu dürfen.

Es kann aber auch schiefgehen, wenn Menschen zusammenleben sollen, die sich fremd sind, die aus verschiedenen Kulturkreisen stammen und nicht einmal dieselbe Sprache sprechen. «Man muss vorsichtig vorgehen», sagt denn auch Stefan Frey. Schon leicht andere Gewohnheiten könnten zu Konflikten führen. Etwa wenn die Flüchtlinge während des Ramadan nicht gutschweizerisch um 18 Uhr, sondern erst nach Sonnenuntergang essen. Bevor die Flüchtlinge bei den Gastgebern einziehen, sollen sie sich deshalb erst kennen lernen – mit der Möglichkeit, von ihrem Angebot zurückzutreten. Und für den Fall, dass es nicht klappt, braucht es ein Ausstiegsszenario, das etwa das Durchgangsheim sein könnte. Die Flüchtlingshilfe will ein- bis zweimal pro Woche ein Coaching mit einem Übersetzer durchführen und die Erfahrungen rapportieren.

Die 150 Personen, die sich als Gastgeber meldeten, sind wie die Schmids meist älter als 45 Jahre, die Kinder sind ausgezogen. Es sind Leute, die laut Frey ihre Fähigkeiten im Leben bewiesen haben – pensionierte Lehrer etwa, Inge­nieure oder Personen mit sozialen Berufen. Es sind aber auch jüngere Paare darunter, die möchten, dass ihre Kinder zur Flüchtlingsfamilie eine Beziehung aufbauen. Bisher überprüfte die Flüchtlingshilfe den Leumund möglicher Gastgeber nicht. Laut Frey könnte sie dies künftig aber tun. Heute besucht sie die Interessenten lediglich zu Hause und bespricht mit ihnen das Vorgehen.

Gutes tun nur für die Miete

Und was bekommen die Gastgeber für ihr Engagement? Sie werden einzig für die Logis bezahlt – fürs Essen bekommen die Flüchtlinge selber Geld. Wie viel der Kanton Aargau für die Miete zahle, sei offen, sagt Balz Bruder, Sprecher des Departements für Gesundheit und Soziales. Das werde von Fall zu Fall festgelegt. Es sei jedoch ein zweischneidiges Schwert: Der Betrag solle nicht so hoch sein, dass sich Leute meldeten, die nur Geld verdienen wollten, aber auch nicht so tief, dass der Eindruck entstehe, der Kanton wolle die Gastgeber benutzen, um seine Flüchtlinge günstig unterzubringen.

Die Leute, die sich als Gastgeber meldeten, wollten vor allem helfen und sich um Flüchtlinge kümmern, sagt Stefan Frey. Diesen Eindruck habe er in den Gesprächen bekommen. Er könne sich vorstellen, dass manche auch ins eigene Portemonnaie greifen würden, etwa um ihren Gästen die Schweiz zu zeigen.

Schon vor dem Aufruf der Flüchtlingshilfe haben Private vereinzelt Vertriebene bei sich aufgenommen – oder versteckt, damit sie nicht ausgeschafft werden. Zu ihnen gehört etwa die Bas­lerin Anni Lanz, die sich seit Jahren für Flüchtlinge einsetzt. Auch einige Flüchtlinge aus der Berner Notunterkunft Hochfeld können bei Privaten wohnen. Sie bekommen dafür 350 Franken pro Monat für Kost und Logis.

Wie viele Flüchtlinge in der Schweiz bereits heute bei Privaten wohnen, wird von keiner Stelle erhoben; letztlich liegt es in der Verantwortung jeder einzelnen Gemeinde, eine Unterkunft für die zugewiesenen Flüchtlinge zu finden. So weiss etwa die Sicherheitsdirektion des Kantons Zürich nicht, ob Private Flüchtlinge bei sich beherbergen. Und sie plant auch nicht, diese dazu zu ermuntern.

* Name geändert

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.07.2014, 08:50 Uhr

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Weiterhin dürfen ansässige Syrer Kinder oder Ehepartner als Familiennachzug in die Schweiz holen. Laut einer Sprecherin des Bundesamts für Migration hat der Bundesrat aber keinen Beschluss gefasst, zusätzlich 5000 Vertriebene aus Syrien aufzunehmen, wie dies Medien berichteten. (jho)

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